Hautpflege: Ist der Hype um Skincare berechtigt?

Dieser Artikel wurde erstmals am 23.04.2026 veröffentlicht.
In den letzten Jahren hat die Dermatologin Rajani Katta eine Veränderung bei ihren Patientinnen und Patienten festgestellt: Deren Hautpflege-Routinen sind immer komplizierter geworden, manche umfassen bis zu zwölf Schritte. Häufig greifen diese Menschen zu Produkten, die sie über soziale Medien entdeckt haben. Die meisten davon seien wissenschaftlich kaum untersucht. Dass einige ihrer Haut damit sogar schaden, sei den Betroffenen nicht bewusst, sagt Katta, die sich am University of Texas Health Science Center in Houston auf empfindliche Haut und Allergien spezialisiert hat. »Menschen experimentieren viel eher an sich selbst, als es früher der Fall war«, stellt sie fest.
Bereits Kinder im Alter von neun Jahren interessierten sich zunehmend für Hautpflegeprodukte und mehrstufige Pflegeroutinen, sagt Peter Lio, ein auf Ekzeme spezialisierter Dermatologe an der Northwestern University in Evanston, Illinois. Milde Reinigungsprodukte, Feuchtigkeitscremes und Sonnenschutzmittel seien für Kinder im Allgemeinen unbedenklich. Seren mit hochkonzentrierten Wirkstoffen und Anti-Aging-Produkte dagegen, die eigentlich für Ältere gedacht sind, könnten bei jüngerer Haut großen Schaden anrichten.
Weltweit scheint das Interesse an »Skincare« größer zu sein als je zuvor. Die Branche wird 2026 voraussichtlich global mehr als 200 Milliarden US-Dollar umsetzen. Treibende Kraft des Kults um jugendlich strahlende Haut sind Social-Media-Plattformen wie TikTok, wo Hashtags wie #SkinTok monatlich mehr als eine Milliarde Aufrufe erzielen. Die Plattformen haben dazu beigetragen, eine Welle von Hautpflegetrends anzustoßen, von der Verwendung von Rindertalg als Feuchtigkeitscreme bis hin zur »glass skin«, einem glatten, strahlenden Teint, der mithilfe Dutzender teurer Produkte erreicht werden soll. Gleichzeitig kursieren dort unzählige Fehlinformationen, etwa zu Sonnenschutzmitteln.
Dabei ist das Rezept für eine gesunde Haut einfach: den Empfehlungen der Dermatologen folgen. Doch es geht nicht nur darum, was man auf die Haut aufträgt oder wie man sie reinigt. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass bestimmte Lebensstilfaktoren womöglich noch wichtiger sind als Pflegeprodukte und tägliche Rituale. Nicht selten stehen die Hautempfehlungen von Ärzten aber im Widerspruch zu dem, was in den sozialen Medien verbreitet wird.
»Die Gesundheit der Haut ist wichtig für die allgemeine Gesundheit«Mao-Qing Man, Dermatologe
Außerdem zeigen aktuelle Forschungsergebnisse zunehmend die engen Interaktionen zwischen der Haut und anderen Organsystemen auf. Es werde immer klarer, dass gesunde Haut weit über das äußere Erscheinungsbild hinaus wirke, sagt Mao-Qing Man, Dermatologe an der Hebei Medical University in Shijiazhuang, China: »Die Gesundheit der Haut ist wichtig für die allgemeine Gesundheit.«
Unsere Haut ist ein dynamisches Organ
Die Haut dient als Schutzhülle des Körpers und bildet die erste Verteidigungslinie gegen eine Vielzahl äußerer Bedrohungen, darunter Krankheitserreger, Chemikalien und ultraviolette Strahlung. Anatomisch besteht sie aus drei Hauptschichten: von innen nach außen gesehen der Hypodermis, der Dermis und der Epidermis. Letztere produziert ständig neue Hautzellen, um die rund 40 000 abgestorbenen zu ersetzen, die der Körper täglich abwirft.
Die äußerste Schicht der Epidermis ist das Stratum corneum, besser bekannt als Hornschicht. Der wasserfeste Schutzschild besteht aus sogenannten Korneozyten – flachen, abgestorbenen Zellen, die mit dem Protein Keratin gefüllt sind. Diese widerstandsfähigen Zellen sind von Lipiden umgeben, die als Ceramide bezeichnet werden. Sie schließen Feuchtigkeit ein und halten Eindringlinge von der Haut fern.
Biologie-Lehrbücher vergleichen die Hautbarriere oft mit einer Backsteinmauer. Doch tatsächlich entspricht sie eher einem lebenden Ökosystem aus physikalischen, chemischen, mikrobiellen und immunologischen Komponenten, sagt Peter Lio: »Unsere Hautbarriere ist unglaublich dynamisch und komplex.«
Welche Skincare-Produkte sind gut für die Haut?
Aber es sei auch »ziemlich leicht, sie zu ruinieren«, so Lio. Beliebte kosmetische Behandlungen wie chemische Peelings – bei denen vorübergehend die äußeren Hautschichten entfernt werden, um Falten und Aknenarben zu reduzieren – können die Hautbarriere dauerhaft schädigen und empfindlicher machen, wenn sie falsch oder zu häufig durchgeführt werden. »Die Haut verfügt zwar über starke Regenerationsfähigkeiten«, doch manche Behandlungen könnten diese außer Kraft setzen, sagt Rajani Katta.
Typische Anzeichen einer geschwächten Hautbarriere sind anhaltende Trockenheit, Juckreiz und Rötungen, oft begleitet von Akne und Infektionen. Solche Schädigungen erhöhen der Dermatologin zufolge das Risiko für chronische Hauterkrankungen wie atopische Dermatitis, Psoriasis und sogar für Allergien. Sie können es auch Krankheitserregern erleichtern, die Barriere zu überwinden – etwa Staphylococcus aureus, einem Bakterium, das Abszesse und in schwereren Fällen Blutvergiftungen verursachen kann.
Ein häufiger Fehler im Alltag ist der übermäßige Gebrauch von aggressiven Seifen, Reinigungsmitteln und sogenannten Adstringenzien. Letztere entziehen Gewebe Wasser, sagt Daniel Kaplan, ein auf das Immunsystem spezialisierter Dermatologe an der University of Pittsburgh in Pennsylvania. Sie enthalten oft Alkohol oder Hamamelis und können helfen, überschüssiges Fett, Make-up und Akne verursachende Bakterien zu entfernen. Gleichzeitig beseitigen sie jedoch natürliche Hautfette, welche die Hautbarriere eigentlich intakt halten, erklärt Kaplan.
Zu der Barriere gehört auch eine dünne, filmartige Schicht aus Ölen, Fettsäuren und Aminosäuren: der Säureschutzmantel. Er stabilisiert die Haut und schafft die notwendigen Bedingungen für ein gesundes Mikrobiom. Aggressive Produkte entfernen diese Lipide und erhöhen den pH-Wert. Das wiederum schwächt die Gemeinschaft nützlicher Mikroorganismen, wodurch sich krankheitsverursachende Arten vermehren können. Sehr heißes Duschen kann die Hautbarriere ebenfalls schädigen, sagt die Ärztin Tamia Harris-Tryon, die am University of Texas Southwestern Medical Center in Dallas zum Hautmikrobiom forscht: »Ist das Wasser heiß genug, Öl von Ihren Töpfen und Pfannen zu lösen, entfernt es auch die natürlichen Öle von Ihrem Körper.«
Dabei sind die Regeln für eine hautschonende Pflege erstaunlich einfach. Die American Academy of Dermatology empfiehlt, das Gesicht zweimal täglich mit einem milden Reinigungsmittel zu waschen, anschließend eine Feuchtigkeitscreme aufzutragen und tagsüber Sonnencreme sowie schützende Kleidung zu nutzen. Mehr braucht es in der Regel nicht.
Der größte Feind der Haut ist die Sonne
Langfristig gibt es kaum etwas Schädlicheres für die Haut als eine übermäßige Belastung durch UV-Strahlung, sei es durch natürliches Sonnenlicht oder durch Solarien, sagt Elsemieke Plasmeijer, Dermatologin und Epidemiologin am Niederländischen Krebsinstitut in Amsterdam. UV-Strahlung ist die häufigste Ursache für Melanome, die tödlichste Form von Hautkrebs. Im Jahr 2022 starben laut der Internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit fast 60 000 Menschen an einem Melanom.
Die beiden Hauptarten der UV-Strahlung, die die Erdoberfläche erreichen – UV-A und UV-B –, wirken sich auf unterschiedliche Weise auf die Haut aus. UV-A-Strahlung löst in der Dermis oxidativen Stress aus und baut Kollagen sowie Elastin ab. Diese Proteine verleihen dem Gewebe Struktur und Flexibilität. UV-B-Strahlung hingegen erreicht nur die Epidermis, verursacht dort Sonnenbrand und schädigt die DNA, was das Risiko für Hautkrebs erhöht. Eine Studie aus dem Jahr 2019 zeigte, dass beide UV-Strahlungs-Arten die Funktion eines Strukturproteins stören, das für den Zusammenhalt der Zellen in der Hautbarriere wichtig ist. Das führte zu schwächeren Verbindungen zwischen den Korneozyten und damit zu einer weniger widerstandsfähigen Hautbarriere.
Eine übermäßige UV-Belastung entsteht nicht nur durch stundenlanges Sonnenbaden am Strand. Ende 2025 berichtete ein Forschungsteam um Pedram Gerami, einen auf Hautkrebs spezialisierten Dermatologen an der Northwestern University, dass Solariengänger ein dreimal höheres Risiko haben, an einem Melanom zu erkranken, als eine Vergleichsgruppe ohne künstliche Bräunung. Zudem trat bei ihnen selbst an Körperstellen wie den Oberschenkeln, die normalerweise weniger von Sonnenschäden betroffen sind, häufiger ein Melanom auf.
Die Solarienbranche argumentiert oft, Sonnenbänke seien sicherer als natürliches Sonnenlicht, da sie mehr UV-A- als das DNA-schädigende UV-B-Licht abstrahlten. Doch diese Behauptung ist falsch, sagt Gerami. »Die UV-A-Strahlung ist rund 10- bis 15-mal höher als im Freien«, sagt er. Die WHO stuft Solarien als krebserregend ein – in dieselbe Kategorie wie Asbest und Zigarettenrauch.
Mehrere Langzeitstudien haben gezeigt, dass Sonnenschutzmittel das Hautkrebsrisiko einschließlich jenes für Melanome erheblich senken. Die WHO empfiehlt ein Breitspektrum-Sonnenschutzmittel mit einem Lichtschutzfaktor von 30 oder höher, das sowohl vor UV-A- als auch vor UV-B-Strahlung schützt, sowie abschirmende Kleidung wie langärmelige Hemden und größere Hüte. Zudem sollte man die Sonne zwischen 10 und 14 Uhr möglichst meiden, da sie dann am stärksten ist, erklärt Elsemieke Plasmeijer.
Schützende Kleidung sei wichtig, da die Qualität von Sonnencremes stark variieren könne, fügt sie hinzu. Im September 2025 wurden beispielsweise mehrere beliebte Sonnenschutzmittel in Australien aus dem Handel genommen, nachdem Tests der australischen Arzneimittelaufsichtsbehörde ergeben hatten, dass ihr Lichtschutzfaktor deutlich unter dem angegebenen Wert lag.
Trotz der klar belegten Wirksamkeit von Sonnencremes kursieren in den sozialen Medien zahlreiche Fehlinformationen, etwa die haltlose Behauptung, Sonnenschutzmittel würden Hautkrebs und Vitamin-D-Mangel verursachen. Solchen Unwahrheiten gehen oft jüngere Menschen auf den Leim, die noch nicht zum Hautarzt gehen, sagt die niederländische Epidemiologin.
Was ist die perfekte Skincare-Routine?
Es gibt Tausende Hautpflegeprodukte, die jugendliches Aussehen wiederherstellen und Schäden rückgängig machen sollen. Doch die Versprechungen stützen sich auf Inhaltsstoffe, für deren Wirksamkeit es kaum wissenschaftliche Belege gibt, erklärt Peter Lio. Studien haben gezeigt, dass eine einfache, ausgewogene Feuchtigkeitspflege bereits dazu beitragen kann, jede Schicht der Hautbarriere zu stärken und zu reparieren.
Die wirksamsten Feuchtigkeitscremes enthalten laut Lio drei Hauptkomponenten: Sogenannte Emollienzien wie Öle machen die Haut weich und bremsen Wasserverlust, indem sie die Lücken zwischen Hautzellen und Lipiden auffüllen. Feuchthaltemittel wie Hyaluronsäure ziehen hingegen Feuchtigkeit aus der Umgebungsluft oder aus tieferen Hautschichten an die Hautoberfläche. Okklusiva wie Vaseline bilden einen Schutzfilm auf der Haut, der Wasserverlust reduziert.
Darüber hinaus gebe es eine Handvoll weitere nachweislich wirksame Inhaltsstoffe, die gezielt bestimmte Hautprobleme adressierten, sagt Rajani Katta. Dazu zählen Retinoide, eine Gruppe von Vitamin-A-Derivaten, die häufig zum Behandeln von Akne und Psoriasis sowie gegen Hautalterung eingesetzt werden. Diese Moleküle beschleunigen den Zellumsatz und die Kollagenproduktion, was wiederum Falten und Pigmentflecken reduziert. Außerdem hemmen sie mehrere biochemische Entzündungswege, die Akne verschlimmern, und verlangsamen den Abbau von bereits in der Haut vorhandenem Kollagen.
Antioxidantien wie Vitamin C schützen wiederum vor freien Radikalen – instabilen, hochreaktiven Molekülen, die Lipide, DNA und Proteine der Haut schädigen. Eine Studie aus dem Jahr 2017 untersuchte, wie sich Vitamin C und andere Antioxidantien bei gesunden Erwachsenen auswirken, wenn sie Ozon ausgesetzt waren, einem reaktionsfreudigen Hauptbestandteil von Luftverschmutzung. Auf die Oberarme aufgetragen, verhinderten die Antioxidantien, dass durch die Ozonbelastung bestimmte Enzyme aktiviert wurden, die Kollagen und Elastin schädigen.
Auch der Lebensstil entscheidet über den Zustand der Haut
Keine noch so große Menge an Feuchtigkeitscreme oder Wirkstoffen kann jedoch die Folgen eines ungesunden Lebensstils ausgleichen, gibt Giuseppe Valacchi zu bedenken. Er forscht an der North Carolina State University in Kannapolis zur regenerativen Medizin der Haut. So schadet beispielsweise Rauchen, indem es Reparaturmechanismen in der Haut behindert, Kollagen sowie Elastin abbaut und die Durchblutung verringert, was den Transport von Nährstoffen zur Haut behindert. »Man kann auf die Haut dann alles Mögliche auftragen, es wird nichts nützen«, so Valacchi.
Ein zentraler Bestandteil eines Lebensstils, der eine gesunde Haut unterstützt, ist eine nährstoffreiche Ernährung mit reichlich Antioxidantien, Aminosäuren und Fetten, erläutert Tamia Harris-Tryon. Die Haut sei »der erste Ort, an dem man visuell erkennen kann, dass jemand unter Nährstoffmangel leidet«.
»Es geht wirklich darum, uns vor äußeren Einflüssen zu schützen«Rajani Katta, Dermatologin
Darüber hinaus mehren sich die Hinweise darauf, dass Haut und Darm eng miteinander verbunden sind. Einigen Studien zufolge können Veränderungen des Darmmikrobioms Entzündungssignale in der Haut beeinflussen. Das legt einen Zusammenhang zwischen der Gesundheit des Magen-Darm-Trakts und Hauterkrankungen wie Psoriasis nahe. Die genauen Mechanismen werden jedoch noch erforscht, sagt Harris-Tryon.
Die Haut ist dabei nicht nur ein Spiegel der inneren Gesundheit, sondern trägt auch selbst dazu bei. Wie Mao‑Qing Man und seine Kollegen bei Mäusen festgestellt haben, produziert alternde, faltige Haut mehr Entzündungsmoleküle, sogenannte Zytokine, als jüngere Haut. Demnach könnte die Haut eine Rolle beim sogenannten Inflammaging spielen – jener chronischen Hintergrundentzündung, die sich mit zunehmendem Alter einschleicht. In einer kleinen Studie aus dem Jahr 2019 fanden die Forscher zudem heraus, dass eine Hautbehandlung mit einem Emolliens bei älteren Menschen die Konzentration der im Blutkreislauf zirkulierenden Zytokine senkte. Womöglich könnte also eine entsprechende Hautpflege altersbedingte Erkrankungen lindern, die mit Entzündungen in Verbindung stehen.
Trotz der Fülle an Produkten und aufwendigen Pflegeroutinen, die makellose Haut versprechen: »Wenn wir über die Funktion unserer Haut nachdenken, geht es nicht unbedingt darum, gut auszusehen«, sagt Katta. »Es geht wirklich darum, uns vor äußeren Einflüssen zu schützen.«
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