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News: Des Orakels Drogenquelle

Das Orakel von Delphi war kaum Herr seiner Sinne - und wohl deshalb für die Weissagerei so geeignet. Angeblich berauschten sich die Priesterinnen an Dämpfen, die aus einer Erdspalte stiegen. Jetzt kamen die Geologen dem Geheimnis auf die Spur.
"Wenn Du den Fluss Halys überschreitest, wirst Du ein großes Reich zerstören", sprach, oder besser stammelte Pythia im 5. Jahrhundert vor Christus zu dem Boten des Lyderkönigs Kroisos. Dass sich die Priesterin kaum auszudrücken vermochte, lag an den süßlichen Dämpfen, die aus einem Erdspalt der irdischen Urmutter Gaia aufstiegen und die Aufgabe der Weissagung entscheidend erleicherten. Die eine oder andere Vorgängerin unterschätzte die Wirkung der Drogen allerdings und fiel - unversehens - in ein tödliches Delirium.

Neben dem Omphalos - dem "Nabel der Welt" - saß Pythia auf ihrem Dreifuß und verkündete auftragsgemäß Doppeldeutiges. Priester wandelten das Kauderwelsch der benommenen Weissagerin in verständliche, wenngleich selten eindeutige Verse. Plutarch, einer der Priester, war von der Wirkung der Dämpfe so beeindruckt, dass er über deren gänzlich unmysteriösen Ursprung spekulierte. Die Gase wären in den Gesteinen gespeichert, meinte er, und würden womöglich durch Erdbeben aus dem Untergrund gepresst.

Und so zogen, bald nachdem französische Archäologen die Ruinen von Delphi am Ende des 19. Jahrhunderts freigelegt hatten, die Geologen an den Ort - stießen jedoch nur auf vollkommen drogenfreie Störungen. Erst jetzt fanden Jelle de Boer von der Wesleyan University und seine Kollegen eine bislang unbekannte Störung, die nicht nur direkt unter der Kultstätte verläuft, sondern an der man sich auch trefflich berauschen könnte. Die neue Verwerfung trennt nämlich bituminöse Kalksteinschichten, in denen jedwede tektonische Bewegung gasförmige Kohlenwasserstoffe freisetzte. Im Wasser einer nahe gelegenen Quelle konnten die Forscher sogar Ethen nachweisen, ein süßlich riechendes Gas, das früher bei der Narkose Verwendung fand und die detaillierten Beschreibungen des Plutarch trifft.

In größeren Mengen genossen, kann Ethen freilich zum Tode führen, während sich nach maßvollem Konsum euphorische Gefühle einstellen. Fragt sich nur, wer im Fall Kroisos euphorischer war, das Orakel oder der König. Der hatte sich vor seinem Angriff auf das mächtige Perserreich seines Erfolges vergewissern wollen, sah aber nicht, dass das Orakel mit dem "großen Reich" nicht unbedingt das der Perser, sondern vielleicht sein eigenes gemeint haben könnte. Das wurde ihm erst später klar, als er es war, der nach bitterer Niederlage selbst am Ende war.

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  • Quellen
Geology 29: 707–710 (2001)

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