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Paläontologie: Des Riesen kleiner Bruder

Lange galten die kleinen Dino-Skelette, die seit 1998 im niedersächsischen Oker entdeckt wurden, als Jungtiere der riesenhaften Sauropoden. Doch Knochenuntersuchungen zeichnen nun ein anderes Bild: Die Dinos waren Zwerge - gefangen auf einer Insel, die Giganten zu Liliputanern formte.
Modell des <i>Europasaurus holgeri</i>
Als der Hobbyarchäologe Holger Lüdtke 1998 im Steinbruch Langenberg bei Oker am nördlichen Harzrand auf die fossilen Überreste eines Sauropoden stieß, war schon allein dies eine kleine Sensation. Denn Saurierfunde sind in Deutschland selten. Während der Jurazeit vor 140 bis 200 Millionen Jahren, der Zeit, in der die Riesenechsen die prähistorische Welt eroberten, lag in unseren Breiten fast alles unter Wasser.

Rekonstruktion des Schädels eines Europasaurus holgeri | Aus der Rekonstruktion des Schädels eines Europasaurus holgeri, benannt nach dem Hobbyarchäologen, der die ersten Fossilien dieser Art fand, kreiierte der Paläontologe Thomas Laven vom Dinosaurier-Freilichtmuseum Münchehagen Modelle des Zwergsauriers.
Nur wenige Regionen erhoben sich über den damaligen Meeresspiegel. Dias Gebiet um Oker bei Goslar zählte dazu – und wurde darum bald zu einer der ergiebigsten Grabungsstätten Deutschlands. Knapp eintausend Saurierfossilien hat ein internationales Team von Paläontologen dort inzwischen geborgen und präpariert, darunter auch die Überreste von mehr als zehn verschiedenen Sauropoden-Exemplaren.

Zur Gruppe der Sauropoden gehören die größten Dinosaurier-Arten, die jemals gelebt haben. Sauroposeidon proteles etwa, der seinen Namen dem vermutlich Furcht einflößenden Donnern seiner schweren Schritte verdankt, maß vom Kopf über den lang gezogenen Hals bis hin zum als Gegengewicht dienenden Schwanz gute 30 Meter. Auch die Brachiosauren, deren Rückgrat dank ihrer im Gegensatz zu ihren Artgenossen eher aufrechten Halshaltung eine 25 Meter lange Rutsche bildete, zählten zu den Riesen unter den Echsen.

Modell eines Zwergsauriers | Die Zwergsaurier waren nur etwa ein Sechstel so groß wie ihre nächsten Verwandten, die Brachiosauren. Diese maßen vom Kopf über den lang gezogenen Hals bis zur Schwanzspitze bis zu 27 Meter.
Die Fossilien jedoch, die der Paläontologe Martin Sander und seine Kollegen im Harz fanden, waren viel kleiner als üblich: Das größte Sauropoden-Exemplar, das sie aus den Überresten rekonstruieren, maß gerade einmal sechs Meter, das kleinste war mit 1,70 Meter nicht größer als die meisten heutigen Europäer – schon der Oberschenkelknochen mancher Sauropoden-Art konnte dieses Maß übertreffen. Waren die Forscher also auf eine Gruppe von Jungtieren gestoßen? Alles wies darauf hin.

Doch dann untersuchte Martin Sander die Knochen der vermeintlichen Teenager auf so genannte Wachstumsmarken, die ähnlich den Jahresringen an den Bäumen Rückschlüsse über das Wachstum der Tiere zulassen: Liegen diese weit auseinander, deutet das darauf hin, dass die Echse sich noch im Wachstum befand. Sind die äußersten Ringe jedoch nahe beieinander, war das Tier vermutlich erwachsen. Die kleineren der Harzer Dinosaurier wiesen denn auch alle weit auseinander liegende Marker auf – es handelt sich also wirklich noch um Jungtiere. Das größte jedoch hatte eine geringe Anzahl von nahe beieinander liegenden Ringen – es war noch jung, aber schon ausgewachsen. Die Forscher waren auf Liliput-Sauropoden gestoßen.

Knochenringe eines der Zwergsaurier | Die Knochenringe geben den Saurierforschern Auskunft über das Alter ihrer Besitzer: Liegen sie weit auseinander, befanden sich die Echsen noch im Wachstum, sind sie nah beieinander, war das Tier bereits erwachsen.
Um das Rätsel der Saurier von Oker noch zu verkomplizieren, ergaben phylogenetische Untersuchungen der Skelette zudem eine nahe Verwandtschaft mit den Camarasauriern, zu denen auch der Brachiosaurier gehört. Eine ungewöhnliche Familie: Eltern und Geschwister sind haushohen Giganten – und daneben ein vergleichsweise winzig kleiner Bruder.

Seine ungewöhnliche Körpergröße verdankt der inzwischen nach seinem Entdecker Holger Lüdtke benannte Europasaurus holgeri wahrscheinlich dem stetig steigenden Wasserspiegel im Jura. Die verbleibenden Inseln im nordwestdeutschen Becken boten nur wenig Nahrung. Kleinere Tiere, die mit weniger Futter auskamen, hatten vermutlich bessere Überlebenschancen, erklärt Nils Knötschke vom Dinosaurier-Freilichtmuseum in Münchehagen, der die Ausgrabungen im Harzer Steinbruch leitete und auch mehr als achtzig Prozent der gefundenen Fossilien präparierte. Bei eingeschränktem Nahrungsangebot könne eine solche Größenabnahme extrem schnell erfolgen, bestätigt auch Martin Sander. Manchmal reichten schon zehn bis zwanzig Generationen.

Größenvergleich des Europasaurus holgeri | Ein ausgewachsener Zwergsaurier war etwa sechs Meter lang. Das kleinste gefundene Expemplar maß einen Meter und siebzig Zentimeter in der Länge.
Bestes Beispiel hierfür lieferten die Engländer, die einst Hirsche auf den Shetland-Inseln aussetzten, welche sich in kürzester Zeit zu Zwergformen entwickelten. Auch die inzwischen ausgestorbenen Zwergelefanten, die mit ihrer nur 90 Zentimetern recht geringen Körpergröße dem Appetit der indonesischen Komodo-Warane sowie anderen unangenehmen Umweltbedingungen zum Opfer fielen, sollen sich auf Grund einer solchen Inselisolation entwickelt haben. Umstritten bleibt bislang jedoch, ob auch der "Hobbit" Homo floresiensis durch ähnliche evolutionäre Bedingungen entstand.

Der Zwerg-Dino jedenfalls ging mit seiner insular bedingten Schrumpfung den genau entgegengesetzten Weg seiner Verwandten: Während er kleiner wurde, entwickelten sich seine Vettern zu wahren Riesen. Was die Evolution einst trennte, hat die Forschung nun jedoch zu einer großen Familienzusammenkunft wieder vereint: Aus dem Schädel eines der gefundenen Echsentiere rekonstruierte der Paläontologe Thomas Laven das Aussehen der Liliputaner, die man nun als lebensgetreue Modelle im Dinopark Münchehagen bewundern kann.

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