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Wissenschaftsgeschichte: "Deshalb können wir nicht schweigen"

Am 12. April 1957 veröffentlichten 18 Atomforscher das "Göttinger Manifest". Damit widersetzten sie sich gegen die von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß angestrebte atomare Bewaffnung der Bundeswehr.
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Gerne reden Wissenschaftler darüber, wie sich ihre Forschung sinnvoll anwenden lässt. Wofür man ihre Ergebnisse missbrauchen könnte, wird eher seltener diskutiert. Manche Forscher hegen sogar die Meinung, es ginge sie überhaupt nichts an, was die Gesellschaft mit ihren Erkenntnissen tut.

Aber es gibt Gegenbeispiele – eines der prominentesten jährt sich zum 50. Mal: Am 12. April 1957 wandten sich 18 prominente Atomforscher mit dem "Göttinger Manifest" gegen die militärische Nutzung der Kernenergie in Deutschland. "Die Pläne einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen die unterzeichnenden Atomforscher mit tiefer Sorge", schrieben sie.

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Carl Friedrich von Weizsäcker | Carl Friedrich von Weizsäcker (*1912)
Sicherlich waren die "Göttinger 18" – wie sie in Anspielung auf die "Göttinger Sieben" genannt wurden, die 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover protestiert hatten – nur ein Teil der starken Protestbewegung gegen die atomare Aufrüstung der Bundeswehr in den 1950er Jahren. Ihre Stimme aber hatte – wohl auch wegen der Beteiligung verschiedener Nobelpreisträger – einiges an Gewicht. Unter den "Göttinger 18" reihten sich die Mitbegründer der Quantentheorie, Max Born (1882-1970) und Werner Heisenberg (1901-1976), die Entdecker der Uran-Spaltung, Otto Hahn (1879-1968) und Fritz Straßmann (1902-1980), sowie Max von Laue (1879-1960), Heinz Maier-Leibnitz (1911-2000), Wolfgang Pauli (1900-1958) und Carl Friedrich von Weizsäcker (*1912).

Adenauers Verharmlosung

In den Pariser Verträgen von 1954, mit der die noch junge Bundesrepublik Deutschland ihre Souveränität gewann und Mitglied des Nordatlantikpaktes wurde, hatte Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876-1967) erklärt, Deutschland verzichte auf die Herstellung und den Besitz von Atomwaffen. Von dieser Linie rückte er aber unter dem Eindruck der Nato-Strategie immer weiter ab. 1956 ernannte er den bisherigen Verantwortlichen für das zivile Atomprogramm, Franz Josef Strauß (1915-1988), zum Verteidigungsminister – die Befürworter einer atomaren Bewaffnung der Bundesrepublik sahen sich im Aufwind.

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Otto Hahn | Otto Hahn (1879-1968)
Auf Betreiben von Carl Friedrich von Weizsäckers verfasste der "Arbeitskreis Kernphysik" der Deutschen Atomkommission einen Brief an den neuen Minister, in dem die Kernphysiker ihre Besorgnis ausdrückten. Am 29. Januar 1957 trafen sich von Weizsäcker, Hahn und Heisenberg mit Strauß – ohne greifbares Ergebnis.

Am 5. April 1957 forderte Adenauer auf einer Pressekonferenz erneut eine atomare Bewaffnung. Schließlich seien "taktische" Atombomben "beinahe normale Waffen", die "im Grunde nichts als eine Weiterentwicklung der Artillerie" darstellten.
"Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, dass es sich heute noch am besten schützt, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet"
(Göttinger Manifest)
Jetzt fühlten sich die 18 Göttinger Atomforscher zu einer Richtigstellung verpflichtet. "Jede einzelne taktische Atombombe oder -granate hat eine ähnliche Wirkung wie die erste Atombombe, die Hiroshima zerstört hat", betonten sie in ihrem Manifest und gaben bekannt, es "wäre keiner der Unterzeichneten bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen".

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Hiroshima 1945 | Atomares Menetekel: Angesichts der Zerstörung der japanischen Stadt Hiroshima am 6. August 1945 durch eine amerikanische Atombombe warnten 18 Göttinger Kernphysiker am 12. April 1957 vor einer nuklearen Bewaffnung Deutschlands.
Als "Nichtpolitiker", wie sie sich selbst bezeichneten, wandten sich die "Göttinger 18" ausdrücklich an Politik und Öffentlichkeit: "Wir fühlen keine Kompetenz, konkrete Vorschläge für die Politik der Großmächte zu machen. Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, dass es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet."

"Ein alter Trottel"

Die Göttinger Erklärung fand in der Presse große Resonanz und in Regierungskreisen – wen wundert es – scharfe Kritik. "Er ist ein alter Trottel, der die Tränen nicht halten und nachts nicht schlafen kann, wenn er an Hiroshima denkt", mokierte sich Franz Josef Strauß über Otto Hahn.

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Werner Heisenberg | Werner Heisenberg (1901-1976)
Aber auch ein Wissenschaftlerkollege nahm Anstoß an den Äußerungen der "Göttinger 18": Pascual Jordan (1902-1980), Schüler von Born und neben Heisenberg einer der Mitbegründer der Quantentheorie, äußerte sich ausdrücklich zustimmend zur Regierungspolitik – er kandidierte für die CDU – und gegen das Ziel der Göttinger Erklärung. In polemischer Weise stritt er in seiner Broschüre "Wir müssen den Frieden retten" den Atomforschern jede Kompetenz ab, sich politisch zu äußern: "Zwar wird niemand so weit gehen, einen Atomphysiker um sein Eingreifen zu bitten, wenn eine Blinddarmoperation dringlich ist. Aber für die Erteilung politischer Richtlinien und Ratschläge schreibt man jetzt den Atomphysikern überragende Fähigkeiten zu." Und weiter: "Für die Beurteilung ernster politischer Tagesfragen sind die Atomphysiker im Durchschnitt zweifellos weniger zuständig und befähigt als der durchschnittliche demokratische Staatsbürger. Denn dieser liest immerhin aufmerksam die Zeitung."

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Max Born | Max Born (1882-1970)
Dass Jordan sich selbst die Kompetenz der Beurteilung politischer Fragen zusprach, die er seinen Forscherkollegen abstritt, ist im Hinblick auf seine ehemalige Mitgliedschaft in NSDAP und SS auf tragische Weise absurd und führte zum Zerwürfnis mit seinem wissenschaftlichen Lehrer Max Born. Gerade den "Göttinger 18" kann man den Vorwurf, sich in ihrem Elfenbeinturm zu verkriechen und die Zeitung nicht zu lesen, wohl kaum machen. Etliche dieser Wissenschaftler sind dafür bekannt, sich schon vor der Göttinger Erklärung intensiv und öffentlich mit den Folgen ihrer Arbeit auseinandergesetzt zu haben.

Fünf vor zwölf

Dennoch wirft Jordan mit seiner Polemik eine interessante Frage auf. Haben Wissenschaftler durch ihren Beruf eine besondere Befähigung, sich zu den Folgen ihrer Forschung politisch zu äußern?
"Unsere Tätigkeit, die der reinen Wissenschaft und ihrer Anwendung gilt, belädt uns mit einer Verantwortung für die möglichen Folgen dieser Tätigkeit. Deshalb können wir nicht zu allen politischen Fragen schweigen"
(Göttinger Manifest)
Auch darauf gibt die Göttinger Erklärung eine Antwort: "Uns als Nichtpolitikern wird man die Berechtigung dazu abstreiten wollen; unsere Tätigkeit, die der reinen Wissenschaft und ihrer Anwendung gilt [...], belädt uns aber mit einer Verantwortung für die möglichen Folgen dieser Tätigkeit. Deshalb können wir nicht zu allen politischen Fragen schweigen."

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Max von Laue | Max von Laue (1879-1960)
Die "Göttinger 18" nahmen sich nicht nur das Recht, sich politisch zu äußern, wie jeder andere Bürger in einer Demokratie. Sie sahen sich auch in der Pflicht, zu den Folgen ihrer eigenen Arbeit Stellung zu nehmen.

Oft genug stand die Welt kurz vor der nuklearen Katastrophe. Heute ist der kalte Krieg und damit die angebliche Notwendigkeit des Wettrüstens vorbei, trotzdem gibt es weltweit immer noch fast 30 000 atomare Sprengköpfe. Die atomare Bedrohung besteht fort – und nimmt derzeit sogar zu. Das Bulletin of the Atomic Scientists betreibt seit 1947 eine symbolische Atomkriegsuhr. Mit dieser "Doomsday Clock" bewertet der Aufsichtsrat der Zeitschrift gemeinsam mit ihrem Sponsorenrat aus 18 Nobelpreisträgern, wie groß das derzeitige Risiko eines Atomkrieges ist.

2007 wurde die Bedrohung als zunehmend eingeschätzt und die Uhr vorgestellt: Es ist jetzt fünf vor zwölf.
12.04.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12.04.2007

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