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Deutschland im Corona-Winter: Experten fordern Booster-Offensive

Die Fallzahlen steigen, den Krankenhäusern droht die Überlastung. Ein Team um die Göttinger Physikerin Viola Priesemann sieht nur einen Weg: einen Boost für Booster-Impfungen.
Mehr impfen, mehr boostern: Impfzentrum auf der Theresienwiese in München

Eine Gruppe von 21 Fachleuten unterschiedlicher Fachrichtungen hat ein Strategiepapier zum weiteren Umgang mit der Corona-Pandemie in Deutschland veröffentlicht. Darin spricht sich das Team insbesondere für intensive Anstrengungen bei den Drittimpfungen aus. Das Tempo müsste stark angezogen werden, etwa auf das gleiche Niveau wie bei der ersten Impfkampagne, so dass rund 50 Prozent der Menschen noch vor den Weihnachtsfeiertagen besser geschützt wären.

Die aktuelle Situation sei wegen der rapide steigenden Inzidenzen »sehr kritisch«, schreibt die Gruppe um Viola Priesemann von Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in ihrem Positionspapier. Zum starken Anstieg der Fallzahlen trügen neben den Ungeimpften auch die Geimpften bei, weil der Impfschutz in den Monaten nach der vollständigen Immunisierung beständig absinkt.

Die Forscherinnen und Forscher betrachteten dazu drei Szenarien: erstens ein Weiter-so, zweitens eine Orientierung an der Belastungsgrenze des Gesundheitssystems kombiniert mit lokalen Notfallmaßnahmen und drittens verstärkte Anstrengungen beim »Boostern«, also beim Verabreichen der Drittimpfung.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Ausführliche Antworten zur Delta-Variante lesen Sie hier. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Wie das Coronavirus die Welt verändert«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

In Szenario 1 gibt es keine weiteren Maßnahmen als die aktuell verordneten. Dadurch werde die Sieben-Tage-Inzidenz auf »viele hundert Infizierte« pro 100 000 Menschen steigen, berechnen die Fachleute. Die Krankenhäuser würden in manchen Regionen wahrscheinlich überlastet werden. Die Immunität der Bevölkerung erhöht sich unterdessen nur langsam – durch vergleichsweise wenige Booster-Impfungen einerseits und die »natürliche Immunität« der Genesenen andererseits. Dem wirkt die nachlassende Immunität noch nicht zum dritten Mal Geimpfter entgegen. In der Bilanz würde das nur in Regionen, in denen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, ausreichen, um einen ungebrochenen Anstieg der Inzidenz zu verhindern.

Zusätzliche Eindämmungsmaßnahmen zu ergreifen, sobald die Kapazitätsgrenze der Krankenhäuser und Intensivstationen erreicht ist (Szenario 2), führe ebenfalls zu einer »erheblichen« Belastung der Krankenhäuser mit lokalen Engpässen. Die Wocheninzidenz pendele sich bei »einigen hundert Infizierten« ein.

Vor allem das Boostern bricht die Welle

Nur dem Szenario 3, der »Impf- und Booster-Offensive«, verleihen sie das Prädikat »nachhaltig«. Mit der dritten Dosis steige der Schutz gegen schweren Verlauf und Ansteckung um rund einen Faktor 10. »Das ist beträchtlich«, heißt es in dem Papier: »In Israel haben sich rund 50 Prozent der Menschen boostern lassen. Das war ausreichend, um die Welle dort zu brechen. In Deutschland könnte man sehr wahrscheinlich eine ähnliche Wirkung erzielen.«

Wie bei der ersten Impfkampagne plädieren sie für eine Priorisierung nach Gefährdung, gemäß STIKO-Empfehlung. Um an die wünschenswerte Grenze von 50 Prozent Drittgeimpfter zu gelangen, müsse aber wohl das harte Kriterium aufgegeben werden, dass die letzte Corona-Schutzimpfung mindestens sechs Monate zurückliegt.

»Notausschalter« frühzeitig planen und bereithalten

Auch über einen neuen Lockdown macht sich die Gruppe Gedanken. Die Politik solle einen Notfallplan bereithalten, um im Fall einer aus dem Ruder laufenden Infektionslage die Inzidenz schnell und deutlich zu senken. Statt »Lockdown light«, der sich als ineffizient und langwierig erwiesen hat, argumentieren sie für die Einrichtung eines »Notschutzschalters«: Dabei würden für einen Zeitraum von zwei Wochen viele bereits bekannte Lockdown-Mechanismen wie Homeoffice-Pflicht, Restaurantschließungen und Kontaktbeschränkungen in einer konzertierten Aktion gebündelt. Sie rechnen vor: Erreicht man dadurch einen R-Wert von 0,7, könne innerhalb von nur zwei Wochen die Inzidenz um den Faktor 4 reduziert werden. Halbherzige Maßnahmen würden den R-Wert dagegen kaum drücken. Bei 0,9 brauche eine Reduktion um den Faktor 4 fast zwei Monate.

Ein intensiver »Not-aus«-Lockdown hätte dabei weniger starke psychische und wirtschaftliche Effekte als das monatelange Verharren in einem gedrosselten öffentlichen Leben.

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