Deutschland in der Jungsteinzeit: Patchwork statt Kernfamilie

Eine Großfamilie, eine Gegend, ein Megalithgrab – vor mehr als 5000 Jahren trugen Menschen in Europa so ihre Toten zu Grabe. Doch ein Teil des jungsteinzeitlichen Deutschlands tickte offenbar anders. In Megalithgräbern der Wartbergkultur aus der Zeit von etwa 3400 bis 2800 v. Chr. und in einem Grab der Trichterbecherkultur-West erwiesen sich knapp die Hälfte der Toten als nicht biologisch miteinander verwandt. Wie Genanalysen außerdem verrieten, bezeugen die übrigen Verstorbenen Verwandtschaften verschiedenen Grades – in einem Fall über weite Distanzen und Kulturgrenzen hinweg: Ein Vater und sein Sohn wurden etwa 225 Kilometer voneinander entfernt bestattet, berichten Johannes Müller und Ben Krause-Kyora von der Universität Kiel zusammen mit ihrem Team in »Science«. Ihre Gendaten gewähren zudem Einblick in die Familiengepflogenheiten der späten Jungsteinzeit, die zum Teil bereits anderswo in Europa beobachtet wurden: Frauen wanderten von auswärtigen Gemeinschaften ein, während die Männer an ihrem Heimatort blieben – und mehr als eine Partnerin haben konnten.
In der Zeit von etwa 4500 bis 2800 v. Chr. war der Bau von Megalithgräbern in Europa weitverbreitet – von der Iberischen Halbinsel bis nach Skandinavien. In der Trichterbecherkultur-West, die in einer Region von den östlichen Niederlanden über das nördliche Westfalen bis nach Niedersachsen siedelte, errichteten die Menschen sogenannte Ganggräber, bei denen die Grabkammer über einen mit Steinplatten ausgekleideten Korridor zugänglich war. In solchen Grablegen wurden Dutzende Menschen bestattet.
Im Siedlungsraum dieser Kultur entdeckten die Fachleute der neuen Studie jedoch einen Ausreißer: Das Megalithgrab im niedersächsischen Dorf Sorsum bei Hildesheim passt nicht ins Muster. Die Anlage aus der Zeit von etwa 3350 bis 3100 v. Chr. wurde teils als unterirdische Kammer in den Felsboden getieft. Der Grabbau erinnere damit mehr an Gepflogenheiten der Nachbarn der Wartbergkultur, die im nördlichen Hessen, in Ostwestfalen sowie im Süden von Thüringen verbreitet war.
Unterschiedliche Kulturen, aber dieselbe genetische Vergangenheit
Um den rätselhaften Befund zu klären, entzifferte das Forschungsteam die Genome von 203 Bestatteten aus dem Grab von Sorsum und fünf weiteren Galeriegräbern der Wartberggruppe. Wie sich zeigte, waren die Toten von Sorsum genetisch näher verwandt mit den Menschen der Wartberggruppe als mit solchen der übrigen Trichterbecherkultur – obwohl ihre Alltagsgegenstände, etwa Keramik und Waffen, dieser näherstanden als der Wartbergkultur. »Obgleich sich die genetischen Fingerprints der Menschen ähneln, stecken dahinter unterschiedliche kulturelle Identitäten«, sagt Archäologe Johannes Müller. Nutzte eine Gruppe dieselbe Sachkultur, musste sie demnach nicht unbedingt eine gemeinsame genetische Vergangenheit haben – und umgekehrt.
Mithilfe von DNA-Analysen haben Fachleute die Verwandtschaftsverhältnisse in sechs Megalithgräbern der Jungsteinzeit enträtselt, die in Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen liegen. In einem Fall zeigte sich: Vater und Sohn starben vor rund 5000 Jahren 225 Kilometer voneinander entfernt – im heutigen Sorsum (Niedersachsen) und Niedertiefenbach (Hessen).
Zudem überraschte die Fachleute, dass in den Grabanlagen nicht nur biologisch verwandte Menschen beigesetzt wurden. »Offenbar spielten auch soziale Bindungen eine Rolle dabei, wer zusammen in ein Grab kam«, erklärt Coautorin Almut Nebel von der Universität Kiel in einer Pressemitteilung. An Fundorten in Irland, Schweden, England und Frankreich lagen vor allem die Mitglieder biologischer Kernfamilien gemeinsam in einer Grabstätte. »Wir haben es bei den von uns untersuchten Fundstellen offenbar mit Gräbern von Patchwork-Gemeinschaften zu tun«, deutet Nebel den Befund. Womöglich lebte man in gemeinsamen Haushalten, ergänzt Johannes Müller. »Die Genetik hatte nicht unbedingt etwas mit den sozialen Welten der Menschen zu tun«, so der Archäologe.
Vater und Sohn lebten weit voneinander entfernt
Andernorts in Europa scheinen die Menschen weniger weit gewandert zu sein als in der untersuchten Region. Zwar stammten die Frauen an anderen jungsteinzeitlichen Fundplätzen ebenfalls aus auswärtigen Gruppen, aber aus Gegenden wenige Kilometer entfernt. Die neuen Gendaten aus Deutschland zeigen, dass auch männliche Familienmitglieder dutzende Kilometer weit fortzogen. So fanden sich in einer Megalithanlage im hessischen Niedertiefenbach die Überreste eines Mannes, dessen jugendlicher Sohn im Kollektivgrab von Sorsum begraben war – etwa 225 Kilometer von Niedertiefenbach entfernt. Es handle sich »um die bislang längste für das Neolithikum nachgewiesene Entfernung zwischen Verwandten ersten und zweiten Grades«, schreiben die Fachleute in ihrer Studie. Warum der Junge die weite Strecke zurücklegte, ist unbekannt. Denkbar sei, dass er als Adoptivkind oder als Handwerkslehrling nach Sorsum kam.
Die dortigen Menschen hatten zurückliegende Familienbande zu den Wartbergern, obgleich ihre Sachkultur sie den Trichterbechern zuordnet. Vielleicht hatten sie durch die Grenzlage zwischen den beiden Verbreitungsgebieten allmählich die Ideen der Nachbarn übernommen. Für beide Kulturen lieferten die Gendaten zudem Hinweise auf die Familienstruktur: In Sorsum war ein Mann begraben, der fünf Kinder mit vier Frauen gezeugt hatte, in Niedertiefenbach hatte ein anderer Mann Nachwuchs mit zwei verschiedenen Frauen. Vielleicht lebten die Menschen polygam, vielleicht führten die Männer auch nacheinander Beziehungen, mutmaßen die Forscher. Betrachtet man Deutschland, so sagt es Johannes Müller, seien es jedenfalls die bislang ältesten bekannten Familienstammbäume.
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