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Diagnostik: Das riecht nach Parkinson

Die Krankenschwester Joy Milne kann Parkinson erschnüffeln. Mit Hilfe ihrer Fähigkeit ist es Forschern nun gelungen, einen Test zu entwickeln, der die Krankheit per Hautabstrich erkennt – und neue Diagnosewege eröffnen könnte.
Die pensionierte Krankenschwester Joy Milne riecht an einem Stück Kleidung.
Die pensionierte Krankenschwester Joy Milne berichtet, an der Kleidung von Parkinsonpatienten einen moschusartigen Geruch wahrzunehmen. Forschungsteams arbeiten mit ihr daran, einen Geruchstest für die Krankheit zu entwickeln.

Die Schottin Joy Milne machte 2015 mit einem ungewöhnlichen Talent Schlagzeilen: Sie hat die Fähigkeit, Parkinson zu riechen. Von der fortschreitenden neurodegenerativen Erkrankung sind allein in den USA fast eine Million Menschen betroffen, in Deutschland leben rund 400 000 damit. Seit Milne gezeigt hat, dass sie Betroffene anhand ihres Geruchs erkennen kann, sind Forscherinnen und Forscher aus Großbritannien auf der Suche nach den Molekülen, die der Krankheit ihre besondere Geruchssignatur verleihen. Nun hat das Team eine Reihe von Molekülen ausfindig gemacht, die für die Krankheit spezifisch sind, und einen einfachen Test auf der Basis eines Hautabstrichs entwickelt, um sie nachzuweisen.

Milne hat ihre feine Nase ebenfalls einer Krankheit zu verdanken: Die 72-jährige pensionierte Krankenschwester aus Perth leidet an erblicher Hyperosmie, einer Riechstörung, die überempfindlich für Gerüche macht. Irgendwann bemerkte sie, dass ihr Mann nach Moschus zu riechen begann – ein Geruch, den sie zuvor nicht an ihm wahrgenommen hatte. Als bei ihm viele Jahre später Morbus Parkinson diagnostiziert wurde, brachte sie die Geruchsveränderung mit der Krankheit in Verbindung. Ihr Mann starb 2015.

Im Jahr 2012 lernte Milne bei einer Veranstaltung der Forschungs- und Hilfsorganisation Parkinson's UK den Neurowissenschaftler Tilo Kunath kennen. Kunath forschte an der Universität Edinburgh und war zunächst skeptisch. Dennoch beschlossen er und seine Kollegen, die Behauptungen von Milne zu testen. Sie gaben ihr zwölf T-Shirts, sechs von Menschen mit Parkinson und sechs von gesunden Personen. In allen sechs Fällen erkannte die Krankenschwester die Krankheit richtig – wobei es zunächst so schien, als habe sie sich bei einer Person geirrt, doch auch bei ihr wurde binnen eines Jahres Parkinson diagnostiziert.

Wieso riechen Parkinsonerkrankte anders?

Kunath begann daraufhin zusammen mit der Chemikerin Perdita Barran von der University of Manchester in England und ihren Kollegen nach den Molekülen zu suchen, die für diese Veränderung des Körpergeruchs verantwortlich sind. Die Forschenden arbeiteten mit Massenspektrometrie, um die Moleküle im Talg, der öligen Substanz auf der Hautoberfläche, zu identifizieren. Dabei entdeckten sie bei Parkinsonpatienten Veränderungen der Fettmoleküle, der so genannten Lipide.

Im September 2022 berichtete die Gruppe in der Fachzeitschrift »JACS Au« der American Chemical Society über ihre jüngste Studie: Mit einem einfachen Hautabstrich-Test war es den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gelungen, die Lipidsignatur, die auf Parkinson hinweist, nachzuweisen. Durch den Vergleich von Talgproben von 79 Menschen mit und 71 Menschen ohne Parkinson machten sie eine Reihe großer Lipide ausfindig, die mit einer speziellen Art der Massenspektrometrie in wenigen Minuten identifiziert werden können.

Wie zuverlässig ist der Test durch Hautabstrich?

»Ich denke, es handelt sich um eine viel versprechende Gruppe von Biomarkern«, sagt Blaine Roberts, Biochemiker an der Emory University, der nicht an der Arbeit beteiligt war. Allerdings bleibe offen, wie präzise dieser Test sei. Die Gruppe berichtete zwar über das detaillierte chemische Profil der einzigartigen Parkinsonsignatur, machte aber keine Angaben zur Genauigkeit des Tests. Studienautorin Barran zufolge soll er laut noch nicht veröffentlichter Daten mit einer Genauigkeit von mehr als 90 Prozent feststellen können, ob eine Person an Parkinson erkrankt ist.

Der Neurowissenschaftler Tiago Outeiro von der Universität Göttingen, der ebenfalls nicht an der Forschung beteiligt war, betont die Vorteile des auf Talg basierenden Abstrichtests, etwa die einfache Probenentnahme. Allerdings könnte es sein, dass der Talg von Menschen mit Krankheiten, die ähnliche Symptome und Pathologien wie die Parkinsonkrankheit aufweisen – wie Multiple Systematrophie – auch ähnliche chemische Marker habe.

Das Team um Barran arbeitet nun mit Krankenhäusern zusammen, um herauszufinden, ob der Test auf Talgbasis auch in klinischen Laboren durchgeführt werden kann – ein wichtiger Schritt, um festzustellen, ob er als Diagnoseinstrument taugt. Letztlich hofft die Gruppe, den Test bei Personen mit Verdacht auf Parkinson einsetzen zu können und ihnen so schneller zu einer Diagnose zu verhelfen. Derzeit würden zum Beispiel tausende Briten auf einen Termin bei einem Neurologen warten; die Wartezeit betrage etwa zwei Jahre. Ein Hautabstrich-Test könnte helfen, diejenigen zu ermitteln, die am dringendsten Hilfe benötigen. Barrans Forschungsteam bittet deshalb die Menschen auf der Warteliste, an einer entsprechenden Studie teilzunehmen. Die Forschungsfrage: Können solche Hautabstrich-Tests dazu beitragen, den Auswahlprozess zu beschleunigen?

Barran und ihre Kollegen arbeiten außerdem mit einer Gruppe der Harvard University zusammen, um herauszufinden, ob die Biomarker auf Talgbasis auch bei Menschen nachweisbar sind, die erst frühe Anzeichen einer Parkinsonerkrankung zeigen. Dazu zählen etwa Verstopfungen und ein verminderter Geruchssinn.

Welche Krankheiten lassen sich noch erschnüffeln?

Die Geschichte von Joy Milne hat auch Forschungsgruppen in anderen Ländern inspiriert, nach Biomarkern zu suchen, die auf der Geruchssignatur der Krankheit basieren. Kürzlich haben Forschende aus China untersucht, ob eine elektronische Nase – ein auf künstlicher Intelligenz basierenden Sensor, der dem Geruchssystem nachempfunden ist – die Moleküle identifizieren kann, die im Talg von Parkinsonpatienten vorhanden sind. Weitere Gruppen, unter anderem in China und dem Vereinigten Königreich, haben Hunde darauf trainiert, die Krankheit zu erschnüffeln.

Außerdem ist Parkinson eventuell nicht die einzige Krankheit, die sich durch den Geruch verraten könnte. So stieß Milne etwa auch auf einen einzigartigen Geruch bei Menschen mit Alzheimer, Krebs und Tuberkulose. Inzwischen arbeitet sie zudem mit Wissenschaftlern zusammen, die nach einer spezifischen Geruchssignatur für diese Krankheiten suchen.

Milne hofft, dass ihre Arbeit den Betroffenen zugutekommt. »Mein Mann litt nach seiner Diagnose 21 Jahre lang an Parkinson, aber er hatte es schon viele Jahre vorher«, sagte Milne 2015 gegenüber »Scientific American«. »Ich möchte, dass die Menschen nicht so leiden müssen wie er.«

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