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Sommerloch heute: Dialektaler Rinderwahn

John WellsLaden...
Die Meldung, Kühe wären in der Lage, unterschiedliche Dialekte zu muhen, entzückte die Medien und etliche Leser: Zu schön war die Behauptung, die John Wells, seines Zeichens Professor für Linguistik an der Universität zu London, in den Mund gelegt wurde. Und zu fern liegt der 1. April. Auch ist die Überlegung so abwegig nicht, schließlich pfeifen – wissenschaftlich belegt – bayerische Buchfinken anders als preußische und singen Wale regional verschieden. Und doch ist es eine typische Sommerlochmeldung.

Auch die Wissenschaft kennt ein Sommerloch. Mehr und mehr fluten dann Ergebnisse die Medien, die sonst kaum den Weg in die Berichterstattung finden. Mit der Reihe "Sommerloch heute" möchten wir Ihnen eine Auswahl präsentieren.
Tatsächlich nämlich wollte eine PR-Agentur im Auftrag des Käseherstellers "Farmhouse Cheesemakers" von John Wells wissen, ob auch für Kühe zutrifft, was für Wale und Singvögel gilt – etwa ob sich West-Country-Rinder mit typisch westenglischem Akzent verständigen. Seine Antwort: "Ich denke, das ist höchst unwahrscheinlich, aber es gibt seriöse wissenschaftliche Untersuchungen, dass Vögel regionale Gesangsunterschiede zeigen. Und wenn Vögel und Menschen lokale Akzente aufweisen, kann man Ähnliches für Kühe auch nicht vollständig ausschließen." An diese vorsichtige Äußerung hielt sich die PR-Agentur nur bedingt und machte daraus flugs eine Tatsache. Sie zeigte dem Professor aber den entstandenen Artikel nicht rechtzeitig vor Ablauf der Sperrfrist gegen Mitternacht und raubte ihm damit nicht nur die Möglichkeit zum Einspruch, sondern auch noch die Nacht- und Morgenruhe.

Zuerst meldete sich die BBC gegen Null Uhr dreißig und bat um ein Radiointerview, dann am sehr frühen Morgen ein australischer Journalist, der mehr zum Thema bovine Dialekte hören wollte. Der bedauernswerte Linguist musste schließlich 14 Radio- und drei Fernsehinterviews geben, darunter eines, das live vom Vauxhall-City-Bauernhof im Londoner Zentrum übertragen wurde – im Beisein einer "untröstlichen jungen Kuh", so Wells. Immerhin denkt er mit gewohnt gutem britischen Humor darüber nach, der PR-Agentur einen Tag Arbeit in Rechnung zu stellen. Uns teilte John Wells – in übrigens dialektreinem Hochdeutsch – außerdem mit, dass er diesbezüglich in letzter Zeit "keine eigenen Nachforschungen bei Farmern" betrieben habe.

Die von der BBC genannten dialektal differierenden Kühe der West-Country-Gruppe beliefern übrigens Farmhouse Cheesemakers: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Frei nach John Cleese von der britischen Spaß-Combo Monty Python schließen wir daher mit einem "Don't mention the cows".
25.08.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 25.08.2006

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