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Vegetationsgeschichte: Dicht, nicht licht!

Der deutsche Wald: Mythen behaftet, aber krank, einer der Horte der teutonischen Seele - und Spielwiese schnulziger Heimatfilme. Aber war er nun vormals ein undurchdringlicher Urwald oder doch eher eine lichte Parklandschaft?
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Lange Zeit galten die frühzeitlichen Wälder Mitteleuropas als dunkle, undurchdringliche Wildnis, in der wahlweise unfügsame Tiere, unzivilisierte Volksstämme oder auch beides hausten. Sie waren Hort schauerlicher Märchen, in denen Wölfe unschuldige kleine Mädchen anfallen und Räuber es auf die Brieftaschen argloser Reisender abgesehen haben.

Ebenso existierten verklärte Vorstellungen des Waldes als Urheimat der Germanen, deren erste Sternstunde in der Varusschlacht schlug, als der Cherusker Arminius den Römern im Teutoburger Wald gewaltig Mores lehrte. Wahrscheinlich schon seit damals haben gerade die Deutschen eine spezielle Nähe zu "ihrem" Wald, die sich ebenfalls in ihrer besonderen Besorgtheit um ihn ausdrückt: Im französischen heißt das Siechtum der Bäume denn auch "Le Waldsterben".

Diese teils auch romantisch verbrämten Ansichten wurden allerdings im Jahr 2000 – zumindest in der Fachwelt – durch Aussagen des holländischen Ökologen Frans Vera von der staatlichen Forstbehörde der Niederlande erschüttert. Die mitteleuropäischen Wälder waren einst gar nicht so dicht und undurchdringlich, lauteten seine Forschungsergebnisse.

Im Gegenteil: Nach Veras Meinung glichen sie schon vor 5000 Jahren – und damit lange vor der großflächigen Rodungstätigkeit des Menschen – in ganz Mitteleuropa eher den Savannen Ostafrikas oder zumindest den klassizistischen Landschaftsparks mit ihren alten Baumgruppen und freien Flächen. Offen gehalten wurden sie durch die großen Säugetiere Mitteleuropas wie den heute ausgestorbenen Auerochsen oder Wildpferden sowie durch Wildschweine, Rot- und Rehwild.

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Wisent im Wald von Bialowieza | Wisente im Wald von Bialowieza: Großsäuger wie Wisente (Bison bonasus), Auerochse (Bos primigenius), Rothirsche (Cervus elaphus) oder Wildschweine (Sus scrofa) schaffen wohl doch viel weniger Freiräume in Wäldern. Vor wenigen Jahren kam die Theorie auf, dass ihr Fressverhalten eher offene Parklandschaften schuf und so keine dichten Wälder entstanden, wie sie immer in der Mythologie und in Märchen vorkamen. Jetzt scheint sich aber doch die Sagenwelt der dunklen Urwälder zu bestätigen, denn Pollenanalysen aus Irland – wo es kaum große Säugetiere gab – zeigen, dass dort Eichen und Haseln ähnlich häufig waren wie auf dem beweideten Festland. Folglich dominierten eher die dichten Wälder das Vorkommen der Säuger und nicht die Weidetiere den Charakter des Ökosystems.
Der Forscher begründete diese These durch Pollenfunde, die jener prähistorischen Zeit zugeschrieben werden können und die einen deutlichen Schwerpunkt an Eichenarten und Haselnuss aufweisen. Diese Spezies brauchen aber freie Flächen, um sich zu etablieren und zu prosperieren. Wie aber passen diese Erkenntnisse zu den Legenden und Geschichten vom dunklen Tann, der schließlich noch bis ins Mittelalter da und dort wucherte? Nun, vielleicht liegen diese Sagen doch näher an der Realität als Veras Megaherbivoren-Theorie der lichten Parklandschaften. Zumindest wenn man sich auf die neuen Ergebnisse von Fraser Mitchell vom Dubliner Trinity College bezieht.

Der Wissenschaftler zog ebenfalls Pollendiagramme heran – allerdings aus Irland. Die Vegetation dort wurde kaum von großen Pflanzenfressern beeinflusst, denn auf der grünen Insel lebten von jeher nur Wildschweine und in geringen Mengen Rotwild, sodass kein besonders hoher Weidedruck auf den Wäldern lastete und sie daher eher geschlossenen Charakter hatten.

Dennoch wiesen auch hier die frühzeitlichen Pollenfänger in Mooren und Seen ähnlich hohe Zahlen für Eichen und Haselnüsse auf wie ihre festländischen Pendants. Mitchell schließt daraus nun, dass die großen Säuger gar keinen so großen Einfluss auf die Gestaltung der Wälder hatten. Vielmehr bestimmte wohl eher die dichte Struktur der Wildnis die Anzahl der Pflanzenfresser. Allenfalls kleinere Lichtungen tauchten dann und wann in den Urwäldern auf, wo Ur und Tarpan ästen und Eichen wie Haseln sprossen konnten.

Was bedeutet das nun alles für den deutschen Wald? Auch bei uns walzten wohl einst nicht Horden von Rehen, Hirschen oder Wildsäuen durch die Wälder und knabberten jeglichen Jungwuchs an, sodass er nicht mehr aufwachsen konnte. Stattdessen hielten Wölfe, Luchse oder Bären die ohnehin geringen Bestände der Pflanzenfresser in Balance und ermöglichten dadurch eine ausgedehnte natürliche Verjüngung der Bestände. Damit war der Mensch nach Meinung von Mitchell der einzige, der Wälder dauerhaft offen halten konnte. Kein Wunder: Er tut dies schließlich auch heute noch mit Leidenschaft.
15.01.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 15.01.2005

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