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News: Dichtung und Wahrheit

Wer den Wahrheitsgehalt einer Aussage einschätzen will, muss diese zunächst verstehen. Das Gehirn sollte also Bedeutung und Richtigkeit eines Satzes nacheinander überprüfen - tut es aber nicht.
Niederländischer ZugLaden...
"Die Königin von England ist geschieden." Eine klare und verständliche Aussage. Ist sie aber auch wahr? Zweifel tun sich auf. Gab es da nicht einen gewissen Prinz Philip? Haben wir etwa einen Skandal im englischen Königshaus verpasst? Nein! Dank unserer Kenntnisse aus der Regenbogenpresse sind wir sicher: Der Satz macht zwar durchaus Sinn – er ist semantisch richtig –, aber inhaltlich bleibt er falsch.

Ganz anders verfahren wir dagegen mit folgender Aussage: "Der Palast der Königin von England ist geschieden." Dieser Satz ist offensichtlich vollkommener Blödsinn. Es erübrigt sich daher, den Wahrheitsgehalt noch zu überprüfen.

Anscheinend analysiert das Gehirn bei jeder Aussage – sei sie gehört oder gelesen – zunächst deren Bedeutung und überprüft dann, mit Hilfe des Gedächtnisses, den Wahrheitsgehalt. Zwei Prozesse, die schön nacheinander abgearbeitet werden sollten.

Arbeitet das Gehirn wirklich in solchen wohlgeordneten Schritten? Um diese Frage zu beantworten, konfrontierten Peter Hagoort und seine Kollegen von der niederländischen Universität Nijmegen ihre Versuchspersonen mit entsprechenden Satzbeispielen.

Die Probanden bekamen drei Versionen eines Satzes zu Gehör: "Holländische Züge sind gelb und überfüllt", "holländische Züge sind weiß und überfüllt" oder "holländische Züge sind sauer und überfüllt". Nun kennt jeder Holländer nicht nur die durchschnittliche Zugauslastung, sondern auch die Farbe der Züge seiner Heimat: gelb. Satz 1 ist also semantisch und inhaltlich richtig, Satz 2 semantisch richtig, aber inhaltlich falsch, und Satz 3 ist auch semantisch falsch.

Was macht nun das Gehirn mit diesen Aussagen? Dazu maßen die Forscher die Hirnströme ihrer Versuchspersonen per Elektroenzephalogramm (EEG). Denn praktischerweise meldet sich das Gehirn, wenn ihm irgendetwas merkwürdig vorkommt, mit so genannten ereigniskorrelierten Potenzialen. Dabei handelt es sich um Abweichungen von den durchschnittlichen Hirnpotenzialen, die unmittelbar nach einem Reiz auftauchen. So erfolgt beispielsweise nach 400 Millisekunden eine negative Auslenkung des Potenzials, die als N400 bezeichnet wird.

Als nun die Semantik des Satzes verletzt war – bei den "sauren Zügen" –, trat erwartungsgemäß eine N400-Welle im EEG der Versuchspersonen auf. Überraschenderweise reagierte das Gehirn ebenso, wenn es die Aussage über die "weißen Züge" verarbeiten musste: Die semantisch richtige, aber inhaltlich falsche Aussage löste gleichfalls eine N400-Welle aus, die in ihrer Amplitude ähnlich, in ihrem zeitlichen Auftreten sogar identisch zum semantischen N400-Effekt verlief.

Die Frequenzen der EEG-Oszillationen unterschieden sich jedoch: Bei Verletzung des Wahrheitsgehaltes traten sie im niederfrequenten Bereich als so genannte theta-Peaks auf, während Verletzungen in der Bedeutung der Aussage gamma-Antworten mit höherer Frequenz auslösten.

Im nächsten Schritt wollten die Forscher wissen, wo diese Verarbeitung im Gehirn stattfindet. Die funktionelle Kernspinresonanztomographie lieferte die Antwort: im unteren Bereich des linken präfrontalen Cortex, und zwar in der Nähe der so genannten Brodmann-Areale 45 und 47. Von diesen Rindenfeldern war bereits bekannt, dass sie an der semantischen Verarbeitung von Sprache beteiligt sind. Ihre Aktivität im Zusammenhang mit einer Wahrheitsanalyse war für die Forscher jedoch neu.

Bedeutung und Wahrheit eines Satzes verarbeitet das Gehirn also nicht nur am gleichen Ort, sondern auch zur gleichen Zeit. Sinn und Unsinn von Aussagen zum Familienstand gewisser blaublütiger Persönlichkeiten können so schnellstmöglich auf ihre Richtigkeit hin überprüft werden.

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