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Virologie: Die Angst ist berechtigt

Ein leichtes Husten vom Nachbarn und es kann bereits passiert sein. In Zeiten globaler Mobilität breiten sich Infektionskrankheiten rasend schnell über den Erdball aus. Europa ist auf solche weltumspannenden Epidemien unzureichend vorbereitet, sind sich die internationalen Experten auf dem EuroScience Open Forum in Stockholm einig.
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"Ähnlich wie die Vereinigten Staaten benötigt Europa ein Zentrum zur wirksamen Kontrolle und zur Verhinderung der Ausbreitung von Infektionskrankheiten", meint Ragnor Norrby vom schwedischen Institut zur Kontrolle von Infektionskrankheiten. Sars (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom) und die auf Menschen übertragbare Vogelgrippe haben die Mängel des europäischen Sicherheitssystems deutlich vor Augen geführt. Die Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO und der chinesischen Regierung waren in der Regel schnell verfügbar und umfangreich. Auf Informationen aus der EU mussten die Wissenschaftler quälende 48 Stunden warten.

In dieser Zeit kann eine Person die hochansteckende Krankheit bereits in den letzten Winkel der Erde getragen haben. Düsenflieger und Eisenbahnen machen es möglich. Da sich die Krankheitserreger zugleich immer schneller verändern, halten die Virologen eine Pandemie jederzeit für möglich. "Wer nicht zutiefst besorgt ist, hat die Bedrohung nicht richtig verstanden", meint daher Hans Wigzell vom schwedischen Karolinska Institut.

Was unter "Bedrohung" zu verstehen ist, umreißt Stefan Kaufmann vom Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie am Beispiel der Tuberkulose. "Schätzungsweise ein Drittel der Weltbevölkerung ist mit dem Tuberkulose-Bakterium angesteckt." Bei etwa zehn Prozent der Infizierten bricht die Erkrankung aus. An dieser Lungenkrankheit sind mittlerweile über 150 Millionen Menschen gestorben. "Das ist mehr als in allen Kriegen dieser Welt zusammen", so Kaufmann. Jährlich kommen neun Millionen Neuerkrankungen hinzu.

Aber Tuberkulose ist nur eine von vielen Bedrohungen der Gesundheit. Die Wissenschaftler sind sich bewusst, dass jederzeit eine neue, gefährliche Grippewelle über den Globus schwappen kann. Doch obwohl die meisten Medikamente zur Bekämpfung dieser Krankheit in Europa produziert werden, befürchten die Virologen, dass die Europäer auf den akuten Fall unzureichend vorbereitet sind. Albert Osterhaus vom Institut für Virologie der Erasmus Universität in Rotterdam bemängelt zu geringe Lagerbestände. "Wenn eine solche Grippe ausbricht, braucht es Wochen, um die Patienten ausreichend mit Medikamenten zu versorgen", meint Osterhaus. "Ich habe den Impfstoff daher für meine Familie und mich zu Hause im Schrank."

Mit einem European Centre for Disease Control (ECDC) soll sich die Situation in Europa nun deutlich verbessern, auch wenn sich die finanzielle Ausstattung mit zunächst fünf Millionen Euro eher bescheiden anhört. "Das ist nahezu ein Nichts gegenüber den gut sieben Milliarden Dollar, die den Amerikanern die Centers for Disease Control and Prevention zum Schutz ihrer Bürger Wert ist", meint Wigzell.

Dennoch: "Die Aufgaben der europäischen ECDC sollen denen der amerikanischen CDC ähnlich sein", meinte Thorsten Münch, Sprecher des für Gesundheit und Verbraucherschutz zuständigen EU-Kommissars David Byrne, nach dem Beschluss der EU-Gesundheitsminister Anfang Dezember 2003. "Die administrative Struktur ist aber eine gänzlich andere." Die ECDC wird keine eigenen Labors unterhalten, sondern sehr intensiv mit nationalen Einrichtungen wie dem Robert-Koch-Institut in Berlin zusammenarbeiten. Anfang 2005 soll die ECDC ihre Arbeit in Schweden aufnehmen.

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