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Amazonas: Dunkle Wolken über Brasilien

Die mediale Aufmerksamkeit hat nachgelassen, aber die Brände am Amazonas gehen weiter. Doch haben sich Vertreter des brasilianischen Agrobusiness und Gouverneure aus den Bundesstaaten der Amazonasregion gegen Präsident Jair Bolsonaro gestellt. Die Stimmung in der brasilianischen Bevölkerung ist sensibel, Widerstand bildet sich auch im Kontext der internationalen Klimabewegung.
Brandrodung im AmazonasregenwaldLaden...

Einheimische und Touristen sitzen auf den Bänken und in den Bars und Restaurants an der Praça São Sebastião, dem Platz vor dem Teatro Amazonas, dem prächtigen Opernhaus von Manaus. Sie genießen den lauen Abend; vor der Oper bildet sich eine Schlange, die Orquestra Amazonas Filarmônica, die Amazonas-Philharmoniker, spielt gratis »Eine kleine Nachtmusik« von Wolfgang Amadeus Mozart.

An der Oper in der Amazonien-Metropole, die den alten europäischen Kontinent und die neue brasilianische Welt verbindet, scheinen die Waldbrände, die Europa und Brasilien zuletzt voneinander entfernt haben, weit weg zu sein. Milton, der am Einlass arbeitet, sagt: »Wir haben andere Sorgen. Gesundheit, Bildung.« Erst vergangene Woche demonstrierten Ärzte und Krankenschwestern, weil seit fünf Monaten ihr Gehalt aussteht. Miltons Kollegin ergänzt, dass es die Brände im Amazonasgebiet immer gegeben habe und die Aufregung darum politisch motiviert sei. Sie ist im Gegensatz zu Milton keine Anhängerin des rechten Präsidenten Jair Bolsonaro, aber meint dennoch, dass man ihn respektieren und regieren lassen sollte.

»Das muss man sich mal vorstellen«, sagt Rita de Cassia Guimarães Mesquita, Forscherin und Koordinatorin am Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia (INPA), dem staatlichen Institut für Regenwaldforschung, das dem Wissenschaftsministerium in Brasília angeschlossen ist. »Mein Haus in Manaus riecht jedes Mal, wenn ich es betrete, als ob ich Churrasco gemacht hätte; die Stadt riecht verbrannt. Erst vor Kurzem hatten wir einen Himmel, der vom Rauch verschleiert war.« Rauch aus dem Bundesstaat Rondônia, der im Süden an den Amazonas grenzt und an der Spitze der Staaten mit den meisten Waldbränden steht.

»Mein Haus in Manaus riecht, als ob ich Churrasco gemacht hätte; die Stadt riecht verbrannt«(Rita de Cassia Guimarães Mesquita)

Es sind die schwersten Brände, die in Brasilien seit Jahren gewütet haben. Rita Mesquita sitzt in ihrem Büro im INPA im Viertel Petrópolis, hinter ihr an der Wand hängt das Bild einer amazonischen Flusslandschaft mit Riesenseerose und Papagei. Vor ihr breitet sich das Grün des Bosque da Ciência, des Wissenschaftswaldes aus, der auf dem Gelände des Instituts liegt. Mesquita spricht über ihr Spezialgebiet, Wiederaufforstung und Bodenregeneration. Sie begleitet beobachtend, was mit dem Wald passiert, wenn ein Gebiet abgeholzt, mit Feuer gerodet und genutzt wird und wie der Prozess der Wiederherstellung läuft. »Jedes weitere Jahr, in dem Brandrodung stattfindet, kann man eine Abnahme von zehn Prozent der Akkumulationsrate von Biomasse feststellen.«

Nicht nur in der Stadt Manaus, sondern auch in Brasilien generell wirken Mesquita und das INPA wie eine andere Welt. Doch auch in anderen Bereichen, in der Wirtschaft, in der Politik hat sich wie in der Wissenschaft Widerstand gebildet. Als Ricardo Salles nach Salvador da Bahia gekommen war, um auf der Semana do Clima da América Latina e Caribe, der Klimawoche Lateinamerikas und der Karibik, Ende August die Amazonaspolitik der Regierung von Präsident Jair Bolsonaro zu verteidigen, empfingen den brasilianischen Umweltminister wütende Pfiffe. Auf Plakaten stand »Amazonien steht in Flammen« geschrieben. So hatte sich Salles seinen Besuch sicher nicht vorgestellt.

»Die Art und Weise, wie internationale Presse und Öffentlichkeit Brasilien dargestellt haben – als Land, das Umwelt nicht respektiert, Amazonien zerstört – hat einen starken Widerhall in Brasilien gehabt«(Mauricio Santoro)

Aber die Stimmung in Brasilien ist sensibel, seit die Waldbrände im Amazonasgebiet im Bewusstsein der Brasilianer angekommen sind, sich zur internationalen Krise ausgewachsen haben. »Die Art und Weise, wie internationale Presse und Öffentlichkeit Brasilien dargestellt haben – als Land, das Umwelt nicht respektiert, Amazonien zerstört – hat einen starken Widerhall in Brasilien gehabt«, sagt Mauricio Santoro, Politikwissenschaftler an der Universidade do Estado do Rio de Janeiro (UERJ, Universität des Staates Rio de Janeiro). »Die Leute haben innegehalten, um das zu verfolgen.«

Das brasilianische Amazonasgebiet hat in den ersten acht Monaten des Jahres 6404 Quadratkilometer Waldfläche verloren, was einem Anstieg von 91,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum entspricht. Die Zahl der Feuer in Brasilien liegt 2019 bisher bei 88 816. Das ist dem Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais (Inpe, Nationales Institut für Weltraumforschung) zufolge, das Satellitenbilder auswertet, um Abholzung und Brandrodung zu erfassen, der höchste Wert seit 2010. Nachdem die brasilianische Regierung – inklusive Umweltminister Ricardo Salles und Präsident Jair Bolsonaro – die Brände ignoriert und sie dann tagelang heruntergespielt hatte, schickte Bolsonaro das Militär in das Amazonasgebiet, um dabei zu helfen, die Waldbrände einzudämmen.

Die Kehrtwende kam, als die internationale Empörung über die zunehmende Abholzung und Brandrodung des größten Regenwaldes der Welt wuchs. Europäische Länder wie Frankreich und Irland drohten damit, das Handelsabkommen zwischen dem Mercosur, zu dem außer Brasilien auch Argentinien, Paraguay und Uruguay gehören, und der EU zu blockieren. Österreich wird das Abkommen wohl kippen. Der Unterauschuss im Nationalrat stimmte im September dagegen, was die Regierung zu einem Nein verpflichtet. Nicht nur die EU-Kommission muss das Abkommen verabschieden, sondern auch die einzelnen Mitgliedsstaaten müssen es ratifizieren.

Sogar die Agrarlobby warnt vor Folgen der Brandrodung

Selbst führende Vertreter der brasilianischen Agrarlobby, die maßgeblich an der Unterstützung Bolsonaros und für nahezu ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts Brasiliens verantwortlich ist, und Gouverneure von Amazonas-Bundesstaaten, in denen Jair Bolsonaro viele Stimmen bekommen hat, warnen inzwischen vor den Folgen von zunehmender Abholzung und Brandrodung. Wenn auch nicht, weil sie sich um das Amazonasgebiet sorgen. Sondern weil sie um ihr Geschäft fürchten, falls die Europäische Union brasilianische Produkte nicht mehr importieren, vielleicht sogar das geplante Handelsabkommen nicht ratifizieren sollte.

»Wir zahlen einen sehr hohen Preis«, sagte der Sojabaron und ehemalige Agrarminister Blairo Maggi der Wirtschaftszeitung »Valor«. Internationale Unternehmen wie der schwedische Textilhändler H&M erklärten, vorerst kein Leder mehr aus Brasilien zu beziehen. Davor hatte bereits der US-amerikanische Bekleidungskonzern VF Corporation den Kauf von Leder gestoppt. 230 internationale Investmentfonds veröffentlichten ein Manifest, in dem sie die brasilianische Regierung unter Druck setzen, wirksame Maßnahmen zum Schutz des Regenwaldes vorzulegen.

Das Dokument erschien im September, genau an jenem Tag, an dem die Vereinten Nationen die Rede von Präsident Jair Bolsonaro oder einem anderen brasilianischen Vertreter auf dem Klimagipfel in New York ablehnten. Weil Brasilien keinen konkreten, überzeugenden Plan zum Kampf gegen den Klimawandel habe.

»Waldbrände gibt es überall auf der Welt, das kann kein Vorwand für mögliche internationale Sanktionen sein«(Jair Bolsonaro)

Diesem internen und externen Druck hatte Jair Bolsonaro nachgegeben, wenn er auch sagt: »Waldbrände gibt es überall auf der Welt, das kann kein Vorwand für mögliche internationale Sanktionen sein.« 44 000 Soldaten sollten gegen die Brände im Amazonasgebiet kämpfen und Brandstifter verfolgen. Aber die Waldbrandsaison geht bis Oktober. »Wir sind in der Mitte der trockenen Jahreszeit. Es ist voreilig zu schließen, dass die Brände unter Kontrolle sind«, sagt INPA-Wissenschaftlerin Rita de Cassia Guimarães Mesquita. »Wir wissen, wenn das System einmal angefangen hat zu brennen, ist es schwierig, den Brand zu stoppen.«

Wenn die Probleme in Zentral-Amazonien nicht so präsent sein mögen, dann auch, weil sie sich an der Agrargrenze entlangziehen. Der Druck, besonders der Soja-Unternehmen, kommt aus dem Süden in den Norden und aus dem Osten in den Westen. »Als die Bilder von den Rauchwolken am Himmel von Apuí, die unsere lokalen Teams gemacht haben, Ende Juli bei uns ankamen, dachten wir, dass es Mehr vom Gleichen sein würde; die Brände sind eine traurige Realität unserer Amazonasregion. Aber das, was wir in den darauf folgenden Wochen gesehen haben, war ein exponentielles Wachstum der Zahl der Brände«, heißt es von der Nichtregierungsorganisation Idesam. Die Regierung des Amazonas bewog, Anfang des Monats den Notstand auszurufen und die Unterstützung der Streitkräfte anzufordern, um die Feuerherde zu bekämpfen.

Die Regierung von Mato Grosso do Sul erklärte den Notstand. Dem staatlichen Koordinator für Zivilschutz, Oberstleutnant Fabio Catarinelli, zufolge ergab eine Erhebung, dass der Bundesstaat zwischen dem 1. August und dem 8. September eine zerstörte Waldfläche von 1,027 Millionen Hektar aufwies.

Großgrundbesitzer legen Feuer, um neue Weiden zu schaffen

Es brennt jedes Jahr im Amazonasgebiet, es hat zur Trockenzeit zwischen Juli und Dezember schon fast immer gebrannt. »Es gibt natürliche Brände in einigen ökologischen Systemen«, sagt Rita de Cassia Guimarães Mesquita. »Aber das ist nicht die Regel in Amazonien. Wenn Amazonien Feuer fängt, dann, weil jemand Feuer gelegt hat. Absichtlich oder aus Versehen, aber es ist immer von Menschenhand.« Für Kleinbauern stellt das Abfackeln eine einfache Methode dar, um die Äcker zu reinigen und für eine neue Aussaat vorzubereiten. Dabei geraten Feuer auch schon mal außer Kontrolle. »Der Regenwald ist ein sehr feuchtes System, hat keine Anpassung an Feuer. Deswegen entstehen so große Schäden.«

Aber meist Großgrundbesitzer stecken Waldflächen auch absichtlich in Brand, um neue Weiden für Rinder und Äcker für den Sojaanbau zu schaffen. »Diese Zeit des Jahres ist die Zeit der Brände. Das ist nicht der Punkt«, sagt Rita Mesquita. »Der Punkt ist die Quantität, die Dimension der Brände.« Sie, ihre Kollegen und andere Gleichgesinnte haben bereits vor der Wahl Jair Bolsonaros dagegen gekämpft. »Selbst dann war es schrecklich. Jetzt heißt es offiziell, dass man hingehen, abholzen, abbrennen kann und nicht bestraft wird. Das ist das Problem.«

»Solange es Leute gibt, die bei Wald nur ein Hindernis für ein Entwicklungsmodell sehen, gibt es keine Rettung für den Regenwald«(Rita de Cassia Guimarães Mesquita)

Kritiker werfen Bolsonaro vor, ein Klima geschaffen zu haben, in dem sich Farmer zu immer mehr Brandrodungen ermutigt fühlen. Und überhaupt Eindringlinge in Naturparks und indigene Gebiete. So haben »Garimpeiros«, illegale Goldsucher, aus der Gegend des Nationalwaldes Crepori im Bundesstaat Pará, wo sich die Goldsuche in Amazonien konzentriert, eine bisher beispiellose Unterstützung der Regierung bekommen. Hochrangige Politiker, unter ihnen Stabschef Onyx Lorenzoni, Verteidigungsminister Augusto Heleno und Umweltminister Ricardo Salles, empfingen sie in der Hauptstadt Brasília.

Angst vor Handelssanktionen

Doch die Politik der Regierung ist bei Gouverneuren des Amazonasgebiets auch auf Kritik gestoßen. Sie fürchten sich wie die Agrarlobby vor internationalen Strafmaßnahmen – und um das Geschäft. »Wenn sich Brasilien isoliert, setzt es sich ernsten Handelssanktionen gegen unsere Produzenten aus», sagte der Gouverneur des Bundesstaates Maranhão, Flávio Dino. Der Gouverneur des Pará, Helder Barbalho, forderte, der Welt der Umweltdiplomatie ein Zeichen zu geben, weil sie fundamental für die Landwirtschaft sei.

»Die Gouverneure haben die Möglichkeit, sich als Alternative zu Bolsonaro zu positionieren«, sagt UERJ- Wissenschaftler Mauricio Santoro. Sie haben Erklärungen abgegeben, dass sie den direkten Dialog mit den Ländern, die in den Amazonienfonds einzahlen, suchten könnten. »Bolsonaro geht politisch geschwächt aus all dem heraus.« Die Popularität Bolsonaros hat durch sein Verhalten in Bezug auf die Waldbrände bereits gelitten. 38 Prozent der Brasilianer lehnen Jair Bolsonaros Politik ab, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts »Datafolha« Anfang September ergab.

Der Präsident bekommt nun auch den Druck der Straße zu spüren. Brasilianische Studenten und Aktivisten forderten auf der Avenida Paulista in São Paulo beim weltweiten Klimastreik am 20. September eine wirksame Politik der Regierung gegen die Abholzung und für die indigenen Völker. Sie schlossen sich damit den weltweiten Klimaprotesten an, die Millionen Menschen in mehr als 150 Städten versammelten. In Brasilien beteiligten sich mindestens fünf Bundesstaaten – São Paulo, Minas Gerais, Bahia, Pernambuco und Ceará – sowie der Distrikt der Hauptstadt Brasília.

Im September ging die Zahl der Brände und die verbrannte Fläche in Amazonien deutlich zurück: Zum einen wirkte ein zweimonatiges Moratorium durch die Bolsonaro-Regierung, das neue Brandrodungen verbot. Zudem regnete es in der Region überdurchschnittlich viel für die Jahreszeit.

Am Tag zuvor war wieder schwarzer Rauch in São Paulo und anderen Städten des Südosten und Süden angekommen. Es ist ein ungewöhnliches, ungleiches Bündnis zwischen Wissenschaftlern, Agrarunternehmern, Umweltschützern und anderen. Dieses sich in Brasilien gebildete Bündnis hat vor, die Idee zu widerlegen, dass die Bewahrung der Natur eine Bremse für die wirtschaftliche Entwicklung ist, wie es Bolsonaro regelmäßig vertritt. »Solange es Leute gibt, die bei Wald nur ein Hindernis für ein Entwicklungsmodell sehen, gibt es keine Rettung für den Regenwald«, sagt Rita de Cassia Guimarães Mesquita.

Am Ende verliere Brasilien nicht nur Amazonien, sondern die Basis der Nachhaltigkeit. Der Regenwald leistet globale Umweltdienste, die Weideland und Sojafelder nicht ersetzen können. »Das Modell muss so schnell wie möglich überprüft werden. Es macht Angst, zu sehen, dass das Land nicht strategisch auf Amazonien blickt«, sagt Rita de Cassia Guimarães Mesquita. Auch, wenn das an den Touristenspots von Manaus weit weg sein mag.

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