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Interview

'Die chinesische Kultur ist eine große Herausforderung'

Die ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti im Gespräch über China, die Raumstation nach der ISS und was man tun muss, um sich als Held zu fühlen.
Internationale Raumstation ISS

Die ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti war kürzlich in China, um mit den dortigen Taikonauten zu trainieren. Ziel ist ein gemeinsamer Flug auf die chinesische Raumstation, die derzeit gebaut wird, sagt die Raumfahrerin im Interview mit "Spektrum.de" – und spricht außerdem darüber, wieso man nicht so euphorisch über den Mars als Raumfahrtziel reden sollte und wie sie mit dem Heldenkult umgeht.

Spektrum.de: Frau Cristoforetti, Reinhold Ewald hat auf dem Podium der Raumfahrt-Konferenz in Stuttgart gesagt, dass die Atmosphäre an Bord der Raumstation immer dann zivilisierter gewesen sei, wenn eine Frau an Bord war …

Samantha Cristoforetti im Flight Suit
Samantha Cristoforetti | Samantha Cristoforetti ist Kampfpilotin der italienischen Luftwaffe und trat 2009 dem Europäischen Astronautenkorps bei. Sie war von November 2014 bis Juni 2015 Mitglied der ISS-Crew der Missionen 42 und 43.

Samantha Cristoforetti: Das kann ich nicht beurteilen. Wenn ich dabei bin, bin ich ja immer dabei. Aber ich glaube es nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Männer unzivilisiert verhalten, wenn Frauen nicht dabei sind. Aber wie gesagt: Ich war ja nie dabei.

Immer wieder kommt das Gespräch in Ihrer Anwesenheit auf solche Themen, was vermutlich daran liegt, dass Frauen in der Raumfahrt immer noch eine recht kleine Minderheit sind. Sollten aus Ihrer Sicht mehr Frauen in der Raumfahrt aktiv sein?

Klar, man könnte einfach sagen: natürlich gerne! Doch wie sollen wir das bewerkstelligen? Sollen wir Frauen aus anderen Bereichen abziehen? Es sind einfach zu wenig Frauen in entsprechenden Berufen aktiv. Schauen Sie in die Ingenieurstudiengänge, da sind Frauen immer noch in der Minderheit. Es liegt jedenfalls nicht daran, dass wir in der Raumfahrt keine Frauen wollen. Wir freuen uns über qualifizierte Bewerberinnen. Woran es wiederum liegt, dass sich weniger Frauen für Ingenieurwissenschaften interessieren, kann ich nicht sagen, ich bin keine Genderforscherin.

"Wir freuen uns über qualifizierte Bewerberinnen"

War für Sie denn von Anfang an klar, dass Sie diesen Weg gehen wollen? Sie haben sich nicht von Rollenklischees abhalten lassen?

Nein, aber diese waren auch nicht so präsent in meiner Kindheit und Jugend. "Mädchen machen so etwas nicht" habe ich in meiner Jugend nie gehört. Ich habe schon als Kind davon geträumt, Astronautin zu werden. Das kann man natürlich nicht wirklich planen, solche Stellen werden ja nicht allzu oft ausgeschrieben. Ich hatte Glück.

Gibt es denn Themen, die Sie besonders interessieren im Vergleich zu Ihren männlichen Kollegen?

Nein. Müssen wir jetzt das ganze Interview über dieses Thema …

Nein, das wäre schade. Dafür haben Sie zu viele andere spannende Themen im Gepäck. Sie betonen immer wieder, wie wichtig Ihnen die internationale Zusammenarbeit ist. Alle Astronauten sagen bei jeder Gelegenheit, Raumfahrt überwinde Grenzen, politische Differenzen treten in den Hintergrund. Kürzlich waren Sie in China, um mit den dortigen Astronauten zusammenzuarbeiten – war es dort auch so, dass politische Differenzen kein Thema waren?

Auf unserem Niveau, bei unseren Themen war es auf jeden Fall so. Wir waren dort im August zum Training und haben uns dort sehr warmherzig aufgenommen gefühlt. Am Ende, nach den zwei Wochen, war es eine richtige kleine Astronautenfamilie. Das liegt auch daran, dass wir so eine besondere Arbeit haben. Wir arbeiten in einem Zusammenhang, der konzeptionell Grenzen überschreitet. Klar, das gilt nur für uns Astronauten, Politik verschwindet natürlich nicht, aber solche Entscheidungen werden auf einer anderen Ebene entschieden.

Diskutiert man einfach nicht über Politik unter Astronauten?

Nein. Wir haben einfach Lust, uns auf das zu konzentrieren, das uns verbindet: den Weltraum, die Vorbereitung darauf, das Training.

Das Ende der ISS ist besiegelt, und China baut gerade an einer chinesischen Raumstation. War Ihr Besuch dort schon der erste Schritt, um für Europa dort Plätze zu sichern und entsprechende Flüge vorzubereiten?

Nein, es geht jetzt vor allem darum, dass man sich kennen lernt. Dass man Vertrauen aufbaut, dass wir die Möglichkeit haben zu schauen, wie sie arbeiten, und sie schauen können, wie wir arbeiten. Es ist wirklich mehr ein Kennenlernen und Beschnuppern, keine konkrete Vorbereitung.

Europa will auf den ISS-Nachfolger

Was genau haben Sie denn gemacht?

Es war ein Wasser-Überlebenstraining. Wir haben simuliert, dass die Shenzhou – ihre Raumkapsel – nicht auf dem Land landet, sondern wegen eines Notfalls auf dem Meer. Wir haben trainiert, was man tun muss, um die Kapsel zu verlassen und auf dem Meer zu überleben. Das war ein Programm für deren Gruppe, acht Taikonauten, an dem wir teilnehmen konnten.

Wenn Sie nicht konkret für den ersten gemeinsamen Flug geübt haben – was war der Hintergrund des Treffens?

Es gibt ein "Memorandum of Understanding" zwischen der ESA und der chinesischen Agentur: Sie wollen, dass irgendwann, wenn die chinesische Station gebaut ist – das wird Richtung 2023 sein –, ein europäischer Astronaut oder eine Astronautin mit hinfliegen darf. Das ist noch sehr vage, doch auf dem Weg dorthin muss man schauen, dass man miteinander anfängt zu arbeiten. Jetzt schon zu trainieren, wäre ein bisschen früh. Wir können aber auch nicht nichts machen. Wir müssen uns annähern, uns verstehen, wir müssen die Leute jetzt kennen lernen. Deshalb trainieren wir jetzt ab und zu zusammen. Das heißt allerdings nicht, dass ich diejenige bin, die dann fliegt.

Würden Sie denn gerne?

Ja!

ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti in einem chinesischen Druckanzug
Samantha Cristoforetti in einem chinesischen Druckanzug

Was reizt Sie daran?

Am meisten die Herausforderung, in einer relativ unterschiedlichen Kultur zu arbeiten; Chinesisch gut lernen zu müssen. Doch die Sprache ist relativ einfach im Vergleich dazu, die Kultur gut zu verstehen. Wenn man mit Menschen in den Weltraum fliegt, muss man sich gut verstehen, gerade auch kulturell.

Sind Ihnen denn schon zentrale Unterschiede aufgefallen?

Chinesen sind sehr viel vorsichtiger in der Kommunikation. Wir sind daran gewöhnt, sehr direkt zu sein. Die Chinesen haben großen Respekt, sie sind sehr selten direkt. Ich habe das gemerkt und versucht, mich anzupassen – das geht natürlich nicht perfekt in zwei Wochen.

"Wenn man nicht den Verstand verloren hat, weiß man, dass man kein Held ist"

Welche Ziele jenseits der chinesischen Raumstation interessieren Sie denn sonst? Ihre Kollegen reden alle vom Mond und vom Mars – träumen Sie davon auch?

Es ist mir wichtig darauf hinzuweisen, dass eine Marsmission noch sehr weit entfernt ist.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Wir leben in einer Zeit der Maximierung von Kommunikation. Die Leute hören von irgendeiner PR-Kampagne a la "Journey to Mars" – und dann kriege ich am nächsten Tag die Frage: Wann fliegst du denn zum Mars? Das Verständnis ist nicht da, wie lange das noch dauert und wie viel bis dahin noch gelöst werden muss. Ich fürchte, dass wir damit Enttäuschung verursachen. Es nimmt den Menschen die Chance, sich über die eigentlichen Erfolge zu freuen. Wir sollten es eher so kommunizieren: Der Mars ist weit weg, auf dem Weg dorthin gibt es jedoch diese und jene Etappe. Dann können sich die Leute freuen, wenn man Etappen erreicht hat.

Ist der Mond eines Ihrer Traumziele?

Ich würde mich natürlich freuen, an einer Mondmission teilzunehmen. Zunächst wird sie allerdings in die Mondumlaufbahn gehen, erst im zweiten Schritt auf die Oberfläche. Und bis dahin wird es sicher noch eine Astronautenauswahl geben, so dass ich skeptisch bin, ob ausgerechnet ich dorthin fliegen werde. Aber klar: Wenn das klappt, freue ich mich.

Was reizt Sie am Mond?

Es ist unser nächstes Ziel, und es wäre etwas Neues. Ich war jetzt schon in der Erdumlaufbahn, das wäre das nächste logische Ziel. Wir müssten alle Routinen neu entwickeln, so etwas finde ich spannend.

Stören Sie sich denn an alten Routinen? Ist eigentlich ein Generationskonflikt spürbar für Sie zwischen alten, erfahrenen Raumfahrern und Ihnen, der jungen Generation?

Nein, eigentlich nicht. Auf der ISS hängen viele Routinen an der Hardware, daran lässt sich wenig ändern. Wenn ein jüngerer Astronaut aber hier oder da eine bessere Vorgehensweise vorschlägt, sind alle offen dafür. Alter spielt dort eigentlich keine Rolle. Das ist bei den Russen vielleicht anders. Da haben die Jungen Respekt vor den Älteren auf traditionelle Art und Weise.

Die russischen Traditionen beeinflussen die Raumfahrt stark. Mir ist in Starcity bei Moskau, wo auch alle europäischen und amerikanischen Astronauten viele Monate trainieren müssen, ein ungewöhnlich starker Heldenkult aufgefallen. Wie empfinden Sie das?

Starcity ist schon besonders: In diesem kleinen Städtchen dreht sich alles um Astronauten. Das muss man verstehen. Jeder, der dort lebt, hat irgendwie mit Raumfahrt zu tun. Es ist das Zentrum des Lebens in dieser Stadt. Die Traditionen werden gepflegt.

Fühlen Sie sich als Heldin?

(lacht) Nein! Wir sind doch keine Helden, wir machen nur unseren Job. Wir haben das Glück gehabt, dass wir den Weg in diesen Job gefunden haben, das dürfen nicht viele. Ich kann verstehen, wie das von außen aufgenommen wird: Es wirkt toll, dass wir in den Weltraum fliegen. Aber wenn man nicht den Verstand verloren hat, weiß man, dass man kein Held ist.

02/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 02/2018

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