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News: Die Dinosaurierfossilien in der Wüste Gobi

Die Wüste Gobi beherbergt für Paläontologen wahre Schätze. Nur an wenigen Orten auf der Erde existieren ähnlich gut erhaltene Fossilien aus der Kreidezeit. Ein Wissenschaftlerteam hat mit detektivischem Spürsinn herausgefunden, daß nicht Sandstürme, sondern bei starkem Regenfall plötzlich abrutschende Sandlawinen die Dinosaurier begraben haben. Die Forscher entwerfen ein gar nicht wüstenhaftes Bild vom Lebensraum der „schrecklichen Echsen“.
Ein Team von Wissenschaftlern der University of Nebraska, des American Museum of Natural History, des Berkeley Geochronology Center und der Monogolian Technical University stellten in der Januarausgabe von Geology neue Beweise vor, daß in der Wüste Gobi die Dinosaurier und andere Lebewesen der damaligen Zeit von einer plötzlichen Lawine aus wassernassem Sand getötet wurden, die von einer Dünenseite abrutschte. Die Untersuchungen zeigten auch die ersten Dinosaurier-Fußspuren, die überhaupt in der Wüste Gobi entdeckt wurden. Die Wissenschaftler, die einer Expedition angehören, welche gemeinsam vom American Museum of Natural History und der Mongolian Academy of Science organisiert wurde, arbeiteten in einer Gegend, die als Ukhaa Tolgod (braune Hügel) bekannt ist und eine der weltweit reichsten fossilen Fundstätten der späten Kreidezeit darstellt.

Einmalige Qualität der Fossilien

Ukhaa Tolgod wurde erst 1993 von dem Team entdeckt. So gut erhaltene Fundstücke gibt es praktisch sonst nirgends auf der Erde. Winzige Skelettstrukturen – einige von ihnen kleiner als die Buchstaben auf dieser Seite – sind vollständig erhalten. Diese bemerkenswerte Qualität läßt darauf schließen, daß die Tiere aus Ukhaa Tolgod rasch von einem katastrophalen Ereignis getötet worden sind. Ihre Körper wurden verschüttet, bevor andere Tiere ihre Überreste verwerten konnten oder die natürlichen Zersetzungsprozesse sie zerstörten. Es wurde häufig angenommen, daß starke Sandstürme die Übeltäter waren, die die Dinosaurier unter Wolken aus Staub und Streusand lebendig begruben. Die wahre Natur dieses Unglücks blieb aber im dunkeln.

Die geologische Detektivarbeit, die von den Autoren des neuen Artikels durchgeführt wurde, brachte die Todesursache ans Tageslicht: Es war das wenig bekannte und erst kürzlich erkannte Phänomen einer Schuttlawine oder eines „Sandrutsches“. Dabei rutscht eine große Menge feuchten Sandes lawinenartig eine Dünenseite hinunter und begräbt alles unter sich.

Die Jagd nach den Indizien

Die Auflösung dieses geheimnisvollen Rätsels begann mit einer detaillierten Untersuchung der Geologie von Ukhaa Tolgod. Die Forscher fanden drei verschiedene Arten von Sandstein in der Gegend, jede stellte ein entscheidendes Puzzle-Teil für das Gesamtbild dar. Der erste Sandsteintyp zeigt eine gut definierte Schichtstruktur, die in einem Winkel von 25 Grad geneigt und nach Teilchen-Größe angeordnet ist. So eine Struktur ist typisch für Ablagerungen durch Wind. Dieser Sandstein war wahrscheinlich während starker Stürme gebildet worden. Lange Zeit nahm man an, die Stürme hätten die Dinosaurier getötet, allerdings enthält der entsprechende Sandstein keine Skelettreste. Sogar noch überraschender waren in dem üblicherweise regelmäßig angeordneten Sandstein die „Pockennarben“, konkave Vertiefungen von wenigen Zentimetern bis zu etwa einem halben Meter Durchmesser, die im Querschnitt wie übereinandergestapelte Schüsseln aussahen. Die Gruppe hatte das nötige Quentchen Glück: David Loope, Erstautor des Geology-Artikels und Lehrstuhlinhaber am Department of Geosciences an der University of Nebraska, hatte Vertiefungen desselben Typs in Nebraska untersucht und sie als versteinerte Fußspuren großer Tiere erkannte. Wenn es auch nicht möglich ist, die Spuren in der Wüste Gobi mit letzter Sicherheit zu identifizieren, so stammen doch die einzigen großen Fossilien, die man gefunden hat, von Dinosauriern. Das gilt als starker Hinweis dafür, daß solche Lebewesen wie Protoceratops und Ankylosaurus die Fußspuren hinterlassen haben.

Der zweite Sandstein-Typ zeigt nicht die feinporige, kleinkörnige Struktur des ersten. Doch aus Ähnlichkeiten der großen geneigten Sandschichten geht hervor, daß auch dieser Typ durch Windablagerungen zustande kam. Laufgänge und Grabkanäle von Insekten und anderen Kleintieren waren in dem Sandstein zu erkennen, allerdings erst ab einer gewissen Tiefe. Die Forscher postulieren, daß die Dinosaurier die oberen Kanäle und Gänge der Insekten zertrampelten, die unteren aber intakt blieben. Wegen der fehlenden feinporigen Struktur im Sandstein blieben die eigentlichen Fußspuren der Dinosaurier nicht erhalten.

In dem dritten Sandsteintyp schließlich hat man die vielen Hunderte von Fossilien von Ukhaa Tolgod gefunden. Natürlich zog dieser Typ das Interesse und die Aufmerksamkeit der Geologen auf sich. Anders als die ersten beiden Sandstein-Typen wies dieser überhaupt keine Schicht-Struktur auf. Große Kopf- und Kieselsteine, zu groß, um mit dem Wind dahin getragen worden zu sein, kamen gelegentlich in diesen Sandsteinen vor. Somit kann die Möglichkeit ausgeschlossen werden, daß Sandstürme die Dinosaurier von Ukhaa Tolgod unter sich begraben hätten. Um diese These zu erhärten, durchforstete die Gruppe die Reiseliteratur Zentralasiens und Arabiens auf der Suche nach Berichten über Sandstürme, die Tiere unter sich begruben. Es gab keine derartigen Berichte.

Des Rätsels Lösung

Erneut wandte Dr. Loope seine Aufmerksamkeit auf die Sandhügel von Nebraska, um die Lösung zu finden. Vor seinem Aufbruch in die Mongolei hatte er ein kaum bekanntes Phänomen untersucht, wonach sich ansonsten stabile Sanddünen während heftiger Regenfälle voll Wasser saugen und eine plötzliche Schuttlawine ausgelöst wird. In Gesprächen mit Bewohnern der betroffenen Gebiete bekam er interessante Berichte zu hören. In einem Fall hatte ein Kleinlaster am Fuß einer solchen großen Sanddüne geparkt und wurde halb von einem Sandrutsch begraben, den ein heftiger Regensturm im Juli ausgelöst hatte. In einem anderen Fall wurde eine Scheune, die an einem Dünenabhang gebaut war, von einer Rutschbewegung halb aufgefüllt. Solche „Sandrutsche“ könnten die Dinosaurier und andere Tiere erfaßt haben, die sich in der Bewegungsrichtung der Trümmer befanden. Der Sand begrub sie, bis die Überreste der Tiere von den Paläontologen aufgefunden wurden. Damit könnte man die außerordentlich gute Qualität der Fossilien von Ukhaa Tolgod erklären und warum man sie immer in solchen Sandsteinen findet, denen die durch Windablagerungen gebildeten Schichten fehlen.

Was im einzelnen solche Schuttlawinen auslöst, versteht man noch nicht sehr gut. Es scheint, als ob Lehme, die einzelne Sandkörner überziehen, eine wichtige Rolle spielen. Der Lehm wird von Wirbelstürmen voller Staub herangetragen. Wenn es regnet, sickert das Wasser durch die Düne und wird von dem Lehm, der die einzelnen Sandkörner umgibt, aufgenommen. Mit der Zeit verhindert der Lehm die Absorption des Wassers durch die Düne, so daß ein starker Regen ein Wegrutschen des feuchten Sandes auslösen kann.

Leben in der Wüste

Der Lehm in den Nebraska-Dünen (und vermutlich in den vorzeitlichen Dünen der Wüste Gobi) sammelt sich an, weil die Vegetation die Dünen stabilisiert und ihr Wandern verhindert. Umgekehrt haben die Dünen der meisten aktiven Felder sehr wenig Lehm, weil diese Lehm-Ummantelungen aufbrechen, wenn die einzelnen Sandkörner über den Wüstenboden reiben. Die Gruppe will eine Reihe von Experimenten durchführen, einschließlich des Versuches, einen „Sandrutsch“ auszulösen, um mehr über die Natur dieser Schuttbewegungen zu lernen.

Die Entdeckung zeigt, daß die Dinosaurier, deren Knochen in Ukhaa Tolgod gefunden worden sind, nicht in einer unbelebten, sterilen Wüste lebten, sondern in einem festen Dünenfeld, wo pflanzliches Leben und Regenfälle relativ häufig und weit verbreitet waren.

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