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Vorurteile: Die drei Arten von Intoleranz

Toleranz zeigt sich darin, dass man anderen Menschen dieselben Rechte und Freiheiten zugesteht, die man für sich selbst beansprucht. Daran kann man gleich auf dreierlei Weise scheitern.
Drei Fingerfiguren grenzen eine vierte aus

Kopftuchverbot, Gewalt gegen Juden, Doppelmoral im Umgang mit Tieren. Steckt hinter allem letztlich dasselbe: eine intolerante Haltung? Sozialwissenschaftler um Maykel Verkuyten von der Universität Utrecht halten das Etikett für zu oberflächlich. Bei Befragungen in mehreren Ländern haben sie drei Formen der Intoleranz ausgemacht.

Den Kern der ersten Variante bildet eine Antipathie, die sich gegen eine Gruppe von Menschen richtet, die als »anders« empfunden wird. Diese Intoleranz erwächst aus Engstirnigkeit, starrem Denken und dem Gefühl einer Bedrohung, und sie äußert sich im Gefühl von Überlegenheit und in diskriminierendem Verhalten.

Die zweite Art von Intoleranz besteht darin, die Überzeugungen oder Praktiken einer Gruppe unreflektiert abzulehnen. Wer sich von dieser intuitiven Intoleranz leiten lasse, neige dazu, mit zweierlei Maß zu messen, erläutern Verkuyten und sein Team. Eine solche Doppelmoral entdeckten er und seine Kollegen bei 38 Prozent der Westeuropäer zum Beispiel darin, ähnliche christliche und islamische Praktiken nicht gleichermaßen zu akzeptieren oder abzulehnen. Mit Vorurteilen habe das nicht unbedingt etwas zu tun, schreiben sie. Viele hätten einfach nicht genug nachgedacht, zum Beispiel darüber, dass es gute Gründe gibt, unterschiedliche Gebräuche zu respektieren. »Studien zeigen, dass Intoleranz gegenüber den Praktiken von Outgroups und eine voreingenommene Einstellung zwei verschiedene Phänomene sind.« Gemeinsam ist beiden, andere Menschen und ihre Rechte, eigene Überzeugungen und Gebräuche zu pflegen, nicht als gleichwertig anzuerkennen.

Unter der dritten Form verstehen die Sozialwissenschaftler eine Art überlegte Intoleranz: die Missbilligung von Praktiken nach Abwägung der Argumente beider Seiten. Geht es um Kindesmisshandlung, ist die Sache klar. Das Verhalten weicht von akzeptierten Normen und Werten ab; Toleranz kommt nicht in Frage. In anderen Fällen allerdings ist auch die überlegte Intoleranz nicht vor Doppelmoral gefeit. Man messe beispielsweise mit zweierlei Maß, wenn unnötiges Leid zwar in der Tierhaltung gebilligt wird, nicht aber bei religiösen Gebräuchen.

Verkuyten und einer seiner Koautoren, Levi Adelman, fanden die verschiedenen Formen von Intoleranz unter anderem in mehreren Stichproben in den Niederlanden. »Bei einigen Menschen gehen antimuslimische Gefühle und Ablehnung der Praktiken Hand in Hand, bei anderen nicht«, stellen sie fest. Die Missbilligung einzelner Praktiken tauge nicht als Beweis für Vorurteile.

Eine vorurteilsfreie Haltung könne sich sogar in einer Ablehnung von religiösen Symbolen etwa in Schulen zeigen – sofern alle abgelehnt werden, auch die der eigenen Kultur. Wer nur die religiösen Symbole von Minderheiten missbilligt, beweist Intoleranz. So sei es möglich, dass Menschen mit einer ganz unterschiedlichen Haltung dieselben Dinge ablehnen. Ein Phänomen, das die merkwürdigen Zweckgemeinschaften bei den Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen erklären könnte.

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