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Evolution: Die Eroberung der Monarchie

Die Südsee ist nicht nur ein Traum für Reisende, auch Biologen schätzen sie. Allerdings weniger wegen Meer, Strand und Palmen als für ihre Diversität – neue Einblicke in die alte Frage der Entstehung von Arten inklusive.
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Der Pazifik: Unendliche blaue Weite, in die vereinzelte kleine Kleckse Festland eingestreut sind – mitunter trennen sie tausende Kilometer ununterbrochenen Wassers voneinander oder von kontinentalen Gestaden. Trotz dieser Isolation leben auf ihnen unzählige einzigartige Tier- und Pflanzenarten, deren Vorgängern es irgendwann einmal gelang, den Ozean zu überqueren: Echsen landeten als Passagiere auf entwurzelten Bäumen an, Landvögel wurden von Stürmen ihrer Heimat entrissen und durch Zufall ausgerechnet auf dieses Archipel oder jenen Vulkan geblasen.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit ereignen sich diese für die Individuen glücklichen Rettungen am ehesten auf den zum Festland nächstgelegenen Eilanden. Sofern sie überleben und Partner vorhanden sind, zeugen die Tiere Nachwuchs und bevölkern bald ihr neues Zuhause. Wird es irgendwann zu eng, wandern vielleicht einzelne ab und besiedeln benachbarte Inseln. Oder das Schicksal schlägt erneut zu und verfrachtet die Spezies zwangsweise in weitere unfreiwillige Exile. Die höchste Artenvielfalt pro Fläche tritt dementsprechend nahe potenzieller Quellen auf, und sie nimmt mit zunehmender Entfernung ab.

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Monarcha richardsii | Weibchen (oben) und Männchen (unten) von Monarcha richardsii von den Solomon-Inseln. Ernst Mayr nutzte sie als Beleg für viele seiner Ideen. Neuen molekularbiologischen Daten zufolge ist die Spezies die nächste Verwandte der das Festland besiedelnden Arten.
Läuft alles gut, erobern sich die entsprechenden Familien oder Gattungen über diese Trittsteine ganze Inselwelten wie eben Polynesien, Mikronesien und Melanesien im Pazifischen Ozean. Läuft es noch besser, ernennt sie die Wissenschaft zu Musterbeispielen der Biogeografie und der Aufspaltung von Arten. Die Monarchfliegenschnäpper (Monarchidae) Ozeaniens gelten als evolutionäre Vorzeigeexemplare, an denen der große, jüngst verstorbene Ornithologe Ernst Mayr die Herkunft und Entwicklung der pazifischen Vogelwelt erklärte.

Seiner Ansicht nach gibt es eigentlich keine eigenständige pazifische Avifauna: Sie alle stammen nur von Kolonisten aus Papua-Neuguinea oder Australien ab, die sich einbahnstraßenförmig von diesen Landmassen gen Osten ausgebreitet haben. Mayr hatte allerdings die meisten Jahre seines Schaffens noch nicht die modernen Methoden der DNA-Analyse zur Verfügung, die nun Christopher Filardi und Robert Moyle vom Amerikanischen Museum für Naturgeschichte in New York nutzten, um den Stammbaum der Fliegenschnäpper einer neuerlichen Aufschlüsselung zu unterziehen.

Die beiden Biologen betrachteten sich dazu die Kern- und mitochondriale DNA von verschiedenen insularen und kontinentalen Monarchen aus den unterschiedlichsten Gattungen der bisherigen wissenschaftlichen Einteilung, die rein auf Äußerlichkeiten basierte. Das Erbgut brachte es nun allerdings zu Tage: Alle sechs im Pazifik endemischen Gattungen zählen auf Grund ihrer genetischen Übereinstimmung in Wahrheit zu der einen großen Gruppe Monarcha, die ebenso in Australien und auf Neuguinea heimisch ist.

Sie sind demnach natürlich enger miteinander verwandt als bislang angenommen, und die Inselarten stammen von einer einzigen festländischen Ur-Spezies ab, die sich irgendwann in rascher Folge weiter aufspaltete und in einem breit angelegten Eroberungsfeldzug in kurzer Zeit den gesamten pazifischen Archipel besiedelte, wo ihre Nachkommen selbst immer neue Arten hervorbrachten.

Wichtiger ist jedoch, dass damit die Trittstein-Theorie wankt: Denn die beiden ursprünglichsten Ex-Inselgattungen Chasiempis und Pomarea stammen aus Hawaii und Ostpolynesien – weiter von Kontinenten ist kaum ein anderes Stück Land entfernt. Wie sie dorthin kamen, liegt im Dunkel der Evolution verborgen, aber ihr zeitlicher Ursprung datiert zurück ins Pliozän vor mehr als 1,5 Millionen Jahren.

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Pazifische Inselwelt | Ein typischer Anblick aus der Heimat der Monarchfliegenschnäpper: verstreute Südsee-Trauminseln. Und doch wagten sie den Sprung zurück ans australische Festland.
Die ersten Schritte der Pazifik-Monarchen waren noch zäh, denn in den folgenden Jahrhunderttausenden besiedelten sie nur wenig Neuland, und die Entwicklung neuer Arten verlief dementsprechend schleppend. Im Pleistozän kam es dann allerdings innerhalb geologisch kurzer Zeit zu einer regelrecht explodierenden Vielfalt zu den verschiedenst geformten und gefärbten Fliegenschnäppern, die in der Ära der klassischen Taxonomen letztendlich zu den Verwirrungen führte. Immerhin bilden die Vögel eine östliche und eine westliche Gruppe aus, deren Abkömmlinge sich fächerartig ausbreiteten und nun erst in der Gruppe der Salomonen-Inseln wieder begegnen.

Und von dort aus gelang ihnen sogar wieder etwas, was den als eher "schwächlich" und wenig durchsetzungsfähig geltenden Inselarten bisher nicht zugetraut wurde: Sie schafften den Sprung zurück auf das Festland. Monarcha frater und Monarcha melanopsis aus Australien und Neuguinea führen damit die Trittstein-Theorie endgültig ad absurdum. Statt Urahnen ihrer insularen Verwandtschaft sind die beiden in ihrer Heimat weit verbreiteten Singvögel gar nun die jüngsten Mitglieder der Familie.

Vielleicht hatte Mayr neben dem Nachteil, keine Gentests zur Verfügung zu haben, aber auch das Pech, dass der wahre Einfluss des Menschen auf die Vielfalt der Südsee und deren biologischer Einordnung erst jetzt sichtbar wird. Denn noch schneller als die Vögel durchquerten die Polynesier und Melanesier mit ihren Booten den Pazifik und eroberten Insel um Insel. Am Ende hatten sie wohl mehr als 2000 Vogelarten schlicht aufgegessen oder verdrängt – und den evolutionären Stammbaum durchlöchert.

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