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News: Die Eskalation der Gewalt

Mit dem Schicksal des französischen Gendarmen Daniel Nivel, den deutsche Hooligans während der Fußballweltmeisterschaft 1998 fast zu Tode prügelten, hat die Gewalt am Rande von Fußballspielen einen traurigen Höhepunkt erreicht. Eine Studie im Auftrag des Bundesinnenministeriums kommt zu dem Schluss, dass sich das Problem zukünftig auch auf die dritten und vierten Ligen ausbreiten wird und die Prügeleien der Rowdies immer brutaler werden.
Kaum ein sportliches Ereignis der letzten Jahre war in ähnlichem Maße von Gewalt geprägt wie die Fußballweltmeisterschaft 1998 in Frankreich. Hier haben sich vor allem deutsche Hooligans in die Schlagzeilen geprügelt. Aus Anlass der offenbar immer brutaleren Auseinandersetzungen haben sich Experten vom Institut für Psychologie der Universität Erlangen-Nürnberg eingehend mit diesem Thema befasst.

Grundlage der jetzt vorgelegten Studie im Auftrag des Bundesministers des Innern waren zum einen 24 Diskussionsrunden mit 205 Fachleuten der verschiedenen Ligen, Städte und Kommunen, der Polizei und des Bundesgrenzschutzes. Zum anderen wurden die Erkenntnisse dieser Expertenrunden durch psychologische Bewertungen von Hooligans ergänzt.

Während die Hälfte der Fachleute in den letzten Jahren eine steigende Zahl von Hooligans beobachtete, glauben fast drei Viertel aller Befragten an eine Abnahme spontaner Auseinandersetzungen. Die Gewaltbereitschaft nehme aber zu, der Ehrenkodex, keine Waffen zu tragen und niemals Unbeteiligte oder am Boden Liegende anzugreifen, verliere immer mehr an Bedeutung. Außerdem weisen die Leiter der Untersuchung, Friedrich Lösel und Thomas Bliesener, auf deutliche Unterschiede zwischen Ost und West hin. In den neuen Bundesländern scheinen die Hooligans demnach sehr viel gewaltbereiter. Auch ist die Zahl der Ausschreitung hier höher.

Das soziale Umfeld der Hooligans ist häufig durch Verbindungen zum kriminellen Milieu gekennzeichnet. Viele Hooligans haben keine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung, auch die Zugehörigkeit zu politisch extremen Gruppierungen ist nicht selten. Im täglichen Leben unauffällige Hooligans, die fest im Beruf stehen und in einem stabilen sozialen Umfeld leben, sind – entgegen bisheriger Annahmen – eher selten.

Die Motive für die Gewalt am Rande von Fußballereignissen sind der Studie zufolge insbesondere das "Kick"-Erlebnis und der Spaß an der Gewalt. Viele Hooligans betreiben Kampf- und Extremsportarten, meist sind Aggressivität und Erregbarkeit typische Persönlichkeitsmerkmale. Ein ausgeprägtes Gruppengefühl und der Nervenkitzel, die Staatsmacht herauszufordern, bestimmen das Selbstbewusstsein. Die Reaktionen in den Medien sowie das große Polizeiaufgebot empfinden Hooligans demnach als Selbstbestätigung und Befriedigung.

Zur Prävention und Intervention empfehlen die Autoren der Studie insbesondere den Einsatz "szenekundiger Beamter", die Erfassung einschlägig bekannter Hooligans, das rasche Eingreifen der Sicherheitskräfte sowie Meldeauflagen und Reiseverbote. Außerdem hat sich die gezielte Trennung von Fans vor, während und nach einem Spiel bewährt. Die Hooligans selber glauben, dass Geld- und Haftstrafen, Stadionverbote und die Begleitung durch szenekundige Beamte zu den wirksamen Mitteln gegen die Eskalation gehören. Und die wird in Zukunft immer mehr auch die dritten und vierten Ligen betreffen. Für die Spiele der ersten und zweiten Bundesliga erwarten die Experten keinen weiteren Anstieg der Gewalt. Bei internationalen Begegnungen gehen sie von weiterhin seltenen, dafür aber umso heftigeren Auseinandersetzungen aus. Frankreich könnte also erst der Anfang gewesen sein.

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