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Langlebigkeit: Die Geheimnisse der Hundertjährigen

Sardinien, Japan, Kalifornien - in manchen Regionen der Erde sind hundertste Geburtstage häufiger als anderswo. Gesund leben, optimistische Einstellung, soziale Kontakte gelten als besonders wichtig, während den Genen weniger Einfluss auf die Lebensspanne zugestanden wird. Doch neue Ergebnisse rütteln daran.
Alte FrauLaden...
Zwei Weltkriege, Weltwirtschaftskrisen, das Umwälzen politischer Systeme und globaler Machtverhältnisse – die Hundertjährigen von heute haben vieles erlebt und auch erleiden müssen, ganz abgesehen von ihrer persönlichen Lebensgeschichte. Doch befragt man sie zu all den Jahren, so klingt auch bei traurigen Erinnerungen immer wieder der Glaube an das Positive im Leben durch sowie die Willenskraft, den Kopf nie hängen zu lassen.

Wie viel Gen darf's sein?

Ist Optimismus also das Rezept für ein langes Leben? Ergänzt durch gesunde, eher kalorienarme Ernährung, körperliche und geistige Aktivität, soziale Bindungen, Arbeit und vielleicht auch ab und zu ein Gläschen Rotwein?

Im Prinzip ja, würden bislang wohl viele Forscher antworten. Denn auch wenn die Gene eine Rolle spielen – indem sie Menschen beispielsweise anfälliger für diverse Krankheiten machen und so die Lebensspanne beeinflussen. Viel Einfluss wird dem Erbgut aber kaum zugestanden.

Dabei fanden Forscher in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Genen, die sich spezifisch mit einem hohen Alter korrelieren ließen. FOXO3A beispielsweise: Kieler Wissenschaftler um Almut Nebel und Stefan Schreiber bestätigten 2009 an DNA-Proben von knapp 400 hundertjährigen Deutschen, dass eine besondere Variante dieses Gens besonders häufig bei Menschen solch hohen Alters auftritt [1]. Im Jahr zuvor hatten Wissenschaftler in den USA dieses Auftreten bei alten amerikanischen Männern japanischer Herkunft beobachtet [2].

Alter Bekannter für menschlichen Jungbrunnen

FOXO3A war ins Rampenlicht der Forschung geraten, als man Anfang der 1990er Jahre feststellte, dass es bei Fadenwürmern und Taufliegen die Lebensspanne verlängern konnte. Es greift als Transkriptionsfaktor in das Ablesen von Genen ein. Hinsichtlich der Lebensverlängerung scheint es vor allem beim Zellwachstum wichtig zu sein – beispielsweise kann es den programmierten Zelltod von geschädigten oder zu alten Zellen auslösen.

Ebenfalls in der Diskussion als Langlebigkeitsgene sind die so genannten Sirtuine. Sie mildern durch ihre Aktivität die Folgen von Stress für die Zelle. Hier kommt noch einmal der Rotwein ins Spiel: Darin enthaltenes Resveratrol hatte sich bei Hefen, Würmern und Fliegen als besonders guter Aktivator von Sirtuinen erwiesen und dadurch denselben lebensverlängernden Effekt erwirkt wie eine radikale Diät.

Neue Punkte im alten Erbgut

Doch trotz diesen und noch einigen weiteren inzwischen aufgespürten Langlebigkeitsgenen konnte das Auftreten entsprechender Varianten ein hohes Alter zu nicht mehr als 30 Prozent erklären. Bis Forscher der Boston University nun ihre – aus methodischen Gründen allerdings umstrittenen – Ergebnisse präsentierten [3].

Die Wissenschaftler um Paola Sebastiani und Thomas Perls hatten Erbgutdaten von über 1000 Hundertjährigen verglichen und schließlich 150 Punktmutationen in Genmarkern (single nucleotide polymorphisms, SNP) herausgefiltert, die es ihnen erlaubten, das hohe Alter zu fast 80 Prozent richtig vorherzusagen. Sie stellten dabei auch fest, dass sich 90 Prozent der Senioren anhand ihres jeweiligen genetischen Profils einer von 19 Gruppen zuordnen ließen.

Charakteristisch für eine der Gruppen ist zum Beispiel, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz und Bluthochdruck deutlich später auftraten als im Durchschnitt. Eine andere zeichnet sich durch ein relativ einheitliches Todesalter aus, obwohl Demenz und Bluthochdruck völlig unterschiedlich einsetzten. Und eine weitere verblüffte die Forscher damit, dass die darin Versammelten nur vereinzelte der mit Langlebigkeit assoziierten Varianten aufwiesen – gründete sich ihr hohes Alter also nur auf gesunden Lebensstil?

Acht Jahre mehr für Adventisten

Als gutes Beispiel für vorteilhaften Umwelteinfluss führt Perls in einer Pressekonferenz die Anhänger der Siebenten-Tags-Adventisten: Sie essen rein vegetarisch, rauchen nicht, trinken keinen Alkohol, sind körperlich aktiv, pflegen ein reges Sozialleben, bewältigen Stress mit Hilfe ihrer Religion – und werden im Schnitt acht Jahre älter als die restliche Bevölkerung der USA. Ihre Daten aber, so die Wissenschaftler, könnten nur aussagen, dass es neben den aufgedeckten genetischen Einflüssen noch weitere, nicht geklärte gibt – ob das nun aber Erb- oder Umweltfaktoren seien, müsse noch untersucht werden.

Interessant ist noch, dass die Forscher auch das Auftreten von mit Krankheiten assoziierten Genvarianten analysierten – und sich hier ihre Hundertjährigen nicht von den Kontrollpersonen unterschieden. Das hohe Alter beruhe also nicht auf dem Fehlen von genetisch bedingten Anfälligkeiten, sondern darauf, dass diese außer Kraft gesetzt wurden. Diese Erkenntnis wirke sich auch aus auf die Aussagekraft von Gentests auf Krankheiten, so die Wissenschaftler.

Vielleicht ein Test, aber kein 100-Jahre-Cocktail

Kommt nun der Chip für den Lebensspannentest oder der 100-Jahre-Cocktail? Beide Fragen verneint Perls: Ersteres sei zwar möglich, benötige aber noch weit mehr Diskussion, als allein schon die Interpretation der Daten jetzt auslöse. Auch sei die Vorhersagekraft sehr ungenau: Die entdeckten SNPs traten bei 15 Prozent der Kontrollpersonen auf – die also ein langes Leben erhoffen könnten –, doch liegt die Quote von Hundertjährigen in der Bevölkerung mit einem unter 6000 deutlich darunter.

Das Vorhandensein dieser Punktmutationen würde den Betroffenen wohl ein längeres Leben erlauben, wären da nicht Verkehrsunfälle, Kriege oder andere Situationen, die ganz unabhängig vom Erbgut zum Tode führten. Und ein Langlebigkeitsdrink sei angesichts der Komplexität des Ganzen noch meilenweit entfernt.
26. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 26. KW 2010

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  • Quellen
[1] Flachsbart, F. et al.: Association of FOXO3A variation with human longevity confirmed in German centenarians. In: Proceedings of the National Acadamy of Sciences 106, S. 2700–2705, 2010.
[2] Willcox, B.J. et al.: FOXO3A genotype is strongly associated with human longevity. In: Proceedings of the National Acadamy of Sciences 105, S. 13987–13992, 2008.
[3] Sebastiani, P. et al.: Genetic Signatures of Exceptional Longevity in Humans. In: Science 10.1126/science.1190532, 2010.

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