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News: Die gesündere Hirnhälfte

Je gesünder man ist, desto leichter fällt ein positiver Blick aufs Leben. Und umgekehrt, glauben Forscher nun bewiesen zu haben.
Dieser Artikel könnte auch mit "Die ungesündere Hirnhälfte" überschrieben sein – inhaltlich bietet dies keinen Unterschied, emotional aber eine andere Färbung. Reine Geschmackssache also – wie die Antwort auf die klassische Frage nach dem Inhalt einer halbgefüllten Flasche. Um die spontane Zustandsbeschreibung einer solchen Flasche gebeten, spaltet sich die Menschheit grob in zwei Lager: Pessimisten, für welche die Flasche halb leer, und Optimisten, für die sie halb voll ist.

Diese gefühlig-kategorische Einteilung mag schwammig erscheinen, kann mittlerweile aber durchaus auch wissenschaftlich mehr oder minder gut messbar nachvollzogen werden. Dazu zeichnet man beispielsweise die Hirnaktivitäten menschlicher Probanden auf, die sich gedanklich wechselnd an deprimierend negative beziehungsweise berauschend positive Lebensereignisse intensiv zurückerinnern. Je nach emotionaler Färbung der Erinnerungen werden dabei unterschiedliche Bereiche des Gehirns aktiv: schöne Gedanken bewegen den so genannten linken präfrontalen Cortex, negative das gegenüberliegende Gegenstück, den rechten präfrontalen Cortex. Dabei wird bei vielen Testpersonen eine auch längerfristige Bevorzugung einer der beiden Gemütsstimmungen deutlich: Bei den "Pessimisten" übertrifft die Reaktion des aktiven, rechten Präfrontalcortex auf negative Emotionen jene des linken auf positive deutlich – umgekehrt ist dies bei den "Optimisten".

Dieses Experiment exerzierten nun ganz ähnlich auch Richard Davidson von der University of Wisconsin und seine Kollegen an 57 amerikanischen Senioren und sortierten ihre Versuchsteilnehmer so erfolgreich in generell eher positiv denkende Kandidaten und solche mit größeren Tendenzen zum Schwarzsehen.

Dies allerdings war nur ein Zwischenschritt des Forscherteams auf dem Weg zur wissenschaftlichen Beantwortung einer übergeordneten Frage: Davidson wollte herausfinden, welche Konsequenzen derartige emotionale Grundeinstellungen für die Gesundheit einzelner Menschen haben.

Dass Glückskinder mit einer generell positiven Sichtweise auf ihre Umwelt seltener erkranken, gilt dabei zwar seit längerem schon fast als eherne Volksweisheit, eine wissenschaftlich lückenlose Beweiskette war dafür bislang allerdings nicht geschmiedet. Die Forscher um Davidson stellte nun das Immunsystem ihrer experimentell erwiesenen Miesepeter und Frohsinnigen auf die Probe: Etwa zeitgleich mit den Messungen von deren Gehirnaktivitäten verabreichten sie ihnen auch Injektionen mit einem Grippe-Vakzin. Dieser Impfstoff regt das Immunsystem des Geimpften zur Bildung von grippespezifischen Antikörpern an – Antikörpern, die je nach Stärke und Kapazität des körpereigenen Immunsystems nach einiger Zeit im Blut in mehr oder weniger hoher Konzentration nachweisbar sind.

Wie sich zeigte, korrelierte die Antikörperzahl und damit die Stärke des Immunsystems der Probanden offenbar eindeutig mit ihrer jeweiligen emotionalen Konstitution: Diejenigen, deren linker präfrontaler Cortex im Messexperiment das rechte Hirngegenüber beherrscht hatte – die Optimisten also – bildeten nach ihrer Grippeimpfung im Durchschnitt mehr Antikörper als die emotional negativistischen Kandidaten.

Macht positiv denken also gesünder? Vielleicht, doch Vorsicht: Schließlich stellt das auch nur die positiv optimistische Interpretation der nüchternen, harten Fakten dar. Diese offenbaren strenggenommen ja nur einen Zusammenhang von im Gehirn wiedergespiegelten negativen Emotionen und einer durchschnittlich eher schwachbrüstigeren Immunkonstitution.

Diesen Zusammenhang könnte ein fähiger Advocatus Diabolus mit gleichem Recht auch perfide umdeuten: etwa dahingehend, dass die Schwarzseher ursächlich wegen ihres schwachen Abwehrsystems vielleicht immer schon häufiger krank waren – und deswegen später eher zu pessimistischen Grundüberzeugungen neigen.

Aber warum immer alles so negativ interpretieren? Gesund wäre das, nach Lage der Dinge, jedenfalls kaum.

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