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Lebensweisen: Die Grenzen des Raubens

Fleisch fressende Jäger müssen gut rechnen können, sonst stecken sie mehr Energie ins Aufspüren der Nahrung als beim Verspeisen wieder hereinkommt. Das könnte der Grund sein, warum hausgroße Raubtier-Monster heute nur noch in Hollywood vorkommen.
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Wer über zwei Meter hoch ist, messerscharfe Krallen und Reißzähne hat und beispielsweise "Grizzlybär" heißt, der dürfte eigentlich kein echtes Problem haben, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, im Zweifel mit Gewalt. Stimmt aber nicht. Denn ein mächtiger Körper macht generell furchtbar viel Mühe im Unterhalt und verlangt ständig nach qualitativ hochwertigem Futternachschub.

Vielleicht ist also selbst für Raubtiere weniger manchmal mehr und Mäßigung in Wuchs und Imposanz angebracht, um nicht ständig Nahrung heranschaffen zu müssen? Die Antwort liegt auf der Hand und ist langweilig: Wahrscheinlich gibt es alle möglichen Zwischenformen von Marder bis Eisbär.

Stimmt aber auch nicht, schreiben nun Chris Carbone von der Zoologischen Gesellschaft London und seine Kollegen. Den Forschern war der Umstand Aufmerksamkeit wert, dass landlebende Säugetier-Raubtiere im Großen und Ganzen eben ohne fließende Übergangsexistenzen zwei unterschiedliche Strategien verfolgen: die einen in der Grizzly-, Löwen- und Eisbärennische (Körper sehr groß und demnach sehr hungrig auf sehr große Beute), die anderen als typische Kleinräuber (laufend auf der Suche nach vorbeilaufendem Futter das dann, aus Gründen der bequemen Überwältigbarkeit, deutlich kleiner sein sollte als sie selbst). Zwischenformen? Größtenteils Fehlanzeige.

Die Gründe für diese scharfe Trennung sind auch mathematisch gut zu beschreiben, belegen nun Carbone und Co. Ihre Formel für Raubtiergrößen ergibt sich dabei im Grundsatz aus einer einfachen Bilanz: Im energetischen Haben steht alles durch Futtern eingenommene, im Soll das, was für die Jagd und den Rest des Lebens ausgegeben werden muss. Ist diese Bilanz nicht ausgeglichen, verhungert das Tier.

Carbones Team errechnete nun aus den typischen Werten des Energieverbrauches und -gewinns eines guten Dutzends verschiedenartigster Beutegreifer eine erhellende Kurve, aus der zwei verräterisch allgemeingültige Nenngrößen herauszulesen sind.

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Säuger-Raubtiere werden nicht schwerer als eine gute Tonne | Räuberische Säugetiere trennen sich nach Größe in zwei unterschiedliche Gruppen: Unterhalb eines eigenen Körpergewichtes von 14,5 Kilogramm im Mittel (hellbraune Punkte und Linie) ist es für sie energetisch sinnvoller, viele deutlich kleinere Beutetiere zu sagen. Große Räuber (blau) schlagen dagegen Beutetiere, die genauso groß sind wie sie selbst – und müssen dies auch, um ihre Energiebilanz auszugleichen. Tiere über einer Tonne Gewicht können die zum Aufrechterhalten ihres Körpers nötigen Beutemengen offenbar nicht mehr sinnvoll besorgen. Die größten bekannten Säugetiere (etwa Arctodus simus mit rund 1000 Kilogramm Gewicht; gestrichelte Linie) sind ausgestorben.
Die erste: "14,5 Kilogramm". An diesem gemittelten Körpergewicht scheiden sich offensichtlich die beiden gegensätzlichen Größenstrategien für den Beuteerwerb. Ist man schwerer, so kann der Energiebedarf des beeindruckenden Körpers nur durch mindestens ebensogroße Beutetiere gedeckt werden, die natürlich seltener und entsprechend mühsam zu erjagen sind. Unter der Gewichtsgrenze ist die Energiebilanz dagegen günstiger, wenn weniger Kraft in Jagd und Überwältigung gesteckt und viele deutlich kleinere Beutetiere beiläufig ohne großen Aufwand gerissen werden: Sparen auf der Ausgabenseite würden die Ökonomen dazu wohl sagen. Wenige Tierarten können ja nach Bedarf auch beide Strategien verfolgen – wer dazu in der Lage ist, wie Schakal oder Luchs, ist dann tatsächlich um die 15 Kilogramm schwer.

Noch ultimativer scheint im Reich der Säugetiere ein zweiter berechneter Nennwert zu gelten: Oberhalb von 1100 Kilogramm ist ein reines Jägerleben als Säugetier energetisch nicht mehr zu refinanzieren. An die Grenze geriet etwa, als bislang größter Jäger aller Zeiten, der Kurznasige Bär Arctodus simus mit seinen 1,5 Metern Schulterhöhe (auf vier Beinen stehend) und wohl bis zu einer Tonne Gewicht. Passenderweise fand der Bärengigant aber in der ausgehenden Eiszeit Nordamerikas nicht mehr genug Futter und starb vor gut 10 000 Jahren aus. Heute nimmt den Spitzenplatz der Eisbär ein, der allerdings über ein Gewicht von rund 500 Kilogramm nicht hinauskommt. Dass er bedroht ist und seinen Lebensunterhalt nicht mehr ungehemmt bestreiten kann, ist denn auch weniger gewichtsbedingt als den Eingriffen des Menschen in sein Lebensumfeld geschuldet.

Ganz uneingeschränkt für alle Tiere mit räuberischer Mentalität gilt die Obergrenze allerdings nicht, was ein Vergleich zwischen dem erwähnten Kurznasenbär und solchen Raubtierschwergewichten wie dem Tyranno-, Spino- oder Giganotosaurus (Gewichtsklasse um die acht Tonnen) belegt. Reptilien wie diese größten Jäger aller Zeiten hatten aber eine geringere Stoffwechselrate. Sie mussten demnach auch weniger an verspeister Nahrung zum Anfeuern der Körperheizung einsetzen.

Überschlagsrechnungen von Dinosaurierforschern veranschaulichen dies drastisch: Die 20 Kilogramm Fleisch, die heutzutage einen 250-Kilogramm-Löwen täglich satt machen, haben einst wohl auch einem sechs Tonnen schweren Tyrannosaurus gereicht. Das macht, egal ob für sechs hungrige Tonnen Saurier einst oder eine Vierteltonne Säuger heute, immerhin rund 14,6 große Grizzlybären pro Jahr. Irgendwie tröstlich, dass die energiebedingte Gewichtsobergrenze der lebenden Säuger-Raubtiere nicht höher liegt.
17.01.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 17.01.2007

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