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Epidemiologie: "Die Hauptkiller weltweit sind klimasensibel"

In Südostasien grassiert das Denguefieber. Die Schuld an der Epidemie geben manche Experten dem Klimawandel: Die den Erreger übertragenden Mücken leben länger, schlüpfen früher, werden in neuen Regionen heimisch. Der WHO-Experte Carlos Corvalan über dieses und ähnliche Gesundheitsprobleme als Folge der globalen Erwärmung.
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spektrumdirekt: Herr Corvalan, steuern wir einer Gesundheitskatastrophe verursacht durch den Klimawandel entgegen?

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Carlos Corvalan | Carlos Corvalan, Koordinator und wissenschaftlicher Experte der Abteilung für den Schutz der menschlichen Umwelt der Weltgesundheitsorganisation in Genf
Carlos Corvalan: Die Hauptkiller weltweit sind klimasensibel. Schon jetzt töten Durchfallerkrankungen weltweit 1,8 Millionen Menschen pro Jahr. Die Hauptbetroffenen sind Kinder. Malaria fordert 1,1 Millionen Menschenleben jährlich. Gar 3,7 Millionen Menschen verlieren jedes Jahr durch Unterernährung ihr Leben. Diese Situation wird sich durch den Klimawandel drastisch verschärfen.

spektrumdirekt: Sie sehen eine klare Verbindung zwischen dem Anstieg der Dengue-Erkrankungen in Asien und dem Klimawechsel. Haben Sie dafür Beweise, oder ist das mehr eine Vermutung?

Corvalan: Für viele vektorgebundene Krankheiten gibt es historisch gesehen bewiesene Zusammenhänge zwischen Temperatur oder Feuchtigkeit und der Ausbreitung der Vektoren in Regionen, wo es sie zuvor nicht gegeben hat. Dengue ist eine klimasensible Krankheit, aber im Augenblick gibt es keine ausreichenden quantifizierbaren Beweise für eine Prognose, wie viel mehr Dengue wir durch den Klimawandel haben werden. Alles, was wir im Moment haben, sind Modelle. Im Fall von Malaria hingegen gibt es für die WHO ausreichende Beweise, um sie bei der Einschätzung zunehmender Belastungen durch Krankheiten im Rahmen des Klimawandels aufzunehmen.

spektrumdirekt: In diesem Jahr gibt es in allen südostasiatischen Ländern einen dramatischen Anstieg der Dengue-Fälle. Infektionen werden selbst aus Regionen gemeldet, wo es bisher nie Dengue gegeben hat. Ist das ein klares Symptom dafür, dass ein Zusammenhang mit dem Klimawechsel bestehen könnte?

Corvalan: Ja, aber man darf nicht vergessen, dass es viele Ursachen für Dengue gibt. Die wichtigste ist das urbane Habitat. Die Menschen produzieren viel Müll. Vor allem in Plastikmüll kann sich Wasser ansammeln. Das bietet dem Moskito viele Brutplätze, es reichen schon kleine Mengen von Wasser aus. Nach meiner persönlichen Meinung weisen aber alle Fakten darauf hin, dass auch ein wärmeres Klima zur Ausbreitung der Krankheit beiträgt.

spektrumdirekt: Sie haben in Ihrer Rede auf der Expertentagung hier in Kuala Lumpur betont, jede Maßnahme muss auf soliden Fakten beruhen ...

Corvalan: ... deshalb antworte ich so vorsichtig ...

spektrumdirekt: ... aber es wird Jahre dauern, bis solide, quantifizierbare wissenschaftliche Beweise für einen Zusammenhang zwischen der Zunahme von Dengue und Klimawandel vorliegen. Können wir es uns leisten, fünf oder gar zehn Jahre zu warten, bis diese Beweise vorliegen?

Corvalan: Gute Frage. Man kann natürlich mit dem Verweis auf die fehlenden wissenschaftlichen Grundlagen nichts tun. Das ist aber nicht das, was wir – die WHO – propagieren. Ganz im Gegenteil. Die Frage muss lauten: Welchen Minimalbeweis brauchen wir, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen? Bei Dengue ist das einfach. Wenn wir die Folgen des Klimawandels eindämmen wollen, müssen wir alle Krankheiten, die sicher mit dem Klimawandel verbunden sind, als auch jene, bei denen wir uns noch nicht ganz sicher sind, in die Eindämmungsmaßnahmen einbeziehen. Nochmals, ich sage nicht, dass wir bei Dengue unsicher sind. Aber wir haben eben noch keine quantifizierbaren Beweise.

Man darf aber eines nicht vergessen: Wo es ein funktionsfähiges öffentliches Gesundheitswesen gibt, da wird man die Krankheit nicht haben. Das sieht man ja in den USA oder in Europa, wo Dengue unter Kontrolle ist. Natürlich wollen wir Krankheiten stoppen und brauchen ein gutes öffentliches Gesundheitssystem. Aber wir müssen vor allem den Klimawandel selbst eindämmen, um alle seine Folgen in den Griff zu bekommen, die indirekt Menschen krank machen können. Wie zum Beispiel die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft, die zu Unterernährung führen kann.

spektrumdirekt: Schlechtere Ernten, immer häufigere Überschwemmungen, zunehmende Wirbelstürme können eine stärkere Migration in die Städte zu Folge haben, was wiederum zur Zunahmen von Krankheiten führen kann. Ist das nicht eine, wenn auch noch schwer quantifizierbare, indirekte Folge des Klimawandels?

Corvalan: Das ist in den Städten in den Entwicklungsländern gar nicht so schwer zu beweisen. Mehr Menschen bedeutet mehr Müll. Der wiederum bietet für allerlei Krankheitserreger, wie auch Dengue, ideale Brutstätten. In Europa, wo es funktionierende Infrastrukturen wie Müllabfuhr in den Städten gibt, wird die Migration nicht zu solchen Problemen führen. Wohl aber hier in Asien.

spektrumdirekt: Welche gesundheitlichen Auswirkungen kann der Klimawandel in Europa haben, außer Todesfälle durch Hitzewellen?

Corvalan: Außer Hitzewellen gibt es zum Beispiel schwere Überschwemmungen. Die hat es zwar immer gegeben, aber sie werden durch den Klimawandel häufiger werden. Auch Fluten fordern Todesopfer. In der Folge von Überschwemmungen kann es auch zu Gesundheitsproblemen kommen, wie zum Beispiel Durchfallerkrankungen durch verschmutztes Wasser.

spektrumdirekt: Besteht die Gefahr einer Ausdehnung der Denguegebiete?

Corvalan: Nach meiner Meinung gibt es keinen Zweifel, dass wärmere Temperaturen den Lebensraum des Vektors verändert wird und wir Dengue in Regionen sehen werden, wo es bisher nicht vorkam. Derzeit leben etwa 35 Prozent der Weltbevölkerung in Dengue-Gebieten. Das kann durch den Klimawandel auf 50 bis 60 Prozent steigen.


Krankheiten und Klimawandel

  • Eine aktuelle Studie der WHO schätzt, dass der Klimawandel direkt oder indirekt für den Tod von 77 000 Menschen pro Jahr in der asiatisch-pazifischen Region verantwortlich ist. Das ist die Hälfte aller Todesfälle, die weltweit mit dem Klimawandel in Zusammenhang gebracht werden.

  • In Singapur, das seit Jahren breit angelegte Dengue-Präventionskampagnen fährt, ist die Zahl der Dengue-Fälle in diesem Jahr dreimal so hoch wie im vergangenen. In Indonesien werde sich die Zahl der Denguefälle durch den Klimawandel verdreifachen, prophezeit eine wissenschaftliche Studie der Asian Development Bank. Bis Juni waren in Indonesien 68 636 Dengue-Fälle gemeldet. Experten befürchten, dass in diesem Jahr der Rekord von 106 425 Dengue-Infektionen aus dem Vorjahr gebrochen werden könnte. Auch in Malaysia läuten die Warnglocken schrill: 1000 Neuinfektionen pro Woche meldet das Gesundheitsministerium in Kuala Lumpur, normal seien etwa 600. Malaysische Experten befürchten, verbesserte Brutbedingungen könnten gar einen virulenteren Strang des Virus hervorbringen.

  • In Ostafrika hat die Höhenmalaria die 2000-Meter-Grenze überschritten, meldet das Centrum für Reisemedizin in Düsseldorf. Fälle der Tropenkrankheit wurden auch in den bisher malariafreien Staaten Jamaika in der Karibik und dem Himalaya-Königreich Bhutan registriert. In Peru hat der Temperaturanstieg um ein Grad zu einer Zunahme der Durchfallerkrankungen um acht Prozent geführt.

  • Hotspot aber ist Südostasien, wo schon ohne die zusätzliche Belastung durch den Klimawandel die gesundheitliche Situation der großen Mehrheit der gut 1,7 Milliarden Menschen eine Katastrophe ist. In der Region ereignet sich die Hälfte aller weltweiten Naturkatastrophen von Vulkanausbrüchen über Erdbeben, Stürme bis hin zum Tsunami. 44 Prozent aller weltweiten Todesopfer durch solche Katastrophen sind in Südostasien zu beklagen. In Asien, Heimat von 60 Prozent der Armen der Welt, haben insgesamt eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen. Hinzu kommen Krankheiten wie Aids und die Gefahr des Ausbruchs einer Vogelgrippeepidemie.

  • Im häufiger werden Naturkatastrophen wie Überschwemmungen in Bangladesch, Sandstürme in China oder tropische Wirbelstürme an den Küsten Südostasiens, Phänomene, durch die die Armut in den ländlichen Gebieten verschärft wird. Welchen Anteil genau der Klimawandel an diesen Phänomen und die dadurch verursachten zusätzlichen Krankheitsfälle hat, ist unklar.
  • 01.08.2007

    Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 01.08.2007

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