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Naturschutz: Die Holzpaten

Hilfsgelder aus den reichen Ländern sollen den Regenwald im Süden retten. Doch nur zu oft versickert das Geld in dubiosen Taschen - und der Wald stirbt trotzdem.
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Borneos Ureinwohner lassen nichts unversucht, die Abholzung ihrer Wälder zu verhindern. Sie greifen mitunter zu archaischen Mitteln und blockieren Pisten. Oder sie setzen auf sehr moderne Strategien und streiten vor Gerichten für ihre Rechte. Dabei gewinnen sie die eine oder andere Schlacht, den ganzen Krieg könnten sie jedoch verlieren. Zu groß, stark, mächtig sind diejenigen, die ihre uralten Wälder abholzen. Und zu korrupt sind Polizei und Politiker, die etwas gegen die meist illegalen Rodungen unternehmen könnten.

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Regenwald auf Borneo | Nur noch an wenigen Stellen auf Borneo wachsen unberührte Regenwälder. Große Flächen mussten Palmölplantagen weichen oder wurden für die Papierindustrie zerstört – ohne Rücksicht auf die einheimischen Völker, die von Produkten des Waldes lebten.
Das zu einem großen Teil zu Indonesien und zum kleineren zu Malaysia gehörende Borneo ist "Ground Zero" im Kampf um neue, so genannte grüne Energien. Urwälder müssen weichen, um Platz zu schaffen für Palmölplantagen. Unternehmer, Politiker, Polizei, Provinzgouverneure oder Forstbeamte in Kalimantan, wie der indonesische Teil Borneos heißt, verdienen sich am grünen Öl eine goldene Nase.

Dreh- und Angelpunkt der Entwaldung aber ist Indonesiens Armee.
"In Ländern mit weit verbreiteter Abholzung ist die Korruption sehr hoch"
(Transparency International)
"Das Militär agiert als Koordinator, Investor, Schutzmacht und Aufpasser", sagt Tirta N. Mursitama. Der Wissenschaftler ist Leiter des Center for East Asia Cooperation Studies (CEACoS) an der Universität von Indonesien in Jakarta. Zusammen mit seinen Mitarbeitern hat er in einer im Januar veröffentlichten Studie die Rolle des Militärs bei den illegalen Rodungen in Ostkalimantan belegt. Das Militär kontrolliere zudem den Schmuggel der Baumstämme in den malaysischen Teil Borneos, wo nicht minder korrupte Personen ihre schützende Hand über den schmutzigen Holzhandel halten. Die Antikorruptionsorganisation Transparency International warnte denn auch schon vor drei Jahren: "In Ländern mit weit verbreiteter Abholzung ist die Korruption sehr hoch."

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Illegale Abholzung | Korruption treibt die Vernichtung der indonesischen Wälder an. Besonders dick im Geschäft sind dabei das Militär und örtliche Politiker.
Durch Abholzung wird Kohlendioxid freigesetzt, und Waldwissenschaftler schätzen, dass die Abholzung der Urwälder zwischen Borneo und dem Amazonas bis zu einem Fünftel des weltweiten Ausstoßes von Treibhausgasen beiträgt. Schützt man also die Wälder, verringern sich die C02-Emissionen. Zudem speichern die Wälder Kohlendioxid und wirken damit als natürliche Kohlenstoffsenke. Doch wie können diese Ökosysteme geschützt werden? Die simple Antwort lautet: durch Geld – und das entsprechende Zaubermittel heißt REDD oder "Reducing Emissions from Deforestation and Degradation". Statt am Kahlschlag zu verdienen, sollen die Wälder gegen Bezahlung stehen bleiben und ihre ökologische Rolle spielen. Dafür fließen – sollte REDD jemals Realität werden – jährlich schätzungsweise 15 bis 25 Milliarden US-Dollar aus den entwickelten Ländern in die Staaten des Tropenwaldgürtels.

Viele offene Fragen

Viele REDD-Fragen sind jedoch noch offen. Wie werden die vermiedenen und die absorbierten Emissionen gemessen? Woher soll das Geld kommen? Aus dem Verkauf von Emissionsrechten oder aus einem Fonds, der aus öffentlichen Mitteln finanziert und von den Vereinten Nationen verwaltet wird? An wen genau sollen die Gelder gehen, und was wird mit den Milliarden finanziert? Und vor allem: Wie kann verhindert werden, dass die Dollars nicht in den Taschen korrupter Offiziere, Polizisten, Politiker oder Beamter verschwinden?

Eine Reihe dieser Fragen sollen Pilotprojekte klären: Australien hat beispielsweise jüngst rund 80 Millionen Euro im Rahmen der mit Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono vereinbarten "Indonesia-Australia Forest Carbon Partnership" für Projekte auf Kalimantan und in Jambi auf Sumatra zur Verfügung gestellt. Auf Borneo liegt der Schwerpunkt auf einem 120 000 Hektar großen Torfwaldgebiet in Zentralkalimantan, dessen nördlicher Teil noch bewaldet ist. Das südliche Gebiet hat durch Rodungen und Entwässerung der Torfböden in 1990er Jahren für den Reisanbau schwere Umweltschäden erlitten.

Nun sollen im Norden des Areals die intakten Waldgebiete erhalten und im Süden die Zerstörungen rückgängig gemacht werden. Darüber hinaus sollen etwa 10 000 Menschen in der Region, deren Leben und Einkommen direkt von der Nutzung ihrer Umwelt abhängt, durch "innovative Zahlungen" zu einer nachhaltigen Nutzung des Landes und zur Bewahrung der Wälder ermutigt werden.

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Nebelparder | Die Ökosysteme Südostasiens gehören zu den artenreichsten des Planeten – und zu den am stärksten gefährdeten. Immer noch werden dort zahlreiche neue Arten entdeckt, wie vor wenigen Jahren erst eine neue Spezies des Nebelparders.
Ein Blick in die Vergangenheit lässt für REDD jedoch eher schwarz sehen: 1989 führte Indonesiens damaliger Präsident Haji Mohamed Suharto den "Indonesischen Fonds zur Wiederaufforstung" ein. Um von den Erfahrungen mit diesem Fonds für die Einführung und Umsetzung von REDD zu lernen, hat das in Jakarta ansässige unabhängige Center for International Forestry Research (CIFOR) die Geschichte des Fonds unter Lupe genommen. Das Resultat ist ernüchternd: Milliarden Dollar seien aus dem Fonds veruntreut worden, heißt es in einer Studie des CIFOR.

An Ideen und Vorschlägen, die REDD-Mittel davor bewahren sollen, das gleiche Schicksal wie der Wiederaufforstungsfonds zu erleiden, mangelt es nicht. In einer ersten Reaktion auf die CIFOR-Studie versicherte ein Sprecher von Indonesiens Forstministerium, das als eines der korruptesten Ministerien gilt: "Wir können und wir werden uns ändern." Und sie fügt hinzu: "Anders als bei dem Wiederaufforstungsfonds vor 1999, der allein vom Forstministerium verwaltet wurde, werden in die REDD-Finanzierungmechanismen eine Vielzahl von Institutionen eingebunden sein."

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Brandrodung | Mit Feuer rücken die Konzerne sogar Bergwäldern zu Leibe. Nach der Brandrodung trägt die Erosion rasch den Boden ab – zurück bleibt eine neue Wüste.
Fitrian Ardiansyah, Direktor des Programms für Klima und Energie des WWF Indonesien, fordert deshalb, dass alle Beteiligten inklusive Militär und Nichtregierungsorganisationen einbezogen werden, und warnt: "Ohne das Militär oder auch die Polizei wird es schwierig, REDD zu implementieren. Sie spielen eine wichtige Rolle, und die indonesische Regierung hat jetzt die gute Gelegenheit, sie sich statt zu Gegnern zu Verbündeten zu machen."

Die Aussichten jedoch, die letzten verbliebenen natürlichen Wälder auf Borneo und Sumatra zu retten, haben sich im Februar weiter verdüstert. Indonesiens Regierung hat verfügt, dass auch bisher geschützte Wälder in Nutzwald umgewandelt werden könnten. Die Rodungsmafia mit ihren prall gefüllten Taschen vorerst ein weiteres Mal gewonnen.
11. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 11. KW 2010

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