Autobiografisches Gedächtnis: Illusion eines jüngeren Ichs bringt Erinnerungen zurück

Die Illusion, wieder jung auszusehen, kann dem autobiografischen Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Das berichten Psychologen um Utkarsh Gupta von der Anglia Ruskin University im britischen Cambridge im Fachjournal »Scientific Reports«. Sie schließen aus ihren Befunden, dass das autobiografische Gedächtnis mit dem körperlichen Selbstbild verknüpft ist. Deshalb verändere sich mit der körperlichen Selbstwahrnehmung auch der Zugang zum Gedächtnis.
In ihrem Experiment hatte die Forschungsgruppe die Illusion eines Spiegelbilds erzeugt: Die 50 Versuchspersonen, im Mittel 28 Jahre alt, saßen vor einem Bildschirm mit Kamera und sahen auf dem Screen ihr eigenes Gesicht wie im Spiegel. Der Hälfte von ihnen wurde allerdings ein deutlich verjüngtes Bild vorgesetzt, mithilfe einer Software mit einem »Baby Face«-Filter, die in Echtzeit ein verjüngtes Bild liefert. Alle Teilnehmenden sollten außerdem ihren Kopf im Rhythmus eines Metronoms bewegen und dabei ihr (sich gleichzeitig mitbewegendes) Abbild auf dem Bildschirm beobachten, um so das Gefühl zu verstärken, dass es sich um das eigene Spiegelbild handelte. Danach füllten die Probanden einen Fragebogen aus, der auf einer Sieben-Punkte-Skala erfasste, wie sehr sie das Bild als ihr eigenes empfunden hatten. Anschließend sollten sie sich zurückerinnern, zum Beispiel an ihr Zuhause und an Urlaube ihrer Kindheit bis zu einem Alter von elf Jahren sowie an Ereignisse im zurückliegenden Lebensjahr.
Jene Versuchspersonen, die ihr eigenes Gesicht verjüngt im Spiegel sahen, schilderten die Episoden aus ihrer Kindheit deutlich detailreicher als die übrigen Probanden. An die Fakten, etwa Namen von Urlaubsorten, erinnerten sie sich dagegen ähnlich gut. Und auch bei den Erinnerungen an kurz zurückliegende Ereignisse gab es keine bedeutsamen Unterschiede. Die Autoren schließen daraus, dass Gedächtnisspuren auch Informationen über den eigenen Körper enthalten. Über diese Verbindung zwischen dem Gedächtnis und der Körperwahrnehmung hätten zuvor bereits andere Studien berichtet.
Da in der vorliegenden Untersuchung zuerst nach der Wirkung der Illusion und dann nach der Kindheit gefragt wurde, sei ein Erwartungseffekt allerdings nicht auszuschließen. Deshalb empfehlen die Autoren für künftige Studien, die Fragen in umgekehrter Reihenfolge zu stellen. Außerdem raten sie dazu, mithilfe von Deep-Fake-Software noch präzisere Illusionen zu erzeugen: Je echter die verjüngten Gesichter den Befragten erscheinen, desto eher könnten womöglich auch autobiografische Erinnerungen zugänglich werden, die zuvor verschüttet schienen.
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