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Hydrologie: Die Jahrhundertflut

Riesige Wassermassen wälzen sich den Mississippi hinab und bedrohen zahlreiche Städte an seinem Lauf. Droht auch New Orleans wieder ein Untergang? Oder verlagert der Fluss gar komplett seinen Lauf?
Mississippiflut bei Memphis
Ein langer schneereicher Winter, gefolgt von Dauerregen im Frühling: Das sind die Grundlagen für ein Desaster, das sich gerade langsam entlang des Mississippi und seiner Nebenflüsse anbahnt. "Der Fluss führt sehr viel mehr Wasser als während des normalen Frühlingshochwassers üblich. Seit mindestens 70 oder 80 Jahren hatten wir keine derartigen Fluten mehr am Mississippi", beschreibt Denise Reed von der University of New Orleans, was auf ihre Metropole und andere Städte entlang des Stroms zurollt.

Mississippiflut bei Memphis | Die Abendstimmung trügt: Mehr als 14 Meter über Normal erreichte der Pegel des Mississippi bei Memphis, Tennessee. Dank guter Deiche blieb die Stadt bislang von Überflutungen verschont – inklusive Graceland, des ehemaligen Domizils von Elvis Presley.
Um das Sechsfache ist der Mississippi an seinem Oberlauf bereits angeschwollen; in Memphis, Tennessee, lag der Pegel am Dienstag mehr als 14,6 Meter über dem normalen Maß. Dazu kämen die Wassermassen aus den großen Zuflüssen, so die Geowissenschaftlerin Reed: "Extremes Hochwasser erreicht das Deltagebiet und New Orleans nur, wenn alle wichtigen Nebenflüsse des Mississippi ebenfalls Hochwasser führen – und das ist dieses Jahr der Fall: Der Ohio, der Missouri und andere Zuflüsse sind ebenfalls stark angeschwollen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass es weiter regnet."

Bis zu einem Drittel des US-Bundesstaats Arkansas könnten unter Wasser stehen, wenn der Fluss über die Ufer tritt. Überall entlang des Stroms bangen die Anwohner angesichts der Welle um ihr Hab und Gut: Der Bundesstaat Missouri und mehrere Landwirte haben bereits vor Gericht Eilklagen eingereicht, weil sie nicht wollen, dass Deiche gesprengt und Ackerflächen überschwemmt werden, um größere Städte vor den Wassermassen zu retten.

Was droht New Orleans?

Am stärksten bangen aber vielleicht die Bewohner von New Orleans – der Stadt, die immer noch an den Spätfolgen und den Überschwemmungen durch Hurrikan "Katrina" vor sechs Jahren leidet. Sie fürchten allerdings weniger, dass ihre Heimat erneut unter Wasser gesetzt werden könnte. "Die Deiche entlang des Mississippi sind gut in Schuss. New Orleans sollte deshalb relativ sicher sein und nicht überflutet werden wie nach Hurrikan Katrina, als das Wasser aus dem Lake Pontchartrain hereindrückte", beruhigt Reed.

Mississippiflut bei Memphis – aus dem All | Die Satellitenaufnahme zeigt noch deutlicher, auf welche Breite Nordamerikas mächtigster Fluss angeschwollen ist.
Gefahr droht den Bewohnern von "The Big Easy" eher durch eine potenzielle Nebenwirkung des Hochwassers: Die Stadt könnte vom Mississippi und damit von ihrer Lebensader abgeschnitten werden – indem der Strom seinen Lauf ändert und zukünftig einen neuen Weg zum Golf von Mexiko einschlägt. Statt das meiste Wasser an New Orleans vorbei in sein Delta im Golf von Mexiko zu führen, nähme der Mississippi dann den kürzeren und schnelleren Weg über den heutigen Atchafalaya River, der viel weiter westlich ins Meer mündet: Der große Hafen von New Orleans könnte nicht mehr angesteuert werden.

"Ein derartiger Wechsel würde unsere Gesellschaft und Infrastruktur empfindlich treffen", meint Nicholas Pinter von der Southern Illinois University in Carbondale. Über den Hafen von New Orleans laufen zum Beispiel 20 Prozent der Ölimporte der Vereinigten Staaten, hier wird ein Sechstel der gesamten Fischereierträge der Nation angelandet und wird ein Großteil der Lebensmittelexporte aus dem Mittleren Westen abgewickelt. Könnten Hochseeschiffe die Stadt nicht mehr ansteuern, erlitte die Wirtschaft der USA einen schweren Schlag, bestätigt Jeff Masters vom privaten Wetterdienst "Weather Underground": "Diese Flut stellt den Hochwasserschutz am Mississippi vor die schwerste Prüfung, die er bislang bestehen musste."

Wenn der Strom sein Bett wechselt

Dass der Mississippi sein Bett verlagert, ist jedoch nichts Außergewöhnliches: "Der Unterlauf des Flusses besteht aus einem ganzen Netz aus Haupt- und Nebenarmen – und der Strom verlagert regelmäßig die Hauptmasse seines Wassers in einen neuen Kanal", so der Geowissenschaftler. In den letzten 8000 Jahren geschah dies mindestens 16 Mal. Und ein neuer Wechsel scheint überfällig, denkt Pinter: "Ohne die ganzen Deiche und Dämme nähme der Mississippi heute schon einen anderen Lauf zum Meer – wahrscheinlich im Bett des Atchafalaya."

Der Mississippi 2010 | Eine Aufnahme aus dem Mai 2010: Der Fluss strömt als relativ dünner Strich durch den Mittleren Westen der USA.
Das hängt mit der komplexen Dynamik des Stroms zusammen, der schon in normalen Jahren eine riesige Sedimentfracht aus seinem Einzugsgebiet in Richtung Golf von Mexiko transportiert und dort ablagert – ein Prozess, der das mehr als 300 Kilometer breite und 12 000 Quadratkilometer große Delta mit seinen Marschen und Sümpfen erst geschaffen hat. In der flachen Küstenebene reicht die Kraft des Flusses aber nicht mehr aus, um jegliches Erdmaterial bis zur Mündung mitzuschleppen: Er schüttet einen Teil davon bereits unterwegs auf und erhöht dadurch sein Bett, bis dieses höher als die Umgebung liegt.

Bei nächster Gelegenheit – meist einem Hochwasser – durchbricht er dann seine von Natur aus etwas erhöhten Uferbänke: Der Fluss sucht sich einen neuen Weg, der ihn schneller und auf kürzerem Weg zum Meer bringt. Dies trifft auf den Atchafalaya zu, der im nördlichen Louisiana vom Hauptstrom abzweigt und rund 100 Kilometer westlich von New Orleans im Golf endet. Er wäre der perfekte Kandidat, um die Wassermassen des Mississippi ans Ziel zu bringen.

Bis in die 1950er Jahre folgte der Mississippi auch seinem natürlichen Zyklus und war dabei, seinen Hauptarm nach Westen zu verlegen: Zunehmend mehr Wasser floss über den Old River Channel – eine Flussschleife, die sich zu einem natürlichen Kanal entwickelt hatte – in den Atchafalaya ab, dessen Lauf nun ein knappes Drittel des Gesamtabflusses aufnahm. Im Gegensatz zum trägen Mississippi, der auf seinen letzten Kilometern bis zur Küste nicht mehr erodiert, tiefte sich sein Nebenarm weiter ein – mit der Folge, dass immer mehr Wasser diesen Weg nahm: Der Atchafalaya war bereit zur Übernahme.

Der Mississippi 2011 – zum Vergleich | Ein Jahr später offenbart sich der Strom dagegen in seiner ganzen Gewalt: Nach einem schneereichen Winter und ergiebigen Regenfällen im Frühling droht nun eine Jahrhundertflut.
Doch das weckte Ängste im US-Kongress, dessen Abgeordneten nicht tatenlos zusehen wollten, wie einem der wichtigsten Häfen der Nation die Zufahrt abgeschnitten wird. Sie beauftragten daher das U.S. Army Corps of Engineers – quasi die Bautruppe der US-Armee –, alles Mögliche zu tun, um die Wachablösung am Strom zu verhindern. Innerhalb weniger Jahre errichteten die Ingenieure ein mächtiges Sperrwerk im Old River mit elf Fluttoren, die die Wasserverteilung fixieren sollen. "Das Corps wacht darüber, dass der Atchafalaya weiterhin nur ein Drittel des Abflusses erhält – und der große Rest weiterhin im Mississippi bleibt", sagt Patrick Nunnally von der University of Minnesota in Twin Cities.

Halten die Sperrwerke?

1973, und damit zehn Jahre nach seiner Fertigstellung, erschütterte ein Hochwasser die so genannte Old River Control Structure aber bereits in ihren Grundfesten: "Die Fluten höhlten das Flussbett aus und untergruben sogar das Sperrwerk", erzählt Nicholas Pinter. Augenzeugen beschrieben, wie die entfesselten Naturgewalten tonnenschwere Gesteinsblöcke gegen die Stützpfeiler schleuderten und die gesamte Konstruktion wie bei einem Erdbeben erzittern ließen. Einer der massiven Wälle, die das Wasser des Mississippi zum Atchafalaya kanalisieren, kollabierte gar. Das gesamte System stand kurz vor dem Zusammenbruch, als das Hochwasser sich doch wieder abschwächte und das Corps die Probleme in den Griff bekam.

Mississippidelta | Bislang schickt der Mississippi den größten Teil seines Wassers an New Orleans vorbei in sein Delta im Golf von Mexiko – erkennbar an der Vogelfußform. Das macht er aber nur, weil der Mensch ihn dazu zwingt. Ohne Deiche und Dämme nähme der Fluss den kürzeren Weg nach Westen durch den Atchafalaya River, dessen Mündung links im Bild liegt (erkennbar auch an der Sedimentwolke)
Eine ähnliche Krise will das U.S. Army Corps of Engineers dieses Mal unbedingt vermeiden – und greift deshalb zu durchaus drastischen Maßnahmen. "Um Druck aus dem System zu nehmen und die Pegel zu senken, hat das Corps zum Beispiel bereits einen Deich in Missouri gesprengt. Doch ob sich das bis hinab nach Louisiana auswirkt, bleibt offen", sagt Nunnally. Außerdem überlegt die Armeeeinheit – die überwiegend aus Zivilisten besteht –, den so genannten Morganza Spillway zu öffnen: ein riesiges Fluttor, das 17 000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus dem Mississippi in den Atchafalaya entlassen kann. Auch das soll die Old River Control Structure entlasten.

Trotz dieser Sicherheitsvorkehrungen zittern viele Menschen vor der sich anbahnenden Jahrhundertflut. "Das Hochwasser besitzt keinen ausgeprägten Scheitelpunkt, sondern besteht aus einer sehr langen Welle. Es fließt also nicht schnell ab, sondern drückt sehr lange gegen die Deiche. Und wenn es dann langsam zurückgeht, bannt dies die Gefahr für Dammbrüche erst einmal nicht. Denn die Deiche konnten sich regelrecht mit Wasser vollsaugen – fehlt der Gegendruck durch den Fluss, könnten sie einfach zusammensacken", befürchtet Reed.

Das Nadelöhr | Die Old River Control Structure entscheidet womöglich über Wohl und Wehe von New Orleans: Hier werden die Wassermassen des Mississippi in den Seitenarm des Atchafalaya River abgeleitet. Im Extremfall könnte der Strom die Sperranlagen überspülen und sein gesamtes Wasser auf eine neue Bahn zum Golf schicken – New Orleans Hafen droht dann eventuell Wassermangel.
Dennoch könnte es dieses Mal noch glimpflich für New Orleans ausgehen, meint die Forscherin: "Ich denke nicht, dass der Mississippi durch die Fluten schon jetzt sein Bett in den Atchafalaya verlegt. Wir besitzen heute ein gut funktionierendes System aus Deichen, Fluttoren und Poldern entlang des Stroms, die so gesteuert werden können, dass sie mit den Fluten zurechtkommen. Es wird dieses Jahr allerdings zum ersten Mal einem richtigen Härtetest unterzogen." Und selbst wenn das Unvorstellbare einträte, sieht ihr Kollege Patrick Nunnally noch eine Zukunft für den Hafen der Südstaatenmetropole: Man sollte nicht denken, dass dann der Mississippi einfach trockenfällt, wie ein Gartenschlauch, dem man das Wasser zudreht."

Doch für alle Zeiten sollten sich die Menschen am großen Strom nicht sicher fühlen, mahnt Nicholas Pinter: "Sicher kann man den Mississippi noch eine gewisse Zeit in sein jetziges Bett zwängen. Doch zu welchem Preis? Mittelfristig werden die wirtschaftlichen und ökologischen Kosten dafür unerschwinglich."

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