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Linguistik: Die Köpfe hochkrempeln

Der Fehler hat System: Mehr als 7000 Versprecher hat die Frankfurter Linguistin Helen Leuninger in einer Datenbank gesammelt. Die sprachlichen Patzer dienen nicht zur Erheiterung: Sie verraten vieles über die Sprachproduktion.
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"Da müssen wir die Köpfe hochkrempeln." Pause. Kurzes Lachen. "Und die Ärmel auch." Fußballspieler Lukas Podolski sprach diese zehn Worte im April. Zu diesem Zeitpunkt hatte der 1. FC Köln, sein damaliger Verein, noch eine Chance, in der 1. Bundesliga zu bleiben, und Podolski sollte vor laufenden Kameras artikulieren, was zum Klassenerhalt nötig sei. Sprachlich scheiterte er klar an der Aufgabe.

Zu seiner Entschuldigung sei folgendes zu erwähnen. Erstens: Ein Fußballspiel ist äußerst anstrengend. Danach noch Konzentration für ein Interview aufzubringen also keine leichte Aufgabe.
"Da müssen wir die Köpfe hochkrempeln"
(Lukas Podolski)
Zweitens: Es muss schnell gehen mit der Antwort, die Kamera läuft, und das bedeutet Stress. Fehlende Konzentration und Stress erhöhen beide die Fehlerrate beim Sprechen und dann können aus Ärmeln Köpfe werden.

Patzer sind unvermeidbar

Versprecher gehören zum Sprechen dazu, weiß Helen Leuninger, Professorin am Institut für Kognitive Linguistik der Universität Frankfurt. Sie kennt sich bestens mit Versprechern aus, denn sie sammelt seit mehr als zehn Jahren sprachliche Fehlleistungen in einer Datenbank. Zwischen 7000 und 8000 Einträge umfasst die Sammlung inzwischen. Dazu kommt eine kleinere Datenbank Vergebärdler – Versprecher in der deutschen Gebärdensprache.

Für die Wissenschaftlerin stellen Versprecher eine Möglichkeit dar, mehr über den Sprachproduktionsprozess zu erfahren. Diese Idee hat Tradition. Bereits im Jahr 1895 stellte der Wiener Philologe Rudolf Mehringer eine Versprecher-Sammlung vor – die Sigmund Freud übrigens nutzte, um die Idee des Freud'schen Versprechers zu etablieren. In den USA existieren Datenbanken, die rund 10 000 verbale Patzer enthalten.

Klar auszumachen sind in der Sprachforschung verschiedene Fehlertypen. Freud'sche Versprecher gehören indes nicht dazu. "Wenn es bei Freud'schen Versprechern um unterdrückte sexuelle Wünsche gehen soll, die so geäußert werden, dann ist das sicher sehr selten", erklärt Leuninger. "Versprecher haben selten etwas mit der außersprachlichen Situation zu tun. Ein Beispiel für so eine Situation: Jemand cremt sich die Hände ein und sagt 'Meine Augen cremen so' statt 'tränen so'." Ein Freud'scher Versprecher liegt hier jedoch nicht vor.

Helen Leuninger (Mitte) und ihre MitarbeiterLaden...
Helen Leuninger (Mitte) und ihre Mitarbeiter | Helen Leuninger (Mitte) ist Professorin am Institut für Kognitive Linguistik der Universität Frankfurt und beschäftigt sich mit Versprechern und was sie über die Sprachproduktion aussagen.
Der Auslöser für Leuningers Sammelleidenschaft war ein eigener Versprecher. In einer Vorlesung sprach sie von einer Sprachstörung: Betroffene lassen im englischen das Genitiv-"s" aus. Sie sagen also nicht "John's house" sondern nur "John house". Während der Vorlesung amüsierten sich die Studenten anscheinend prächtig, Leuninger war nicht klar, warum. Erst später erfuhr sie: Statt vom "sächsischen Genitiv" hatte sie die gesamte Zeit vom "genischen Sächsitiv" gesprochen.
Für gewöhnlich sind es Fehler im Prozess der Sprachproduktion, welche Versprecher verursachen. Entweder taucht ein Element der geplanten Äußerung an falscher Stelle auf – oder ein Element wird durch ein anderes verdrängt, welches eigentlich gar nicht in die Planung gehört. Diese beiden Fehlerklassen lassen sich weiter unterteilen. Unter anderem gibt es Vertauschungen, in denen ein Buchstabe oder eine Silbe an falscher Stelle genannt werden ("mit dem Zinger feigen") oder Kontaminationen, bei denen zwei konkurrierende Elemente verschmelzen und eine Mischung aus beiden ausgesprochen wird, etwa "da bin ich aus den Socken gefallen" statt "da bin ich aus allen Wolken gefallen" oder "da bin ich von den Socken gewesen". Die hochgekrempelten Köpfe sind auch so ein Fall. Ob Podolski seine Mannschaft anhalten wollte, die Köpfe nicht in den Sand zu stecken, oder ob er raten wollte, dass der Kopf frei sein müssem lässt sich leider nur vermuten.

Korrekturen eher zufällig

Interessant ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht an dieser Stelle die Korrektur, die der Fußballspieler nach kurzer Pause herausbrachte. Zum einen, weil Kontaminationen – die komplexeste Form des Versprechers – nur in einem Viertel der Fälle korrigiert werden.
"Insgesamt werden 50 bis 60 Prozent der Versprecher korrigiert. Das ist viel und wenig gleichzeitig"
(Helen Leuninger)
Zum anderen, weil er die Korrektur mit einem "und" anschließt. "Korrekturen werden oft mit einem 'und' oder 'oder' angefügt, als wären sie geplant", erklärt Leuninger. "Insgesamt werden 50 bis 60 Prozent der Versprecher korrigiert. Das ist viel und wenig gleichzeitig." Im Gespräch würden Versprecher vom Hörer meist unbewusst korrigiert, der Sprecher macht einfach weiter. Was korrigiert wird, sei Zufall. "Das einzige, das ich ganz sicher sagen kann: Man sollte jemanden, der sich versprochen hat, nicht korrigieren. Das sorgt nur für Irritationen."

Auch Vergebärdler korrigieren sich, wie sich anhand Leuningers Datenbank nachweisen lässt: "Durch die Analyse von Vergebärdlern haben wir viel über die deutsche Gebärdensprache erfahren. Sie ist eine schöne, komplexe Sprache. Die Fehlerquote gleicht der der gesprochenen Sprache, ebenso die Korrekturrate. Der einzige Unterschied: Wenn gesprochen wird, werden Fehler nach der ersten Silbe oder dem fehlerhaften Wort korrigiert. Bei Vergebärdlern kann das früher geschehen."

Aber warum versprechen wir uns überhaupt? Leuninger: "Normalerweise entstehen Versprecher durch Fehler im Sprachplanungssystem. Wir müssen nicht nur die richtigen Worte finden, es ist ein Rechenvorgang. Ein Übersetzen von Gedanken hin zum Sprachapparat. Wenn dort etwas zu schnell oder zu langsam berechnet wird, entstehen Fehler."

Reine Konzentrationssache

Normalerweise verspricht sich ein Mensch innerhalb zehn Minuten kontinuierlichen Redeflusses einmal – egal ob er sich verbal äußert oder die Gebärdensprache nutzt. Die Rechenprobleme treten allerdings, wie eingangs erwähnt, bei Stress oder mangelnder Konzentration häufiger auf. Das lässt sich laut
"Man sollte jemanden, der sich versprochen hat, nicht korrigieren. Das sorgt nur für Irritationen"
(Helen Leuninger)
Leuninger gut anhand des Morgenmagazins beobachten: "Am Anfang und am Ende der Sendung ist die Versprecherquote der Moderatoren höher als im Mittelteil der Sendung. Erst sind die Sprecher noch angespannt und machen deshalb mehr Fehler. Wenn zum Ende hin die Konzentration nachlässt, steigt die Fehlerrate wieder an."

Moderatoren zeigen uns auch, wie schwierig es sein kann, einen Versprecher im Redefluss zu korrigieren. Statt nach einem klitzekleinen Versprecher das richtige Wort herauszubringen, verhaspeln sie sich oft nur noch mehr. "Man kann sich Satzteile als Datenpakete vorstellen, die parallel berechnet werden", erklärt Leuninger dieses Phänomen. "Bei einer Korrektur kommt ein Datenpaket zurück, das eigentlich schon abgeschickt war und nun wieder Rechenkapazität in Anspruch nimmt. Das bringt leicht die parallel laufenden Berechnungen durcheinander. Der Fehler wird dann nicht richtig korrigiert. Es folgen weitere Versprecher."

In diesem Sinne hat Lukas Podolski also Glück gehabt, als er gleich die richtige Korrektur über die Lippen brachte. Aber das hat der Poldi sowieso. Sein alter Verein, der 1. FC Köln, ist abgestiegen – hat sozusagen die Ärmel in den Sand gesteckt. Aber das muss ihn als neuer Stürmer bei Bayern München ja nicht weiter kümmern.
26.07.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 26.07.2006

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