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Wissenschaftliche Politikberatung

Die Krux mit der Evidenz

Professor Anne Glover ist Referenzgeberin für das Wissenschaftlerinnenportal "AcademiaNet". Beim International Science Festival in Heidelberg 2017 sprach sie über das Thema "Warum Evidenz wichtig ist". Wir haben mit ihr über ihre Zeit als Chief Scientific Advisor für die schottische Regierung und für den Präsidenten der Europäischen Kommission gesprochen und gefragt, wie wichtig wissenschaftliche Evidenz auch in der Politik ist.
Anne Glover

Anne, Sie waren wissenschaftliche Chefberaterin in Schottland und in der Europäischen Kommission (EC). Was waren Ihre Aufgaben?

Anne Glover: Ich habe mich damit befasst, wie wir am besten mit Evidenz umgehen und sie in Politik und Gesetzgebung nutzen können. Damals war José Manuel Barroso der Präsident der EC. Wenn er ein bestimmtes Thema wie zum Beispiel das Denguefieber auf den Tisch bekam, kam er zu mir und fragte mich, ob wir irgend etwas unternehmen müssten und wenn ja, was. Neben solch praktischen Dingen haben wir ebenfalls geschaut, wie wir nicht nur Wissenschaft für die Politik machen können, sondern auch Politik für die Wissenschaft.

Anne Glover
Anne Glover | Anne Glover forscht an der Universität Aberdeen, fungierte als wissenschaftliche Beraterin der schottischen Regierung und von 2012 bis 2014 als Chief Scientific Advisor des Präsidenten der Europäischen Kommission. Sie ist Unterstützerin von AcademiaNet.

Beide Positionen wurden damals neu geschaffen. Haben Sie die Posten mitgestalten können?

Definitiv. Als die schottische Regierung mich ernannte, wusste keiner so genau, was ein wissenschaftlicher Chefberater machen sollte oder könnte. Um ehrlich zu sein, ich wusste es auch nicht. Ich bin vorher nie Chefberaterin gewesen. Aber das war auch ein Vorteil, weil es mir viel Freiheiten ließ und ich schauen konnte, wo ich am besten etwas bewirken kann. Ein Teil meiner Arbeit bestand deshalb auch darin, Ansprechperson zu sein. Jemand, der da ist, der über evidenzbasierte Entscheidungen in der Politik spricht und über die Exzellenz der Forschung in Schottland. Genau das Gleiche habe ich in der EC gemacht.

Wie haben Sie über neue Erkenntnisse, oder nennen wir sie "heiße Themen", berichtet?

Ich war nicht wirklich Berichterstatter. Nur in den regelmäßigen Informationstreffen mit meinem Chef habe ich das gemacht. Da sprachen wir dann über interessante aktuelle Entwicklungen. Oder ich habe von Ideen erzählt, die im Moment diskutiert wurden. Manchmal auch kontroverse Themen, die die Wissenschaft interessieren. Aber das war nicht meine Hauptaufgabe. Meistens war meine Arbeit wesentlich banaler. Mehr so in der Art von "Hm, das oder das Thema scheint gerade viel diskutiert zu werden und für Unruhe im Europäischen Parlament zu sorgen. Was machen wir da?". Präsident Barroso würde "Erklären Sie's mir" antworten und ich würde ihm auseinanderlegen, warum es Unstimmigkeiten gab, was gerade passierte … Ist es wirklich erwiesen, dass die Evidenz das und das besagt oder gibt es sehr viele Unsicherheiten? So in etwa verliefen unsere alltäglichen Gespräche.

Woher hatten Sie die Informationen, die Sie weitergaben?

Eine meiner Hauptquellen war die EASAC. Das ist der European Academies Science Advisory Council (EASAC) mit Repräsentanten aus allen Mitgliedsstaaten. Mit denen konnte ich Kontakt aufnehmen und zum Beispiel Fragen zum Thema "Vulkanausbruch" stellen wie "Warum sind Vulkanausbrüche nur manchmal problematisch für den Flugverkehr?" oder "Ich kenne mich in der Vulkanologie überhaupt nicht aus. Mit wem sollte ich am besten sprechen?". Die EASAC hat mir dann einen Bericht zukommen lassen oder Leute vorgeschlagen, mit denen ich mich unterhalten konnte. Manchmal habe ich mich auch an die Gemeinsame Forschungsstelle gewandt, die aus unseren Inhouse-Wissenschaftlern besteht. Diese sitzen alle an verschiedenen Instituten in der gesamten EU und decken quasi alle Bereiche ab. Als Ressource waren sie fabelhaft, weil sie, obwohl sie für die Kommission arbeiten, unabhängig sind.

Leute in ähnlichen Positionen werden öfter dafür kritisiert, dass sie eigene Ziele verfolgen und "Agenda Setting" betreiben. Haben Sie jemals befürchtet, ein Agenda Setter zu sein?

Ich würde mich niemals als Agenda Setter beschreiben. Ich bin gerade auch etwas schockiert von der Idee, dass ich ein Agenda Setter hätte sein können. Lassen Sie mich überlegen. Falls es eine Agenda gab, die ich hätte durchdrücken wollen, dann wäre es die gewesen, dass wir Evidenz als Grundlage für die Gesetzgebung brauchen. Man darf aber nie vergessen: Wissenschaftler werden nicht gewählt, Politiker schon. Deshalb war es nie meine Aufgabe – und meiner Meinung nach sollte es das auch nie sein –, Politikern zu erzählen, was sie tun sollen. Unsere Aufgabe als wissenschaftliche Berater ist es, Evidenz bereitzustellen. Ich würde sogar noch etwas weitergehen und sagen: "Hier ist die Evidenz. Basierend darauf gibt es einige Optionen, die Sie in Ihre Überlegungen mit einbeziehen können und Ihnen helfen können, das zu tun, was Sie machen möchten." Das ist alles, was ein wissenschaftlicher Berater tun sollte. Mich würde es beunruhigen, wenn wissenschaftliche Berater anfingen, Dinge wie "Sie sollten xy machen" zu sagen.

Wie haben Politiker auf die Informationen reagiert, die Sie ihnen zur Verfügung gestellt haben?

Das lässt sich leicht zusammenfassen: Wenn ich ihnen das berichtete, was sie hören wollten, haben sie sehr positiv reagiert. Wenn ich ihnen aber Gegenteiliges geraten habe, haben sie sehr schlecht reagiert. Das ist vielleicht gar nicht so verwunderlich. Wissenschaftliche Erkenntnis kann manchmal recht unangenehm erscheinen. Deshalb haben manche auch erwidert: "So einfach ist das nicht." Da ist etwas Wahres dran, denn basierend auf der Evidenz sollten wir beispielsweise etwas Bestimmtes tun. Aber aus anderen Gründen, wie zum Beispiel ethischen, ökonomischen, sozialen oder philosophischen machen wir dann doch etwas anderes. In solchen Situationen kann Evidenz unangenehm sein. Aber auch damit kann man einfach umgehen, wenn Politiker transparent handeln und sagen: "Wir akzeptieren, die Faktenlage sagt das und das. Aber auf Grund von dem und dem machen wir stattdessen dies und dies."

"Okay, die Faktenlage sagt das und das. Aber auf Grund von dem und dem machen wir stattdessen dies und dies"

Haben Sie schon einmal einen Politiker getroffen, der so reagiert hat?

Leider nein. Aber ich glaube, es wird eine Zeit kommen, in der genau das passieren wird. Wäre ich Politikerin, wäre ich entsetzt, wie wenig Vertrauen Menschen in Politiker haben. Die meisten Politiker – nicht alle, aber die meisten – sind in die Politik gegangen, um etwas zu verbessern. Es muss furchtbar sein, wenn man dann erkennen muss, dass einem keiner traut. Aber es gibt immer auch einen Grund, wenn einem keiner traut. Politiker – und da rede ich vorrangig von den Politikern in meinem Land, weil ich die am besten kenne – verhalten sich schlecht. Sie sind rücksichtslos und unhöflich zueinander. Sie argumentieren destruktiv und sind nicht transparent in dem, was sie machen und warum. Wenn das so weitergeht, fürchte ich, werden wir alle sehr zu leiden haben.

Haben Sie sich je Sorgen gemacht, dass Sie nicht alle Seiten beleuchtet haben und politische Entscheidungsträger deshalb vielleicht eine falsche Entscheidung getroffen haben?

Wissenschaft basiert auf Unsicherheiten. Man kann alles von zwei Seiten betrachten. Ein Teil meiner Aufgabe war es, die Erkenntnisse nicht nur zu sammeln, sondern auch zu untersuchen, wo noch Unsicherheit besteht. Wenn man Evidenz präsentieren möchte, muss man schauen, wo es Übereinstimmungen, aber auch kritische Stimmen gibt, die glaubwürdig und stark genug sind und gehört werden sollten. Man kann sich natürlich immer die Rosinen rauspicken und nur das nehmen, was die eigene Meinung untermauert. Ein Beispiel: Alkohol. Es ist leicht, Studien zu finden, die behaupten, Alkohol erhöhe das Risiko, an Krebs zu erkranken. Danach sollten Sie nichts mehr trinken. Es gibt aber auch jede Menge Untersuchungen, die zeigen, dass ein gelegentliche Gläschen Wein einen positiven Effekt hat. Meine Aufgabe ist es, die Evidenz zusammenzutragen, zu analysieren und dann dem Politiker so zu präsentieren, dass er sinnvolle Entscheidungen treffen und sie sachkundig vortragen kann.

Viele Entscheidungen müssen Politiker schnell treffen und verlassen sich da oft auf ihr Bauchgefühl. Kann man so evidenzbasierte Entscheidungen treffen?

Das Bauchgefühl ist kein guter Ratgeber. Es wird stark von unseren Vorurteilen und unserem Bestätigungsfehler beeinflusst. In den meisten Fällen haben Politiker ausreichend Zeit, sich zu informieren, Evidenz einzuholen und Informationen abzuwägen. Viele Entscheidungen sind deshalb auch evidenzbasiert. Was wir allerdings häufig sehen, ist, dass Politiker von einem politischen Lager sich fast verpflichtet zu fühlen scheinen, immer gegen das zu sein, was Politiker aus einem anderen politischen Lager vorschlagen, und das Gegenteil von dem machen wollen, was andere machen. Belege für eine gegenteilige Entscheidung wird man immer finden, wenn man sucht. Die Qualität der Evidenz ist jedoch meist in einem Bereich solider. Daran ist aber nicht die Wissenschaft schuld. Die Art, wie wir Politik machen, müsste reformiert werden. Wissenschaftler zum Beispiel können meist sehr gut unterschiedlicher Meinung sein. Politiker scheinen sich hingegen damit schwerzutun, eine andere Meinung zuzulassen. Debatten im Parlament sind manchmal schon regelrecht peinlich. Von Grundschülern würde man bereits mehr erwarten.

Während Ihrer Zeit als wissenschaftliche Chefberaterin wurden Sie für Ihre Position zu genmanipulierten Lebensmitteln von vielen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) kritisiert. Manche behaupten sogar, das hätte Ihre Zeit als Chefberaterin in der EU beendet und der Posten sei deshalb abgeschafft worden. Glauben Sie, da ist etwas dran?

Meine Haltung zu genmanipulierten Lebensmitteln war sicherlich nicht der Grund. Mein Vertrag war von Anfang an befristet. Ich habe ja auch nie gesagt, ob wir solche Lebensmittel in der EU haben sollten oder nicht. Ich habe immer nur gesagt, dass ich mit den führenden Akademien übereinstimme, die Technik sei so sicher ist wie alle anderen, die wir in der Landwirtschaft nutzen, um neue Sorten zu kreieren. Dazu stehe ich auch immer noch. Viele der NGOs, die mich kritisiert haben, haben, glaube ich, Gentechnologie an sich mit dem verwechselt, was die großen Konzerne daraus machen. Sie finden das Verhalten dieser Konzerne ethisch verwerflich und vermischen das mit der Frage, ob genmanipulierte Lebensmittel sicher sind oder nicht. Hatte das einen Einfluss darauf, dass mein Posten nicht neu besetzt wurde? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Der derzeitige Kommissionspräsident nutzt stattdessen ein eigenes Beraterteam. Es wäre interessant und für die Zukunft hilfreich, sich einmal anzuschauen, welches System besser für die Europäische Kommission funktioniert hat.

Eine letzte Frage: Sie haben eingangs erwähnt, dass Menschen Politikern mit am wenigsten vertrauen. Auch Wissenschaftler scheinen das Vertrauen der Bevölkerung teilweise zu verlieren. Ist die Politik dafür mitverantwortlich?

Ich würde die Schuld nicht den Politikern zuschieben. Genau genommen haben die meisten Wissenschaftler nicht an Vertrauen eingebüßt. Einzelnen Gruppen von Wissenschaftlern glaubt man weniger. Bei Regierungswissenschaftlern ist das so: Denen traut man weniger, weil sie nicht als unabhängig angesehen werden. Da könnte man argumentieren, dass die Politik mit schuld sei. Das Gros an Wissenschaftlern verdient unser Vertrauen. Wissenschaftler sind nicht perfekt. Es gibt gute und schlechte Leute, wie in jedem Beruf. Deshalb müssen wir schlechtes Verhalten beim Namen nennen, wenn wir es sehen. Gleichzeitig sollten wir weiterhin hart daran arbeiten, das Vertrauen in uns zu stärken, offener sein, mehr darüber reden, was wir machen und warum, und ehrlich damit sein, was wir wissen und was nicht. Das Gleiche gilt auch für Politiker: Ich würde gerne einmal richtig stolz auf die Politiker sein können, die mich vertreten. Meist ist jedoch das Gegenteil der Fall. Das müsste nicht sein. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass Politiker offener, transparenter und ehrlicher wären. Dann würden sie nicht nur unser Vertrauen zurückgewinnen, sondern könnten die Gesellschaft auch wirklich verändern. Solange wir unseren Politikern nicht trauen (können), ist ihre Arbeit ineffektiv.

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