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Paläoanthropologie: Die letzte Zuflucht

Der Alte musste gehen, als der Neue auf der Bildfläche erschien. Doch wie lange haben Neandertaler und moderner Mensch noch Seit' an Seit' in Europa gelebt? Zumindest im äußersten Südwesten des Kontinents scheint unser Vetter aus der Eiszeit überraschend lange ein letztes Refugium gefunden zu haben.
Gibraltar
Homo calpicus – der Mensch aus Gibraltar – unter diesem Namen müsste eigentlich der allseits bekannte Neandertaler firmieren. Denn bereits am 3. März 1848 wird in den Notizen der Wissenschaftlichen Gesellschaft von Gibraltar der Fund eines menschlichen Schädels kurz erwähnt, der irgendwann zuvor in den Höhlen der Halbinsel aufgetaucht war. 1863 gelangte das wenig beachtete Stück nach London in die Hände des englischen Paläontologen Hugh Falconer, der es schließlich 1869 der Wissenschaft präsentierte.

Falconer hatte sich bereits mehrere Namen für die merkwürdige Menschenart ausgedacht – am meisten gefiel ihm wohl die Artbezeichnung, in der sich der alte Name "Calfe" für Gibraltar niederschlug. Doch dummerweise hatte noch im gleichen Jahr, in dem Falconer den Schädel begutachtete, sein irischer Kollege William King den Namen Homo neanderthalensis für die Knochen aus Deutschland vorgeschlagen, die offensichtlich zur gleichen Spezies gehörten. Damit wurde das kleine Tal bei Düsseldorf mit einem Schlag weltberühmt – auch wenn das Typusexemplar "Neandertal 1" erst 1856 und damit deutlich später ans Tageslicht geraten war als "Gibraltar 1". Die Briten hatten ihre Chance verpasst.

Gibraltar zur Eiszeit | Der Fels von Gibraltar – das letzte Refugium des Homo neanderthalensis: Während der Eiszeit lag der Meeresspiegel deutlich niedriger als heute. Die auf dem Bild im Vordergrund rekonstruierte feuchte Ebene – die heute vom Mittelmeer bedeckt ist – bot den Neandertalern ein reiches Nahrungsangebot. Die Höhlen des Fels, wie Gorham's Cave (die 2. von links), boten Unterschlupf.
Doch trotz dieser kleinen Verspätung – der britische Fels auf der iberischen Halbinsel sollte sich als äußerst ergiebig für die Neandertal-Forschung erweisen. Es dauerte zwar noch ein knappes Jahrhundert, bis hier in den 1920er Jahren ein zweiter Schädel von unserem eiszeitlichen Vetter auftauchte; inzwischen kennt die Wissenschaft jedoch bereits acht Siedlungsplätze des Neandertalers auf der nur 6,5 Quadratkilometer großen Halbinsel.

Eine davon ist die Höhle Gorham's Cave, in der zwischen 1948 und 1954 etliche Funde aus der Neandertaler-Kulturstufe Moustérien geborgen werden konnten. 1995 taxierten Paläontologen die Artefakte auf ein Alter von 32 000 Jahren – sie passen damit zu der Vorstellung, dass um diese Zeit die letzten Neandertaler das Feld räumen mussten. Denn "kurz zuvor", vor etwa 35 000 Jahren, hatte ein neuer Mensch die europäische Bühne betreten: Aus Afrika über Nahost einwandernd, breitete sich Homo sapiens rasch in ganz Europa aus und schuf die erste Kulturstufe des Jungpaläolithikums, das Aurignacien.

Damit hätten zumindest für einige tausend Jahre beide Menschenarten in Europa zur gleichen Zeit existiert. Doch wie lange dieses vielleicht friedliche, vielleicht weniger friedliche Nebeneinander wirklich andauerte, ist unter Anthropologen immer noch umstritten.

Gorham's Cave | Ausgrabungen in Gorham's Cave in Gibraltar: Die Höhle wurde Jahrtausende lang von Menschen genutzt – von den Phöniziern bis zurück in die Neandertaler-Zeit. Möglicherweise lebten hier noch bis vor 24 000 Jahren Neandertaler.
Eine Gruppe von Wissenschaftlern um Clive Finlayson vom Gibraltar-Museum hat sich jetzt die Funde aus Gorham's Cave erneut vorgenommen. Die Grabungen in der Höhle legten vier voneinander klar unterscheidbare Schichten frei. In der obersten hatten die Phönizier und Karthager vom 8. bis 3. Jahrhundert v. Chr. ihre Spuren hinterlassen; Horizont II stammt aus der Zeit des Neolithikums.

Für die Forscher interessanter waren die darunter liegenden Schichten: Horizont III barg 240 Artefakte aus den Kulturstufen Solutréen und Magdalénien des Jungpaläolithikum – hier hatten also anatomisch moderne Menschen gehaust. Die massenspektrometrische Datierung von acht holzkohlenhaltigen Objekten auf ein Alter von 11 000 bis 18 000 Jahre bestätigte diese Einschätzung.

In der noch tiefer liegenden Schicht IV fanden die Archäologen 103 Gegenstände aus dem Moustérien – sie gehören damit zum Erbe des Neandertalers. Das Massenspektrometer hatte nun allerdings eine Überraschung für die Wissenschaftler parat: Das älteste von 32 datierten Objekten lag 32 000 Jahre unter der Erde, das jüngste lediglich 24 000 Jahre – wobei vor allem die noch wenig betagten Proben in unmittelbarer Nähe einer Neandertaler-Feuerstelle geborgen worden sind. Die Forscher schließen hieraus, dass Neandertaler mindestens bis vor 28 000 Jahren, vielleicht sogar noch bis vor 24 000 Jahren in der Höhle gelebt haben.

Der Fels von Gibraltar scheint sich demnach sehr lange als neandertalensische Wohnstätte bewährt zu haben. Hier, im äußersten Winkel Südwesteuropas, hatten sich offensichtlich die alteingesessenen Europäer zurückgezogen, während die Neuankömmlinge den Kontinent nach und nach für sich eroberten. Das Refugium dürfte keine allzu schlechte Wahl gewesen sein, bot doch die unmittelbare Umgebung um die Halbinsel mit zahlreichen Pflanzen und Tieren aus Feld, Wald und Meer einen reich gedeckten Tisch.

Damit könnte die gemeinsame Zeit von Homo neanderthalensis und Homo sapiens in Europa deutlich länger gedauert haben als bislang vermutet. Doch ob sich die beiden dabei jemals begegneten, bleibt nach wie vor offen. Die spärlichen Funde von der iberischen Halbinsel deuten zumindest daraufhin, dass damals nur wenige Menschen hier lebten. Eines scheint jedoch klar: Er hat sich Zeit gelassen, bis er endgültig verschwand, der "Mensch aus Gibraltar".

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