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Weiße Haie

Die letzten Haie am Kap

Südafrikas Haiforscher schlagen Alarm: Ihre aktuellen Daten zeigen, dass der Weiße Hai in ihrem Revier vom Aussterben bedroht ist. Viel zu wenige Tiere tummeln sich am Kap der Guten Hoffnung.
Ein Weißer Hai schwimmt davon

Mike Rutzen ist Umweltschützer, Filmemacher und »der Hai-Mann«: Der 45-jährige Südafrikaner hat durch seine maritimen Abenteuer Weltruhm erlangt. Er ist so oft mit Weißen Haien getaucht wie kein anderer Mensch – und das ohne Schutzvorrichtungen. Zu den Gästen seiner Hai-Käfig-Touren zählten über die Jahre Prominente wie Brad Pitt, Leonardo DiCaprio oder Prinz Harry. Die italienische Zoologin Sara Andreotti von der Stellenbosch University in Südafrika war von der Biografie des Hai-Mannes beeindruckt genug, um ihn für ein ambitioniertes Forschungsprojekt anzuwerben: eine präzise Studie über Zahl und Überlebenschancen aller Weißen Haie in Südafrikas Gewässern.

Rutzen war schnell an Bord: »Wir brauchen solche Studien auf internationalem Level und einheitliche Methoden, um Daten zu den Populationsgrößen von möglicherweise gefährdeten Tierarten zu sammeln – wie zum Beispiel vom Weißen Hai. Der König der Ozeane könnte unbemerkt am Rand der Ausrottung stehen, während jeder Forscher isoliert an seiner eigenen Studie arbeitet.«

So zogen Andreotti und Rutzen 2009 aus, um Weiße Haie zu zählen. Oft verbrachten die beiden Monate ohne Unterbrechung auf ihrem Forschungsboot, setzten Tunfisch-Köder aus, um Haie anzulocken, machten tausende Fotos und entnahmen den Raubfischen Biopsie-Proben. Bis 2011 konzentrierte sich das Forscherteam auf die Gewässer um die südafrikanische »Hai-Hauptstadt« Gansbaai, danach dehnten sie ihre Fahrten bis 2015 auf die gesamte West- und Südküste aus.

Nun haben sie im August 2016 die Ergebnisse aus sechs Jahren Forschung präsentiert. Sie sind ernüchternd: Die bis dato größte und längste Studie über Südafrikas Weiße Haie kommt zu dem Schluss, dass die Raubfische vom Aussterben bedroht sind. Und dass es bereits zu spät sein könnte: Denn die Wissenschaftler rechnen hoch, dass nur noch zwischen 353 und 522 Weiße Haie vor Südafrika leben – mehr als die Hälfte weniger als bislang angenommen.

Erbgutuntersuchung legen zudem nahe, dass nur noch 333 Weiße Haie in der Lage sind, zur Fortpflanzung vor Südafrika beizutragen. »Es gibt bisher keine speziellen Untersuchungen für Weiße Haie, aber die Forschung geht davon aus, dass eine Spezies mindestens 500 fortpflanzungsfähige Exemplare benötigt, um Inzucht zu verhindern und eine gesunde genetische Vielfalt zu gewährleisten«, warnt Andreotti. Und auch verschiedene mathematische Hochrechnungen an unterschiedlichen südafrikanischen Haigruppen sorgen nicht für Beruhigung: »Egal ob hochgerechnet an allen Haien, nur den Gansbaai-Haien, nur Erwachsenen oder nur Jungtieren, wir kamen nie über 350« – also zu wenig Tiere. Damit stecken Haie in einem genetischen Teufelskreis: Die immer kleinere Population sorgt für immer geringere genetische Vielfalt, diese für schlechtere Chancen im Überlebenskampf – und das dann für eine weiter schrumpfende Population.

Zwischen 2009 und 2011 machte das Team mehr als 5000 Fotoaufnahmen von den Rückenflossen der Haie um Gansbaai und entnahm 302 Gewebeproben für DNA-Tests – zusammengenommen die Methoden der Wahl für eine verlässliche Identifikation einzelner Tiere, denn die Rückenflosse eines Hais ist so individuell wie ein menschlicher Fingerabdruck. Bilder und Gendaten aus den Gewebeproben glich das Team dann mit Computerhilfe ab: »Ende 2011 hatten wir dank dieser beiden Methoden 426 individuell identifizierte Weiße Haie in unserer Datenbank«, erläutert die Forscherin.

Dann passierte etwas Unerwartetes. Denn »obwohl wir mit den gleichen Methoden und der gleichen Intensität weitermachten, erhöhte sich diese Zahl nicht mehr«, sagt Andreotti – alle Weißen Haie, welche die Wissenschaftler seitdem antrafen, befanden sich bereits in der Datenbank. Obwohl das Team davon ausging, dass Gansbaai repräsentativ für die gesamte südafrikanische Population ist, dehnte es die Fahrten nun auf die gesamte Westküste und bis nach Algoa Bay am Ostkap aus. Und trotzdem erhöhten sich die Zahlen nicht mehr. 2015 errechneten die Forscher aus dem gesammelten Datensatz dann mit Hilfe gängiger Computer-Algorithmen die Besorgnis erregende Hochrechnungen für die Gesamtpopulationen.

Weißer Hai vor tiefblauem Wasser
Weißer Hai | Der Weiße Hai (Carcharodon carcharias) wird vor der Küste Südafrikas immer seltener. Wenn Forscher sich nicht verrechnet haben, könnte seine Population schon heute zu klein sein, um die Art vor Ort auf Dauer zu erhalten.

»Jetzt, da wir diese Zahlen haben, denke ich, es ist an der Zeit, um etwas für diese Spezies zu tun, bevor es zu spät ist«, sagt Sara Andreotti. Nun ist der Weiße Hai ein so genannter Spitzenprädator: Er steht in seinem jeweiligen Ökosystem an der Spitze der Nahrungskette. Sein Verschwinden kann das ökologische Gleichgewicht empfindlich stören. So ist Südafrikas Weißer Hai zum Beispiel der einzige natürliche Feind des Südafrikanischen Seebären. Ohne den Raubfisch könnte sich die Robbenart am Kap unkontrolliert vermehren und die Fischbestände des Landes gefährden.

Warum sterben die großen Haie?

Als Gründe für den dramatischen Rückgang des Weißen Hais nennen die Forscher der Stellenbosch University eine Vielzahl von Faktoren. Hainetze zum Schutz von Schwimmern entwickeln sich oft zu Todesfallen für die Raubfische. In einer ersten Reaktion auf die Studie haben sich in Südafrika bereits Initiativen gegründet, die die Abschaffung dieser veralteten Methode und den Ersatz durch modernere Techniken, zum Beispiel elektronische Impulse, fordern. Weitere Faktoren seien Wilderei, illegale Trophäenjagd, Umweltverschmutzung und der Rückgang der natürlichen Nahrungsquellen wie zum Beispiel Fischbestände.

Die Ergebnisse von Andreottis Studie haben inzwischen aber auch Widerspruch provoziert. Unbeteiligte Wissenschaftler zeigen sich ungläubig, weil die neuen Zahlen so deutlich niedriger sind als bisherige Annahmen. Die Haiforscher sind skeptisch, seit eine fehlerhafte Studie im Jahr 2011 in Kalifornien die Population von Weißen Haien dort auf nur 219 eingeschätzt hatte – drei Jahre später kamen Forscher dann plötzlich auf rund 2000 Exemplare. Mathematische Modelle funktionieren nur dann, wenn beim Festlegen der Ausgangsgruppe, auf der die Schätzung dann basiert, nicht von falschen Grundvoraussetzungen ausgegangen wurde. Außerdem sei es schlicht schwierig, Fische zu zählen.

»50 Tage lang keine Haisichtung – und das in der Hochsaison!«
(Chris Fallows)

So sagt zum Beispiel Dr. Alison Kock, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin des südafrikanischen Hai-Aufklärungsprojekts Shark Spotters: »Eine Annahme dieser Studie ist, die Haie von Gansbaai als repräsentativ für ganz Südafrika anzusehen. Und wir sind nicht sicher, ob das stimmt.«

Allerdings haben Andreotti und Rutzen nach 2011 ihre Suche auf die gesamte Küstenregion des Kaps von Port Nolloth an der namibischen Grenze bis Algoa Bay im Osten ausgedehnt und fanden dabei fast nur noch Haie, die schon in der Nähe von Gansbaai katalogisiert wurden. Und auch wenn das Zählen schwierig ist, gibt es dennoch kaum eine logische Erklärung, wo die anderen, ungezählten Haie waren, nachdem die Forscher die Zahl von 426 erreicht hatten.

Die mathematischen Kalkulationen zu den Überlebenschancen der südafrikanischen Weißen Haie gingen laut Andreotti sogar von einem »offenen Populationsmodell« aus. Das heißt, es wurde die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass Haie von außerhalb des Studiengebiets zur Fortpflanzung und damit zur genetischen Vielfalt beitragen könnten. Studien lassen dies jedoch als unwahrscheinlich erscheinen. Denn die Weißen Haie Südafrikas haben die weltweit niedrigste genetische Vielfalt und stammen nach Angaben Andreottis von nur vier verschiedenen mütterlichen Ahnenlinien ab. »Genetisch gesehen gibt es nur eine einzige Population Weißer Haie in Südafrika. 89 Prozent haben die selbe DNA-Sequenz«, betont die Forscherin.

Doch auch wenn manche Forscher die abgeleiteten Zahlen aus Andreottis Studie noch anzweifeln, betonen sie dennoch, dass derartige wissenschaftliche Anstrengungen generell in die richtige Richtung weisen – und zudem auf jeden Fall für das Überleben der Weißen Haie wichtig sind. So gibt es bislang nahezu keine Daten über das Brutverhalten der Haie, nicht einmal eine einzige Geburt in freier Wildbahn konnte bis dato beobachtet werden. »Die Studie der Stellenbosch University ist auf jeden Fall ein ernsthafter Versuch, die Haipopulation einzuschätzen. Sie muss aber auf Herz und Nieren und mit mehr Arbeit überprüft werden«, sagt Kock.

Obwohl allgemein anerkannte, genaue Zahlen fehlen und notwendige Untersuchungen noch ausstehen – alle Forscher sind sich einig darin, dass die Weißen Haie Südafrikas aus vielerlei Gründen immer stärker in Bedrängnis geraten. Der Fotograf und Forscher Chris Fallows berichtet von seinen Erfahrungen, die er in fast 20 Jahren in Südafrika im Gebiet der Robben-Kolonie von Seal Island gemacht hat: »Wenn wir früher an einem beliebigen Morgen mit unserem Boot rauskamen, sahen wir 15 bis 20 Weiße Haie. Heutzutage gibt es große Begeisterung, wenn wir fünf sehen.« Bis 2010 habe Fallows niemals mehr als fünf Tage verbracht, ohne einen Weißen Hai zu sehen. »2015 und 2016 hatten wir Perioden von 50 Tagen oder länger ohne Sichtung – und das in der Hochsaison.«

»Dieses Tier wird auf das Extremste dämonisiert«
(Adrian Peace)

Abgesehen vom Weißen Hai und Andreottis Studie: Weltweit schrumpfen Haipopulationen aus den verschiedensten Gründen. So werden jede Minute 190 Haie verschiedener Arten von Menschen getötet. Sie sterben für Haifischflossen-Suppe, Schmuck und Trophäen, Kleidung aus Haihaut, Kosmetikartikel und in den Netzen der großen Fischkutter. Auch medizinische Mythen richten viel Schaden an: Lange hielt sich zum Beispiel eine Legende, dass Haie immun gegen Krebserkrankungen seien – und so wurden Haie auch für medizinische Forschung getötet. Doch in einem wissenschaftlichen Artikel aus dem Jahr 2004 listet der Forscher Gary Ostrander von der University of Hawaii 40 Fälle von Krebstumoren in Haien auf.

Neue psychologische Studien legen zudem nahe, dass der Mensch wegen seiner eigenen Urängste gegenüber Haien weniger Mitleid empfindet als gegenüber anderen Raubtieren. »Jede Geschichte braucht einen Bösewicht, und dank fiktiver Werke wie 'Der Weiße Hai' ist es schlicht sehr einfach, die menschliche Psyche zu manipulieren und in ihr einen tieferen absurden Terror zu installieren«, sagt Ocean Ramsey, Meeresbiologin und Tiefseetaucherin aus Hawaii, die wie Rutzen berühmt dafür ist, mit Weißen Haien in engstem Kontakt zu tauchen.

Adrian Peace von der University of Queensland in Australien weist sogar nach, dass sich Massenmedien bei der Berichterstattung über Hai-Angriffe einer »Sprache der Kriminalität« bedienten: »Dieses Tier wird auf das Extremste dämonisiert.« In der Sprache der Boulevardpresse umschrieben Verben wie Auflauern, Anpirschen oder Lungern die Haie, während Opfer ständig »nichts ahnend« und »ohne Argwohn« seien. Peace erklärt diese Wahrnehmung damit, dass Haie zu den wenigen Tierarten gehörten, die nicht einmal in Einzelfällen von Menschen gezähmt werden konnten. Das vermittle den Eindruck eines »unkontrollierbaren Elements am Rande der Gesellschaft« – eben eines Kriminellen.

Im Kampf gegen den Mythos der blutrünstigen Bestie wollen Südafrikas Wissenschaftler ihre Untersuchungen und Statistiken noch besser koordinieren. Dazu haben nun zahlreiche Forscher der wichtigsten Hai-Beobachtungsstationen in Südafrika vereinbart, ihre Daten in einem Pool zu vereinen, um so die Zahlen noch einmal zu überprüfen.

36/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 36/2016

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