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400 Jahre alte Krankenakten: Die Notizen zweier berüchtigter Quacksalber

Von Besessenheit bis Degenstich: Wer sich an Simon Forman und Richard Napier wandte, bekam garantiert das passende Heilmittel. Denn was half, das verrieten schließlich die Sterne.
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Insgesamt 80 000 Fallgeschichten haben sich erhalten: Mindestens so oft kamen Kranke und Hilfesuchende zu den beiden englischen Ärzten Simon Forman und Richard Napier. Diese notierten dann einige Eckdaten zu Person, Krankheitsbild und Vorgeschichte, kritzelten ein astrologisches Diagramm aufs Blatt und ordneten eine Therapie an. Alles in allem ein »Wurmloch in die schmuddlige und rätselhafte Welt der frühneuzeitlichen Medizin, der Magie und des Okkulten«, so die Cambridge-Forscherin Lauren Kassel. Leider ist die Handschrift der beiden derart unleserlich, dass nur das geübte Auge den Inhalt der Notizen entziffert.

Für 500 ausgewählte Fälle aus dem insgesamt 66-bändigen Werk in der Oxforder Bodleian Library haben uns diese Arbeit nun Wissenschaftler der University of Cambridge abgenommen. Auf der Website casebooks.wordpress.com stellen sie diese Krankengeschichten in moderner englischer Orthografie samt zugehörigem digitalisierten Eintrag vor.

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Simon Forman | Die Wissenschaftler attestieren dem Astrologen einen schwierigen Charakter. Zeitgenössische Ärzte hielten nicht viel von ihm. Sein Patientenstamm umso mehr.

Man findet dort einen gewissen John Wilkingson, 28, der nicht nur alles Haar an die »Franzosenkrankheit« verlor, sondern auch noch an einem Degenstich in die Weichteile laboriert. Lettice Ball hingegen, 17 Jahre alt, wird vorstellig, weil sie fürchtet, von bösen Zungen verhext worden zu sein, fühlt sich schwindlig und kann nicht schlafen (»Sie starb am selben Tag«). Auch Thomas Leades klagt über massives Unwohlsein, Verstopfung und Übelkeit. »Er redet sich ein, dass ihm ein übles Ding unter einer Hecke in den Mund gekrochen ist.«

Bei der Diagnose stützen sich Forman (1552-1611) und sein Schüler Napier (1559-1634) auf astrologische Studien – ihr Markenzeichen – und allgemeine zeitgenössische Heilkunst. So verzeichnen sie immer wieder die Beschaffenheit des Urins der Patienten und suchen nach Anzeichen für ein Ungleichgewicht der Säfte. Aderlass und Abführmittel werden ebenso verordnet wie willkürlich anmutende Zusammenstellungen diverser Mittelchen und Wässerchen. Engel unterstützen ebenfalls die beiden Heiler, so etwa ein gewisser Michael mit Kommentaren wie »Es ist unheilbar, er stirbt« oder »Das wird ihr sicher helfen«.

Heißer Kopf und taube Füße

Das Urteil der Himmlischen scheint allerdings nicht immer verlässlich. Am Dienstag, dem 23. April 1611, erscheint beispielswiese ein fiebergeplagter John Mobs aus Wolverton, 60. Michael gibt ihm noch zwei bis drei Tage. Später wurde dieser Eintrag durchgestrichen: »Starb nicht, sondern erholte sich.« Vielleicht lag es ja an den Aderlässen gegen die »Hitze«.

Forman und Napier verordnen außerdem Amulette mit astrologischen Symbolen oder magischen Inschriften. Manchmal sind Blutegel das Mittel der Wahl. Einige der Geplagten sollten sich mit »Taubenschuhen« kurieren (»Eine Taube aufgeschnitten und an die Fußsohlen gelegt«) oder die Hand eines toten Mannes berühren, erzählt Kassell, die Leiterin des Projekts, das zehn Jahre für die Digitalisierung des Gesamtwerks benötigte. Eine Vielzahl an weiterführenden Informationen hat das Team auf seiner Website zusammengetragen.

Die Heilkunst entdeckte der Astrologe und Universitätsabbrecher Forman für sich, als er sich vermeintlich selbst von der Pest heilte. Mit seinen Verfahren eckte er beim medizinischen Establishment seiner Zeit an, nicht aber bei der breiten Bevölkerung, die ihn in seiner vermutlich knapp außerhalb der Stadtgrenzen gelegenen Praxis aufsuchte. Auch berühmte Personen seiner Zeit scheinen zu seinem Kundenstamm gehört zu haben. Anders als der ehrgeizige, streitlustige Forman soll sein Schüler Richard Napier eher in sich gekehrt gewesen sein. Er war in Great Linford, Grafschaft Buckinghamshire, als Pastor eingesetzt, kaufte sich jedoch von seinen Pflichten als Prediger frei, um sich ganz der formanschen Heilkunst zu widmen.

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