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Wissenschaftsalltag: Die Paper-Piraten

Seit gut einem Jahr sucht Harold Garner wissenschaftliche Arbeiten, die verdächtig nach Kopien aussehen. Jetzt bat er die Betroffenen um eine Stellungnahme. Die zehn besten Reaktionen haben wir für Sie herausgesucht.
Plagiat
"Die zunehmende Verfügbarkeit von wissenschaftlicher Literatur im World Wide Web hat sich als zweischneidiges Schwert erwiesen", schreibt Harold Garner. Der Biochemiker von der University of Texas in Dallas hat sich zum Ziel gesetzt, die Abschreiber unter den Wissenschaftlern aufzuspüren. Mit einer speziell entwickelten Software durchforstet er seit Anfang 2008 einschlägige Literatursammlungen nach fragwürdigen Übereinstimmungen.

Über 70 000 Verdachtsfälle kamen dabei zusammen – bei 9120 davon handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Raubkopien: größtenteils wortgleiche Artikel, an denen jeweils unterschiedliche Autoren beteiligt waren. Denn in Zeiten des Internets genügen ein paar Mausklicks und schon wandern ganze Passagen fremder Texte in die eigene Publikation. Ins Netz gingen Garner aber auch Veröffentlichungen, die aus Zeiten stammen, als an die Digitalisierung eines Textes noch ebenso wenig zu denken war, wie an die systematische Auswertung Millionen Einträge umfassender Datenbanken.

Bei genauerer Überprüfung wurde deutlich, dass sich viele Plagiatoren nicht allein bei Formulierungen und Grafiken bedienten, sondern auch fremde Experimente als ihre eigenen ausgaben – manchmal mit leichten Abwandlungen: "Sie haben unsere dreißig Versuchspersonen einfach durch Affen ersetzt", berichtet einer der Geschädigten. 42 Prozent der Kopien enthielten laut Garner obendrein fehlerhafte Berechnungen, Ungereimtheiten in den Daten sowie reproduzierte oder frisierte Abbildungen.

Jetzt hat Garners Team die betroffenen Autoren und Magazine von 212 Artikeln um Auskunft gebeten und die 144 Antworten anonymisiert veröffentlicht. Mehrere Tendenzen zeichneten sich ab: Nur bei 22 Prozent der Plagiate tauchte das Vorbild in den Literaturangaben auf. Veröffentlicht wurde bevorzugt in weniger bedeutenden Magazinen. Und schuld war meistens einer der anderen Autoren.

Die Reaktionen der Originalautoren hingegen schwankten zwischen Belustigung ("Nachahmung ist die aufrichtigste Form der Schmeichelei") und Wut ("... gehören ins Gefängnis gesteckt!"). 93 Prozent der auf Garners Anschreiben antworteten Forscher hatten keine Kenntnis von einer Raubkopie. Ähnlich erging es übrigens 17 Prozent der Verdächtigten: Sie konnten sich nicht erklären, wie ihr Name in die Autorenliste kam.

Auch die Herausgeber der betroffenen Fachmagazine wurden kontaktiert. 83 interne Überprüfungen wurden daraufhin angekündigt, 46 Artikel nach Aussage der Redaktionen zurückgezogen. Die Redakteure fühlten sich typischerweise peinlich berührt oder lehnten eine Verantwortung ab.

Eine Auflistung sämtlicher Verdachtsfälle hat Garner in seiner Déjà-Vu-Datenbank der Öffentlichkeit zugängig gemacht (siehe Box "Zum Thema"). Insgesamt scheint es sich beim plumpen Abschreiben allerdings eher um ein Randphänomen zu handeln. Die mutmaßlichen Plagiatoren stammen in der überwiegenden Mehrheit aus Schwellenländern, veröffentlichten in unbedeutenden Magazinen und wurden mit ihren fraglichen Artikeln im Schnitt nur zweimal zitiert.

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  • Quellen
Long, T. C. et al.: Responding to Possible Plagiarism. In: Science 323, S. 1293–1294, 2009.

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