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Cern: "Die Physik wird wieder Teil der Kultur"

Am 15. November werden auf einer Konferenz in Kioto wohl die neuesten Daten zur Jagd auf das Higgs-Boson vorgestellt. Vermutlich werden dann noch deutlichere Hinweise auf ein neues Teilchen präsentiert als zuletzt im Juli. Doch selbst dann dürfte Rolf-Dieter Heuer, der Leiter des CERN, seine Zurückhaltung wohl noch nicht ganz ablegen. Spektrum.de sprach mit ihm bereits während des Sommers über den potenziellen Jahrhundertfund.
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Herr Professor Heuer, Sie haben uns Journalisten ein Schnippchen geschlagen – eigentlich hatten wir erst jetzt im Herbst mit der Entdeckung eines neuen Teilchens am LHC gerechnet. Wieso ging es doch so viel schneller?

Rolf-Dieter Heuer: Der Beschleuniger und das Grid-Computing haben hervorragend funktioniert. Außerdem lief der LHC mit etwas höherer Energie als im letzten Jahr, damit hatte man eine höhere Wahrscheinlichkeit, das Higgs-Teilchen zu produzieren. Auch die Experimente haben ihre Analysemethoden verfeinert, was zusätzlich geholfen hat.

Einigen ging es offenbar trotzdem nicht schnell genug. Schon Wochen vor der Bekanntgabe gelangten die Ergebnisse ins Internet. Hat Sie das geärgert?

Ich habe mich daran gewöhnt und rege mich lieber über andere Sachen auf. Das ist die heutige Zeit. Ich habe nichts gegen Blogs. Außer sie geben vertrauliche Informationen raus.

An eine Verschwiegenheitsklausel in den Verträgen der CERN-Wissenschaftler haben Sie noch nicht gedacht?

Es gibt einen "Code of Conduct", einen Verhaltenskodex. Auf den wird im Vertrag indirekt Bezug genommen, denn wir wollen natürlich niemandem einen Maulkorb verpassen.

Warum sind die Daten eines Experiments wie des LHC denn überhaupt vertraulich?

Weil sie unausgegoren sind. Diese Analysen sind ständig im Fluss und müssen von Fachleuten gegengeprüft werden. Außerdem muss ein anderes Experiment das Ergebnis bestätigen, sonst kommen Effekte heraus, die man nachher wieder zurücknehmen muss.

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Rolf-Dieter Heuer | Der deutsche Physiker Rolf-Dieter Heuer leitet seit 2009 als Generaldirektor das CERN, wo mit dem Large Hadron Collider der größte Teilchenbeschleuniger der Welt in Betrieb ist.

Wie ließen sich denn am CERN in Zukunft weitere Datenlecks vermeiden?

Entweder verstehen die Leute, dass Vertraulichkeit ab und zu sein muss. Oder aber wir können Ergebnisse nur in ganz kleinen Gruppen diskutieren – das verstößt aber gegen das wissenschaftliche Prinzip der Transparenz. Natürlich müssen wir transparent und offen sein, das ist ganz klar. Ich glaube, wir haben in den letzten Jahren immer alles genau dargelegt und erklärt. Aber wir haben das immer erst dann getan, wenn wir wussten, was Sache war

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Jetzt wissen Sie also, dass Sie das Higgs-Boson entdeckt haben?

So habe ich es ja nicht gesagt.

Na ja, Sie sagten, für den Laien gelte es als gefunden.

Ja, für den Laien. Die Hinweise sind sehr stark, aber wissenschaftlich ist es noch nicht ganz eindeutig. Wir haben ein Teilchen gefunden, das so zerfällt, wie man es vom Higgs-Teilchen erwarten würde.

Bei den bisherigen Signalen gibt es ein paar Abweichungen von den Vorhersagen der Theorie – beispielsweise scheint es mehr Photonenpaare zu geben.

Ja, aber das ist noch sehr früh, zu früh. Sie machen eine Entdeckung, wenn Sie an irgendeiner Stelle einen Überschuss haben. Wenn Sie an das Top-Quark denken, das 1995 entdeckt wurde, da war die Erzeugungsrate, glaube ich, auch doppelt so hoch, aber das ging dann wieder runter, als man mehr Daten genommen hat.

Und wie erklären Sie, dass so genannte Taus, in die das Higgs eigentlich zerfallen sollte, bisher zu selten in den Daten auftauchen?

Sie können nicht erwarten, dass alle Kanäle im Überschuss sind. Ich bin aber vor allem vorsichtig, weil es eben sein könnte, dass es nicht DAS Higgs-Teilchen ist, sondern eines von mehreren. Denn auch das leichteste supersymmetrische Higgs-Teilchen ist im Prinzip von seinen Eigenschaften her dem Higgs-Teilchen aus dem Standardmodell sehr ähnlich.

Auf die Theorie der Supersymmetrie, die die Gesetze der Teilchenphysik erweitern würde, hat man bisher jedoch keinerlei experimentelle Hinweise gefunden. Einige Ihrer Kollegen sagen, das neue Teilchen könnte sich theoretisch auch noch als etwas völlig anderes als das Higgs entpuppen. Hätte man also nicht sagen sollen: Wir haben ein Teilchen, wir sagen Ihnen in einem halben Jahr, ob es das Higgs ist?

Das können wir auch in einem halben Jahr nicht sagen.

Dann in vier Jahren?

Das können Sie nicht machen.

Wieso nicht?

Ich glaube, die generelle Öffentlichkeit verstünde nicht, warum wir hier zögern. Man würde mich dann sofort fragen, warum wir vier Jahre gewartet haben. Wir haben jetzt ein neues Teilchen gefunden. Ich weiß nur nicht, ob ich ein H davorschreiben kann.

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Kabel im Atlas-Detektor | Ein Zeichen für das neue goldene Zeitalter der Physik? Dicke Kabelstränge am ATLAS-Detektor des LHC leuchten im Licht auf.

Und was passiert, wenn sich in einigen Jahren zeigt, dass Sie das doch nicht können?

Das wäre eine Sensation. Dann müssten wir vermutlich etwas umschreiben.

Hätte die Physik dann ihre Glaubwürdigkeit verloren?

Ich weiß nicht, aber deswegen habe ich ja genau diese Ausdrucksweise gewählt, damit ich anschließend sagen kann: Leute, ich habe genau das gesagt, weil ich vorsichtig war.

Sehen Sie sich als CERN-Direktor denn als Wissenschaftler oder als Manager?

Komplett als Manager. Gleichzeitig bin ich aber Bürgermeister von einem großen Ort, Außenminister, Innenminister, Präsident. Man ist eigentlich fast alles für dieses Institut.

Seit Kurzem sind Sie auch Popstar des CERN, zumindest posierten Sie zum Beispiel auf der ESOF-Konferenz in Dublin im Sommer schon mal mit jungen Leuten auf Fotos und geben Autogramme. Ist die Physik mittlerweile Popkultur?

Nein, ich würde eher sagen, sie wird wieder Teil der Kultur. Anfang des 20. Jahrhunderts hat man in Cafés über Einstein geredet, über die Relativitätstheorie, über Quantenmechanik. Ich glaube nicht, dass die Leute damals mehr davon verstanden haben als Leute heutzutage vom Higgs-Boson. Aber sie haben darüber geredet!

Und dank dem LHC ist das jetzt wieder so?

Die ganzen Jahre fehlte etwas Neues. Und das ist jetzt zurück. Das Higgs-Teilchen kann unter Umständen helfen, das Fenster ins dunkle Universum zu öffnen, das heißt, Dunkle Materie und Dunkle Energie zu erforschen, die 96 Prozent des Kosmos ausmachen!

Gleichzeitig hat das Higgs aber auch das Potenzial, die Tür zuzumachen – nämlich dann, wenn es genau den Vorhersagen des Standardmodells entspricht und sich am LHC keine neuen Teilchen zeigen, die Dunkle Materie und so weiter erklären können. Haben Sie einen Plan für diesen Fall?

Das kann passieren, aber das wissen wir erst in ein paar Jahren. Normalerweise arbeite ich ohne Plan B. Denn wenn Sie einen Plan B haben, rutschen Sie automatisch irgendwann hinein.

Was müsste denn am LHC gefunden werden, damit man den nächsten Beschleuniger baut, den über 30 Kilometer langen International Linear Collider (ILC)?

Im Prinzip würde die Entdeckung des Higgs-Teilchens dies schon rechtfertigen. Man kann natürlich debattieren, ob Sie das jetzt schon entscheiden wollen oder ob Sie nicht warten wollen, ob sich nochmal etwas Neues zeigt, wenn wir ab 2015 zu noch höheren Energien gehen. Aber einige Zerfälle des Higgs können wir am LHC sicherlich nicht so genau vermessen, wie wir müssten. Das ginge erst mit dem ILC.

Und wo würde man den ILC bauen?

Dort, wo das erste Land "hier" schreit. Er könnte sicherlich am CERN gebaut werden, aber momentan haben wir alle Hände voll zu tun mit dem LHC. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob es gut ist, alles in einer Region zu konzentrieren. Ich denke mir, dass die Japaner größtes Interesse hätten.

Herr Heuer, vielen Dank für das Gespräch.

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