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Tsunami und Forensik: Die schwierige Aufgabe der Opferidentifizierung

Die WHO zog in dieser Woche in Karon auf Phuket eine erste Bilanz der gesundheitlichen Auswirkungen des Tusnami vom 26. Dezember 2004. Die Identifizierung der Leichen durch ein Team von gut 400 Medizinern aus über dreißig Ländern war ein zentrales Thema auf der dreitägigen Konferenz mit 500 internationalen Gesundheitsexperten.
Tsunami-Konferenz
Von den über 5400 Tsunami-Toten in Thailand warten noch immer 2200 in den Kühlanlagen auf Phuket auf die Identifizierung. "Bei vielen kann vermutlich die Identität nie mehr geklärt werden", meint Pongruk Sribanditmongkol von der thailandischen Universität Chiang Mai, Koordinator der schwierigen und traurigen Aufgabe. In vielen Fällen gebe es wahrscheinlich niemanden mehr, der die Toten identifizieren oder von dem eine vergleichende DNA-Probe genommen werden könne. "Der Tsunami hat ganze Familien ausgelöscht."

Die von der Weltgesundheitsorganisation WHO organisierte Konferenz über die gesundheitlichen Aspekte der Tsunami-Katastrophe forderte daher auch, die forensische Arbeit nach Katastrophen in Zukunft wesentlich besser zu planen und vorzubereiten. Dies sei die Kernempfehlungen an die Vollversammlung der WHO, die in der kommenden Woche in Genf tagen wird.

Verweste Leichen

So war es in Thailand ein großes Problem, dass erst gut zwei Wochen nach dem Tsunami die ersten Kühlanlagen zur Aufbewahrung der Leichen auf Phuket eingetroffen waren. "Durch die tropische Hitze waren viele Leichen schon weit verwest", erzählt Pongruk. Das mache es schwierig, die Körper anhand von Äußerlichkeiten zu identifizieren. Aber auch die Gewebeproben für DNA-Tests seien von schlechter Qualität, klagt Pongruk. Es habe in der Anfangsphase ebenfalls Probleme unter den vielen verschiedenen Gerichtsmedizinern aus aller Welt gegeben. "Wir haben dann ein Gremium eingerichtet und uns auf das Leichenidentifizierungsprotokoll von Interpol als gemeinsame Arbeitsgrundlage verständigt."

Barbara Butcher | Die amerikanische Gerichtsmedizinerin Barbara Butcher leitet im Auftrag der Stadt New York die Identifizierung der Opfer des Terroranschlags auf das World Trade Center vom 11. September 2001.
Barbara Butcher zeigt sich beeindruckt von den Leistungen der Gerichtsmediziner auf Phuket. Die Ärztin, die im Auftrag der Stadt New York die Identität der Opfer des Terroranschlags auf das World Trade Center zu klären hat – erst etwa 1500 der 3000 Toten sind nach dreieinhalb Jahren identifiziert – hatte auf Bitten der thailändischen Regierung die forensische Arbeit auf Phuket begutachtet. "Wir geben unsere Erfahrungen und Methoden gerne weiter. Andere müssen nicht die selben Fehler machen wir."

Helfen und Geld verdienen

Eine Empfehlung in dem Bericht der New Yorker Experten für die Arbeit in Phuket war, mehr die thailändischen Labors als ausländische für DNA-Tests zu nutzen. "Die thailändischen Labors haben hohe Standards. Manche genügen vielleicht nicht den Ansprüchen für Untersuchungen in einem Kriminalfall. Aber sie sind völlig ausreichend für die Identifizierung von Körpern nach einer Katastrophe."

Lager bei Kaoh Lak | Überlebende der Tsunami-Katastrophe: Viele Menschen in den Lagern – wie hier bei Kaoh Lak – fertigen Bilder, Batiken und anderes Kunsthandwerk an. Das hat therapeutische Ziele, ist aber auch ein Weg, ein bescheidenes Einkommen zu erzielen.
So könne viel Geld gespart werden, betonte Butcher. Es sei ihr klar, dass sie sich mit dieser Empfehlung nicht nur Freunde gemacht habe. "Nach Katastrophen gibt es immer zwei Arten von Akteuren. Die einen wollen nur helfen. Die anderen Geld verdienen." Die Hersteller von DNA-Testverfahren und mobilen Testlabors seien sicher sehr unglücklich über die Empfehlung gewesen. Doch die Medizinerin sieht in den teuren und langwierigen DNA-Tests nur die letzte Option zur Identifizierung von Leichen. "Den klassischen Methoden wie die Beschreibung von Äußerlichkeiten, Abnahme von Fingerabdrücken und die Identifizierung anhand des Gebisses ist immer der Vorzug zu geben."

Deshalb müsse in Katastrophensituationen dem Aufbau der Logistik vor Ort zur Aufbewahrung der Leichen absolute Priorität haben. "Das haben wir durch die Tsunami gelernt." Weiter fordert Butcher, die WHO müsse in Zukunft der Forensik in Katastrophengebieten den gleichen Stellenwert einräumen wie der Seuchenbekämpfung. "Wir brauchen Netzwerke und Standardverfahren sowie Daten über die verfügbaren personellen und materiellen Ressourcen."

Nur noch beten

Pongruk hofft, dass Gerichtsmedizinern in Katastrophengebieten in Zukunft eine psychische Betreuung zur Verfügung stehen wird. "Ich arbeite seit fünfzehn Jahren in dem Beruf und habe viele Leichen gesehen", erzählt er. "Aber so etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich wurde depressiv." Die Kollegen hätten sich untereinander selbst helfen müssen. "Wenn nicht genügend Psychologen zur Verfügung stehen, dann muss eben den Opfern zuerst geholfen werden", fordert der Mediziner.

Die Tsunami habe aber auch die Grenzen forensischer Arbeit aufgezeigt, betont Butcher. "In Aceh wäre es Geldverschwendung gewesen, 200 000 Tote identifizieren zu wollen", sagt Butcher und fügt hinzu: "Da kann man nur noch beten und die Mittel zum Wiederaufbau von Häusern und Arbeitsplätzen für die Lebenden verwenden."

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