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Sowjetunion

Ein dunkles Kapitel des Walfangs

Die Gewässer rund um Australien und Neuseeland waren einst von Tausenden von Buckelwalen reich bevölkert, die auf ihren alljährlichen Wanderungen die Küstenlinien entlangzogen. Im Jahr 1961 jedoch hatten sich die südlichen Meere in eine öde Wasserwüste verwandelt. Innerhalb von zwei Jahren verschwanden beinahe 26 000 Buckelwale ohne jede Spur. Die Ursache blieb lange im Dunkeln.
Buckelwal springt

Bei dem Wort Walfang denken die meisten Menschen an Japan, Norwegen oder Island, die Nationen, die noch heute Walfang betreiben. Aber tragen diese Länder wirklich die Verantwortung dafür, dass die Walbestände im 20. Jahrhundert weltweit so massiv abgenommen haben? Die Antwort liefert ein Geheimnis, das beinahe 50 Jahre lang unentdeckt blieb.

Erst im Jahr 1993 erfuhr die Welt, wer für das Verschwinden der Wale verantwortlich war. Die Sowjetunion hatte in nur 30 Jahren intensiven Walfangs (zwischen 1948 und 1975) die Bestände an Buckelwalen um Neuseeland und Australien fast vollständig ausgelöscht. Bei den Buckelwalen blieb es jedoch nicht: Weltweit erlegten die Fangflotten der UdSSR insgesamt bis zu 370 000 Wale, den Großteil davon in den Meeren der südlichen Hemisphäre. Mindestens 180 000 Tiere wurden illegal gejagt.

1946 hatte die Sowjetunion begonnen, Wale im industriellen Stil zu jagen – zu einer Zeit, als die meisten anderen Walfangnationen bereits seit vielen Jahrzehnten in dem blutigen Geschäft etabliert waren. Im gleichen Jahr kamen 15 Nationen zusammen, um die noch heute bestehende Internationale Walfangkommission (IWC) zu gründen. Die Sowjetunion eingeschlossen, unterzeichneten alle 15 Nationen die Internationale Konvention zur Regulierung des Walfangs. Der Vertrag sollte den rücksichtslosen Walfang beenden, der weltweit bereits zahlreiche Walpopulationen an den Rand der Ausrottung gebracht hatte. Das Ziel war nicht der Schutz der Wale an sich. Vielmehr wollten die unterzeichnenden Staaten den Walfang in eine nachhaltige Industrie umwandeln. Auch zukünftige Generationen sollten weiterhin Wale jagen können. Der Vertrag regelte Fangquoten, führte Mindestgrößen für gefangene Tiere ein und verbot den Fang bestimmter Arten wie der Glattwale vollständig.

Vertragsbruch in aller Stille

Es stellte sich jedoch heraus, dass die UdSSR wenig Interesse hatte, sich an den Vertrag zu halten. In jeder Walfangsaison, im Winter der südlichen Hemisphäre, entsandte die Sowjetunion bis zu fünf Flotten. Das Fabrikschiff erinnerte an eine schwimmende Stadt und war mit bis zu 600 Mann Besatzung das Herz einer jeden Walfangflotte. Bis zu 25 kleine Fang- und Spähboote begleiteten es.

Die Arbeiter zerlegten selbst einen Giganten wie den Blauwal innerhalb von 30 Minuten. Wie ein Walkadaver weiterverarbeitet wurde, hing von seiner Spezieszugehörigkeit ab: Aus Zahnwalen, vor allem ihren größten Vertretern, den Pottwalen, gewann man Schweröle und Tierfutter. Nur das Fleisch der Bartenwale wie der Blau- und Buckelwale war auch für den menschlichen Verzehr vorgesehen. Ihr Fett diente als Grundlage für Margarine. Einen großen Teil der Walkadaver verarbeitete man zu Mehl, um es als Düngemittel zu nutzen.

Die Fangboote töteten oft mehr Wale, als das Fabrikschiff verarbeiten konnte. Es kam regelmäßig vor, dass die riesigen Kadaver im Meer verrotteten, während sie angebunden neben den Fangschiffen an der Wasseroberfläche trieben. Die Arbeiter konnten dann nur noch den Walspeck retten. Den restlichen Kadaver warfen sie zurück ins Meer.

Das Walfang-Paradox

Der Grund für diese Verschwendung lag im Wirtschaftssystem der Sowjetunion. Die Arbeiter auf den Walfangschiffen genossen viele Privilegien: Ihre Gehälter waren unter den höchsten, die der Staat in der Industrie gewährte. Dies lag vor allem an den hohen Prämien, auf die die Arbeiter hoffen konnten. Zusätzlich waren die Walfänger in der Öffentlichkeit hoch angesehen. Bei der Rückkehr der Flotten in ihren Heimathafen veranstaltete die Regierung große öffentliche Feste. Zeitungen feierten die Walfänger als Helden.

In der Sowjetunion hatte jeder Industriezweig bestimmte Produktionsziele zu erfüllen, die die Regierung pro Monat und Jahr festlegte. Im Fall des Walfangs waren das die Fangquoten für die kommende Saison. Erfüllten die Walfangflotten ihr Quoten nicht, hatten alle Beteiligten mit Konsequenzen zu rechnen. Vorgesetzte erstatteten Meldung über die Leistung ihrer Arbeiter. Wer die erwartete Leistung nicht erbrachte, musste gehen.

Das Verarbeitungsdeck des sowjetischen Fabrikschiffs »Slava«
Das Verarbeitungsdeck des sowjetischen Fabrikschiffs »Slava«

Wenn die Walfangflotten ihr Produktionsziel jedoch übertrafen, belohnte die Regierung alle Beteiligten mit großzügigen Prämien. Der Anreiz, dieses Ziel zu erfüllen oder sogar zu übertreffen, war entsprechend hoch. Die Produktion des Vorjahrs setzte den Maßstab für die kommende Saison. So erhöhte sich das Produktionsziel unweigerlich von einem Jahr auf das andere.

Das sowjetische System unterstützte den Walfang mit Hilfe großzügiger staatlicher Subventionen. Schnell entwickelte sich dieser Industriezweig zu einem großen finanziellen Verlustgeschäft. Wie in anderen Bereichen der sowjetischen Wirtschaft ging es beim Walfang nicht in erster Linie darum, einen Gewinn für die Gemeinschaft zu erzielen, sondern die Effizienz und Überlegenheit des kommunistischen Systems zu demonstrieren.

Sowjetische Walforscher: Verlacht und zum Schweigen gebracht

Theoretisch sollten sich auch in der Sowjetunion die Fangzahlen an dem Schutzstatus der jeweiligen Walart orientieren. Beinahe jedes Fabrikschiff hatte einen Biologen an Bord, der während der Fahrt wissenschaftliche Daten über die Wale sammeln sollte. Die Wissenschaftler fertigten regelmäßig Berichte für die Regierung an, in denen sie Empfehlungen für nachhaltige Fangquoten aussprachen. Die meiste Zeit jedoch schenkten ihnen die zuständigen Behörden keine Beachtung.

In den 1960er Jahren übte eine kleine Gruppe sowjetischer Biologen scharfe Kritik an den staatlich auferlegten Walfangpraktiken. Sie waren sich bewusst, dass der Widerstand schwere Konsequenzen für ihre Karriere haben würde. Schließlich lud sie der Fischereiminister in Moskau vor. Bei dem Treffen beharrten die Biologen darauf, dass für ihre Enkelkinder keine Wale mehr übrig seien, werde die Regierung ihre derzeitige Walfangpraxis weiterhin verfolgen. Der Fischereiminister sah jedoch wenig Anlass zum Handeln und erwiderte, dass es schließlich nicht ihre Enkelkinder seien, die die Macht besäßen, ihn seines Amtes zu entheben.

Das Ende einer blutigen Ära

Um den Schein zu wahren, die Sowjetunion würde sich stets an die Vorgaben der Internationalen Walfangkommission halten, legte sie über drei Jahrzehnte hinweg gefälschte Berichte vor. Die echten Daten zum Walfang galten als streng geheim. Aber auch die Internationale Walfangkommission blieb nicht untätig. Um illegalen Walfang zu verhindern, führte sie im Jahr 1972 das »International Observer Scheme« ein. Die sowjetischen Walfangflotten mussten von nun an einen internationalen Beobachter an Bord nehmen, der die Einhaltung der Fangquoten überprüfte. Obwohl auch diese Methode den illegalen Walfang nicht vollkommen unterbinden konnte, reduzierte es die sowjetischen Fänge drastisch. Zusätzlich trat ein, wovor die sowjetischen Biologen seit Jahren gewarnt hatten. Die Walpopulationen hatten vor allem in den Fanggründen der UDSSR so stark abgenommen, dass der Walfang immer größere finanzielle Verluste einbrachte. In der Folge stellte die Sowjetunion 1987 ihr Walfangprogramm endgültig ein. Die riesige Flotte der Walfängerboote und Fabrikschiffe ließ die Regierung entweder für die Fischerei umbauen oder verschrotteten.

Die Enthüllung

Die Weltöffentlichkeit erfuhr vom Ausmaß der illegalen Fänge erst zwei Jahre nach dem Zusammenbruch der UDSSR. Im Jahr 1993 brach der russische Biologe, Alexei Jablokow, bei einer internationalen Konferenz über Meeressäugetiere das Schweigen. Jahrelang hatte er für die sowjetische Walfangindustrie gearbeitet und war mit den illegalen Praktiken entsprechend vertraut. Tatsächlich stellte sich später anhand von offiziellen Dokumenten heraus, dass der damalige russische Präsident, Boris Jelzin, Yablokov seinen Segen erteilt hatte, die zuvor streng geheimen Informationen über die wahre Natur des sowjetischen Walfangs öffentlich zu machen. In den Kreisen von Wissenschaftlern und Umweltschützern lösten die Enthüllungen Entsetzen und weitere Nachforschungen aus. Eine offizielle Stellungnahme von russischer Seite oder anderen Mitgliedern der Internationalen Walfangkommission gab es nicht. Obwohl Russland nach dem Ende der Sowjetunion nie wieder in den Walfang eingestiegen ist, bestreitet die russische Regierung die wahren Fangdaten mittlerweile wieder.

Ein Blauwal auf dem Fabrikschiff »Slava«
Ein Blauwal auf dem Fabrikschiff »Slava«

Der kommerzielle Walfang von Nationen wie England, Dänemark, Norwegen, USA, Japan, Südafrika und Chile hatte die Walbestände weltweit bereits stark dezimiert, bevor die Sowjetunion in den späten 1940er Jahren anfing, ihre Fangflotten in die Weltmeere auszusenden. Und dennoch verursachte der sowjetische Walfang eine Abwärtsspirale, die viele bereits geschwächte Walpopulationen endgültig nahezu auslöschte. Die prominentesten Beispiele sind die Buckelwale der südlichen Hemisphäre und die nördlichen Glattwale.

Die Buckelwale hatten Glück. Mittlerweile haben ihre Bestände wieder fast das Niveau vor dem Walfang erreicht. Die Glattwale im nordöstlichen Pazifik hat es dagegen weit härter getroffen. Der Walfang des 19. Jahrhunderts hatte die Glattwalbestände bereits stark dezimiert. »Hätte es den sowjetischen Walfang nicht gegeben, hätten sich die Glattwale langsam wieder erholen können. Mit einigen Dutzend noch lebenden Individuen ist ihr Schicksal jedoch besiegelt«, sagt Dr. Phillip Clapham, ein weltweit anerkannter Experte in der Walforschung. Er bezeichnet den illegalen Walfang der Sowjetunion deshalb als eines der größten Umweltverbrechen des 20. Jahrhunderts.

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