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Amerika: Die Speerspitze der ersten Einwanderer

Die Großwildjäger der Clovis-Kultur scheinen wie aus dem Nichts gekommen zu sein. Nun haben Forscher uralte Speerspitzen gefunden, die das Rätsel ihrer Herkunft lösen könnten.
15 000 Jahre alte »Western-Stemmed«-Spitze

Lange galten die Menschen der Clovis-Kultur als die ersten Amerikaner. Aus Sibirien über die Beringstraße kommend sollten sie in Windeseile den menschenleeren Kontinent besiedelt haben – vor ungefähr 13 500 Jahren. Inzwischen ist klar: Das kann nicht stimmen. Funde zeigen, dass schon lange vor ihnen andere dagewesen sein müssen. Doch das Clovis-Rätsel blieb; ihre typischen, mit höchster Steinschlägerkunst gefertigten Speerspitzen scheinen wie aus dem Nichts aufzutauchen. Nun haben Archäologen in Texas möglicherweise die Spuren ihrer Vorläufer entdeckt.

Fündig wurden sie über 60 Kilometer nordwestlich von Austin an der »Friedkin site« genannten Ausgrabungsstätte. Dort entdeckte das Team um Michael Waters von der Texas A&M University Steinwerkzeuge in Fundschichten, die zwischen 13 500 und 15 500 Jahre alt sind. Damit stammen sie eindeutig aus der Prä-Clovis-Ära. Während die jüngsten Schichten die typischen Clovis-Spitzen enthielten, bargen Waters und Kollegen aus den ältesten Schichten Speerspitzen der so genannten Western Stemmed Tradition. Die Forscher kennen sie aus dem gesamten Westen der USA, allerdings aus späterer Zeit. Die Friedkin-Funde – die ältesten, eindeutig datierten und zuordenbaren Waffen Amerikas – belegen nun, dass die Western Stemmed Tradition viel älter ist.

Könnte es sich bei ihr sogar um die gesuchten Clovis-Vorläufer handeln? Möglicherweise ja, sagen nun die Wissenschaftler in ihrer Publikation in »Science Advances«. In den mittleren Fundschichten tauchten nämlich erstmals auch solche Speerspitzen auf, die als Übergangsformen zwischen Western Stemmed Tradition und Clovis interpretiert werden können und zudem von ihrem Alter her passen. Sie erinnern in ihrer lanzettförmigen Gestalt an die späteren Clovis-Spitzen.

Die Angehörigen der Western Stemmed Tradition scheinen demnach bereits vor über 15 000 Jahren in den Süden der USA gelangt sein – vermutlich entlang der Pazifikküste, denn zu jener Zeit versperrten noch große Gletscher den Landweg durch Kanada. Im Süden der USA entwickelten womöglich einige von ihnen die typische Clovis-Technik, andere behielten die robusten Spitzen ihrer Vorfahren bei.

Einen direkten Beweis für diese Annahme liefern die Funde allerdings nicht. Waters und Kollegen halten es für ebenso plausibel, dass Träger jener vermeintlichen Zwischenformen aus anderen Teilen des Kontinents nach Texas eingewandert seien – etwa auf der Landroute durch Kanada. Eine Kontinuität zwischen Western Stemmed Tradition und Clovis bestünde dann nicht. Die Besiedlung Amerikas bleibt somit in vielen Aspekten rätselhaft, auch wenn DNA-Untersuchungen der letzten Jahre den Raum für Spekulationen erheblich eingeengt haben.

44/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 44/2018

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