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Sprache: Die Spreu im Weizen

Kinder sind keine Maschinen: Die einen lernen schneller, andere langsamer. Manche plappern mit zwei Jahren wie die Großen, andere halten sich noch an einzelnen Wörtern und kurzen Sätzen fest. Alles kein Problem - so lange sich die Kleinen nicht zu viel Zeit lassen. Wer im Zweifelsfall dann erfolgreich therapieren will, muss aber erst einmal die Ursachen für die Entwicklungsstörung kennen. Und die sind häufig noch sehr umstritten.
Wenn beim Einkauf im Supermarkt Ihr Nachbar plötzlich "gebrung" sagt, deutet das nicht auf eine Sprachstörung hin – Sie haben wohl einen Saarländer neben sich. Wenn Kindergartenkinder aber konsequent noch schwere Grammatikfehler machen, ihr Wortschatz nicht über ein einfaches Bilderbuch hinaus reicht und sie dazu auch noch häufig Unverständliches von sich geben, dann könnte es sein, dass die Kleinen ein Problem mit dem Spracherwerb haben. Und je früher ihnen dann eine maßgeschneiderte Therapie hilft, desto besser.

Immerhin haben fünf bis zehn Prozent der Kindergartenkinder in irgendeiner Weise Schwierigkeiten damit, Sprache zu verstehen und selbst zu produzieren – und das, obwohl sie normal hören, normal intelligent sind und auf ganz normalem Wege sprechen lernen konnten. Was also geht schief?

Der Streit um die Ursachen brodelt. Eine Gruppe von Forschern vermutet in der Komplexität der Sprache selbst den verantwortlichen Hemmschuh. Die Kinder seien in einer frühen Phase der grammatikalischen Entwicklung stecken geblieben, so ihre Meinung. Andere Kollegen hingegen halten eine fehlerhafte Verarbeitung im Gehirn für wahrscheinlicher – eine gestörte Wahrnehmung oder beeinträchtigtes Gedächtnis, so ihre These, macht den Kleinen das Sprechen schwer.

Buchstabenfolge mit HintergrundrauschenLaden...
Buchstabenfolge mit Hintergrundrauschen | Die Forscher überlagerten die in Stille gesprochenen Vokal-Konsonant-Vokal-Sequenzen (oben) mit einem ständigen Hintergrundrauschen, wie es typisch für das Umfeld der Kinder wäre (unten). Im Vergleich zu sich normal entwickelnden Zehnjährigen hatten die Kleinen mit Spracherwerbsstörungen erheblich mehr Probleme, die relevante Information – die Buchstabenfolge – von dem unwichtigen Nebenher zu trennen.
Mit dem Punkt "Wahrnehmung" beschäftigen sich auch Johannes Ziegler von der Universität Aix/Marseille und seine Kollegen in ihren Studien: Wenn tatsächlich Schwierigkeiten beim Verarbeiten gehörter Reize die Ursache des Übels sind, warum zeigen Kinder mit Spracherwerbsstörungen dann trotzdem ganz gute Resultate in verschiedenen Aufgaben für die Ohren? Könnte es daran liegen, dass solche Tests meist im stillen Forscherkämmerlein stattfinden und nicht im Lärmgetümmel der normalen Umwelt?

Die Wissenschaftler suchten sich zehn Zehnjährige mit gestörter Sprachentwicklung und spielten ihnen Vokal-Konsonant-Vokal-Laute vor – und zwar zum einen ohne zusätzliche Geräusche, zum anderen aber auch mit einer Art ständigem oder an- und abschwellendem Hintergrundgetuschel. Bedingungen also, denen die Kleinen rund um die Uhr vom Esstisch zu Hause über den Spielplatz bis zum Kindergarten oder der Schule ausgesetzt sind.

Lücken erleichtern das HörenLaden...
Lücken erleichtern das Hören | War das Hintergrundrauschen nicht ständig gleich laut, sondern ergaben sich Lücken im störenden Nebenher, konnten alle Kinder die Buchstabenfolgen leichter erkennen.
Die Kinder sollten sagen oder deuten, welche Buchstabenfolge sie gehört hatten. Und dabei schnitten sie durchaus gut ab – sofern ihnen nichts anderes zu Ohren kam als die beiden Vokale mit dem eingeschlossenen Konsonanten. Sobald aber das störende simulierte Redegeräusch im Hintergrund dazu kam, waren die Kleinen plötzlich hilflos: Anders als ihre Altersgenossen ohne Sprachstörung waren sie kaum noch in der Lage, die Sequenz richtig zu erkennen. Selbst jüngere Kinder, die ähnlich weit in der Sprachentwicklung waren, zeigten sich ihnen hier überlegen. Der verzögerte Spracherwerb ist demnach die Folge einer gestörten Lauterkennung und nicht umgekehrt.

Insgesamt zeigten alle Kinder bessere Ergebnisse, wenn das Hintergrundgeräusch in der Intensität schwankte. Die Lücken im störenden Nebenher ermöglichten ihnen offenbar, den eigentlichen Inhalt zu erkennen. Eine interessante Erkenntnis, denn bei Erwachsenen mit Hörproblemen ist dieser Unterschied nur gering bis gar nicht ausgeprägt.

Das allgegenwärtige Hintergrundrauschen ist es also, das den Kleinen Probleme bei der Sprachentwicklung macht: Sie können aus dem bunten Durcheinander von Lauten, das auf sie einprasselt, die eigentliche Information nicht herausfiltern. Da verwundert es nicht, dass sie ein ebensolches Gemisch von sich geben.

Abwegig ist die Idee nicht: Bei Lesestörungen beispielsweise haben betroffene Kinder häufig Schwierigkeiten damit, Bildinformationen zu erkennen, wenn diese in völlig unwichtige Hintergrundszenen eingebettet sind. Spreu und Weizen zu trennen, scheint den Kleinen unmöglich – aber vielleicht können sie es, mit entsprechender Unterstützung, lernen.

Und "gebrung" heißt übrigens "gebracht".
14.09.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14.09.2005

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