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Gründungscredo der USA : Wie gleich ist gleich?

Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung gründet auf der Idee, »dass alle Menschen gleich erschaffen sind«. Doch wer ist mit »Mensch« gemeint? Diese Frage durchzieht die Geschichte der USA bis heute.
Eine Gruppe von Menschen marschiert hintereinander in einer Reihe auf einer Straße und hält Schilder mit der Aufschrift „I AM A MAN“. Ihnen gegenüber stehen Nationalgardisten mit Helmen und Gewehren. Die Szene zeigt eine angespannte Konfrontation zwischen den Demonstranten und den Gardisten. Die Demonstranten wirken entschlossen, während die Soldaten eine Barriere bilden. Das Bild vermittelt eine starke Botschaft von Protest und Widerstand.
»Ich bin ein Mensch.« 1968 demonstrierten afroamerikanische Müllarbeiter in Memphis, Tennessee, für die Gleichberechtigung der Schwarzen. Soldaten der Nationalgarde bewachten den gewaltfreien Marsch mit aufgepflanzten Bajonetten.

Am 4. Juli 1776 erklärten die Amerikaner mit ihrer »Declaration of Independence«, dass alle Menschen frei und gleich geboren seien. Als Menschen hätten sie unveräußerliche Grundrechte, und der Staat existiere einzig, um diese zu schützen. Oder, in den Worten der ersten deutschen Übersetzung, die bereits am 5. Juli, dem Tag nach der Verabschiedung, im »Pennsylvanischen Staatsboten« in Philadelphia publiziert wurde: »Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.«

»That all men are created equal«: So schlicht und universell diese Feststellung daherkommt, sie löste von Beginn an scharfe Debatten aus: Wer zählt überhaupt als Mensch, und was macht Menschsein im Kern aus? Bis heute ist die Diskussion nicht abgeschlossen.

Das Wertesystem der Amerikanischen Revolution gründete in einer dialektischen Spannung: zwischen Befreiung aus Abhängigkeit, Bevormundung oder Unterdrückung hin zu rechtlicher, politischer und gesellschaftlicher Gleichberechtigung einerseits und neuen Formen von Diskriminierung, Entrechtung und Unterdrückung andererseits. Auf der einen Seite entfachten die naturrechtsliberalen Grundsätze, die in der Erklärung denkbar allgemein formuliert sind, emanzipatorische Kräfte. Diese führten im Laufe von 250 Jahren dazu, dass auch zuvor ausgeschlossene soziale Gruppen ihr Recht auf Selbstbestimmung, Staatsbürgerlichkeit und politische Teilhabe am Ende erfolgreich durchsetzen konnten. Auf der anderen Seite lieferte derselbe Wertekanon paradoxerweise auch Argumente, um bestimmte soziale Gruppen vom Freiheitsversprechen der Amerikanischen Revolution auszuschließen. Diese Ausgrenzung hing unmittelbar mit der Frage zusammen, wer denn überhaupt als Mensch galt.

Jenseits menschengemachter Gesetze
Naturrecht bedeutet, dass grundlegende Rechte und moralische Prinzipien existieren, die allen Menschen von Natur aus zukommen, unabhängig von staatlichen Gesetzen. Rechte wie Leben, Freiheit und Gleichheit gelten dabei als universell und unveräußerlich, das heißt, sie können durch nichts entzogen und auch nicht abgegeben oder übertragen werden.

Für die Gründerväter der USA war die Sache noch klar: Ihr Menschenbild ankerte im Typus des vernunftbegabten, weißen, angelsächsischen, protestantischen und besitzenden Mannes. Nur wer in diese Gruppe fiel, war im Denken der überwiegenden Mehrheit der Gründergeneration Mensch mit unveräußerlichen Grundrechten. Demgegenüber erschienen Frauen, Schwarze, nicht-angelsächsische Ethnien, wirtschaftlich Abhängige und Indianer nicht als vollwertige Menschen, und deshalb hatten sie auch keine unveräußerlichen Grundrechte.

Der Ausschluss ganzer Gruppen vom Freiheits- und Gleichheitsversprechen der Unabhängigkeitserklärung wurde in den wechselnden Kontexten der amerikanischen Geschichte stets mit ihrer angeblich defizitären Menschlichkeit begründet. Diese konstruierte man mithilfe von rassistischen, frauen- und fremdenfeindlichen Weltbildern – mit Sinnsystemen also, die darauf abzielten, bestimmte soziale Gruppen zu entmenschlichen.

Zugleich zeigt die Geschichte der Vereinigten Staaten, wie die naturrechtsliberalen Gründungsideen von Freiheit und Gleichheit mit der Zeit auf immer mehr Menschen ausgedehnt wurden, die anfangs ausgeschlossen blieben. Dies geschah in heftigen sozialen Konflikten, die damit begannen, dass marginalisierte Gruppen ihr Mensch-Sein behaupteten und die daran gekoppelten Rechte für sich beanspruchten.

Dabei entfaltete sich die Dialektik von Entrechtung und Emanzipation bei jeder einzelnen Gruppe unter spezifischen Voraussetzungen und folgte stets einer ganz eigenen Dynamik. So begannen im 19. Jahrhundert Frauen, ihre Rechte einzufordern, und errangen 1920 mit dem vom 19. Amendment im Verfassungsrang garantierten universalen Frauenwahlrecht den entscheidenden Durchbruch. Gleichzeitig blieb die indigene Bevölkerung lange von staatsbürgerlichen Rechten ausgeschlossen; erst 1924 erhielten Native Americans formal die US-Staatsbürgerschaft, doch war dies aus Sicht vieler auf ihre kulturelle Autonomie als Indian Nations beharrenden American Indians ein zweischneidiges Schwert.

Chinesischstämmige Amerikaner litten seit den 1880er-Jahren unter massiver Diskriminierung, vor allem durch den »Chinese Exclusion Act« von 1882, der weitere Einwanderung aus China verbot, weil es sich bei den Chinesen angeblich um eine »minderwertige Menschenrasse« handelte, die sich niemals an die Standards des American Way of Life assimilieren würde. Dieses Gesetz wurde erst 1943 aufgehoben. Japanischstämmige Amerikaner wurden während des Zweiten Weltkriegs besonders drastisch entrechtet, weil man ihnen unterstellte, wegen ihrer vermeintlich fortdauernden Loyalität gegenüber dem Regime in Tokio keine »national zuverlässigen« Amerikaner zu sein. Sie wurden ab 1942 unter grober Missachtung ihrer staatsbürgerlichen Rechte zwangsweise interniert. Erst 1988 wurden diese Maßnahmen offiziell als Unrecht anerkannt und die betroffenen Familien symbolisch entschädigt.

Parade auf der Fifth Avenue |

Am 23. Oktober 1915 demonstrierten Frauen in New York für ihr Wahlrecht.

Sklaverei in einem Land der Freiheit

Das wohl sprechendste Beispiel für die aus dem Wertehimmel der Amerikanischen Revolution resultierende Dialektik von Entrechtung und Emanzipation ist die Geschichte der Schwarzen. Im kolonialen Britisch-Nordamerika galten versklavte Schwarze juristisch nicht als Person und damit nicht als Mensch. Unter dem System der »chattel slavery« (»Besitzsklaverei«), das sich um 1700 voll entfaltete, betrachtete man sie als bewegliches Eigentum, so wie Kühe oder Pferde es auch waren.

Versklavte Schwarze betrachtete man sie als bewegliches Eigentum, so wie Kühe oder Pferde es auch waren

Die Amerikanische Revolution änderte daran zunächst nichts. Sie schuf jedoch, was der schwedische Soziologe Gunnar Myrdal (1898–1987) später das »amerikanische Dilemma« nannte: den fundamentalen Widerspruch zwischen dem Postulat universaler rechtlicher Gleichheit und der faktischen Diskriminierung der Schwarzen in einem Land, das auf dem Ideal grundrechtlich definierter Freiheit gründete. Gleichzeitig boten die naturrechtsliberalen Werte der Unabhängigkeitserklärung neue Argumente, um die Sklaverei zu rechtfertigen.

Dass das revolutionäre Freiheits- und Gleichheitsversprechen der Unabhängigkeitserklärung der Sklaverei potenziell ihre Grundlage entzog, war bereits den Zeitgenossen des ausgehenden 18. Jahrhunderts bewusst, insbesondere den Schwarzen selbst. Versklavte wie auch freie Schwarze gehörten zu den Ersten, die in Petitionen an revolutionäre Gremien das Recht auf Selbstbestimmung auch für sich einforderten. Einzelne weiße Patrioten sahen das ebenso, etwa der Jurist und Unabhängigkeitskämpfer James Otis (1725–1783) oder Abigail Adams (1744–1818), die Frau des zweiten US-Präsidenten John Adams. Dies führte dazu, dass die Staaten des Nordens um 1800 Gesetze auf den Weg brachten, die die Sklaverei bis 1820 weitgehend abschafften.

Im Süden blieb sie jedoch bestehen, weshalb sich in den sklavenfreien Staaten des Nordens im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts eine von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen getragene Bewegung formierte, die die Abschaffung der Sklaverei in der ganzen Union verlangte. Die Abolitionisten (von »abolition«, Abschaffung) stützten ihren Kampf gegen die Sklaverei auf die Überzeugung, dass Schwarze ebenfalls Menschen seien. So liefert Harriet Beecher Stowes berühmter, aber auch kontroverser Roman »Onkel Toms Hütte« aus dem Jahr 1852 in den ersten sieben Kapiteln eine dichte Beschreibung des häuslichen Lebens einer Sklavenfamilie, die nur eines zeigen sollte: dass Schwarze all die körperlichen, geistigen, emotionalen und seelischen Merkmale haben, die einen Menschen auszeichnen. Das ist langatmig, verklärend und sentimental – aber in dieser Sentimentalität lag eine enorme politische Sprengkraft. Die Leserinnen und Leser wurden dazu angehalten, in den Schwarzen Mitmenschen zu erkennen, Mitleid mit ihnen zu haben – und eben die Abschaffung der Sklaverei zu fordern.

250 Jahre amerikanische Unabhängigkeitserklärung

Am 4. Juli 1776 verkündeten 13 britische Kolonien in Amerika den Bruch mit dem Mutterland. Als sie sich von Großbritannien lösten, standen sie bereits im Krieg mit der Kolonialmacht. Die »Declaration of Independence« empörte und begeisterte zugleich. Für die damaligen Menschen in Amerika, aber auch lange danach, wurde sie zum wirkmächtigen Dokument. Drei namhafte Amerika-Historiker berichten, was es mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung auf sich hat.

Die US-Unabhängigkeit war eine Kriegserklärung, von Christopher Magra

Als Großbritannien die Kündigung bekam, von Michael Hochgeschwender

Wie gleich ist gleich?, von Volker Depkat

Das sahen die Sklavenhalter des Südens freilich ganz anders. Um die Sklaverei im Lichte der abolitionistischen Kritik zu verteidigen, beriefen sie sich auf das mit der Amerikanischen Revolution durchgesetzte Grundrecht auf Eigentum. Zwar zählt die Unabhängigkeitserklärung »happiness« (Glück) und nicht »property« (Besitz) zu den unveräußerlichen Grundrechten. Aber andere Grundrechteerklärungen der Zeit taten dies, wie überhaupt eine auf den englischen Aufklärungsphilosophen John Locke (1632–1704) zurückgehende Formel von »life, liberty, and property« im revolutionären Amerika breit zirkulierte.

Die Amerikanische Revolution erklärte Eigentum zu einem Grundrecht und den Schutz der Grundrechte zur einzig legitimen Aufgabe von Staatlichkeit. Damit wurde die Garantie der Sklaverei aus Sicht der Sklavenhalter gewissermaßen Staatszweck. Ein Staat, der die Sklaverei abschaffte, überschritt demnach nicht nur seine Zuständigkeit, sondern pervertierte den Sinn von Staatlichkeit geradezu.

Allerdings wurde die Sklaverei von ihren Befürwortern nicht nur mit konstitutionellen Argumenten, sondern auch mit rassistischen Theorien begründet. Man behauptete, dass Schwarze geistig und moralisch minderwertig und deshalb keine voll entwickelten Menschen seien. Vielfach wurden Schwarze im postrevolutionären Amerika als arglose, unbeschwerte und stets fröhliche Kinder dargestellt, die nicht für sich selbst sorgen und Verantwortung übernehmen konnten, die der Führung und der Hilfe der Sklavenhalter bedurften und die diesen in kindlicher Liebe zugetan waren. Die so dargestellten Schwarzen wussten gar nicht, was Freiheit ist, und fühlten sich in der Sklaverei geradezu wohl. Andere Stereotype zeichneten Schwarze umgekehrt als gefährliche »Wilde« mit starken Körpern und überbordendem Sexualtrieb, die mit aller Härte diszipliniert werden müssten, um die weiße Gesellschaft und insbesondere weiße Frauen zu schützen.

Seine höchstrichterliche Bestätigung erfuhr dieser Rassismus, der auf Entmenschlichung der Schwarzen abzielte, in einem Urteil des Supreme Court im Fall Dred Scott gegen Sandford im Jahr 1857. Der wohl 1799 in die Sklaverei hineingeborene Dred Scott war mit seinem Besitzer im Mai 1833 in den sklavenfreien Bundesstaat Illinois gereist und von dort im Frühjahr 1836 weiter ins Wisconsin-Territorium, wo Sklaverei ebenfalls verboten war. Nun war er der Meinung, dass er durch die Reise in den sklavenfreien Norden selbst seine Freiheit erlangt hätte, und diese klagte er vor den Gerichten des Landes ein. Der Fall landete schließlich vor dem Obersten Gericht, das die Klage mit sieben zu zwei Stimmen abwies.

In der Begründung der Mehrheitsmeinung erklärte der damalige Chief Justice Roger B. Taney, dass Schwarze minderwertige Menschen seien, dazu da, von der »dominanten Rasse« der Weißen unterworfen und beherrscht zu werden. Die den Schwarzen gemäße Lebensform sei die Sklaverei; Schwarze hätten keine Rechte, die Weiße respektieren müssten. Zudem seien sie auch nicht Teil der durch die US-Verfassung von 1787 konstituierten politischen Gemeinschaft. Deshalb könnten die Schwarzen, gleich ob versklavt oder nicht, keine Staatsbürgerschaft und die daran gekoppelten Grundrechte für sich reklamieren. Sie hätten mithin kein Recht, überhaupt jemanden vor Gericht zu verklagen, weshalb schon Dred Scotts bloße Klage unstatthaft sei.

Von der Sklaverei zum »Jim Crow«-System

Vier Jahre nach diesem Urteil entbrannte in den USA der Bürgerkrieg, der 1865 endete. Er führte zum Ende der Sklaverei, das mit der »Emancipation Proclamation« von Präsident Abraham Lincoln (1809–1865) im Jahr 1863 eingeleitet und mit dem 13. Zusatz zur US-Verfassung 1865 offiziell besiegelt wurde. Allerdings bedeutete dies keineswegs auch das Ende der rassistisch motivierten Ungleichbehandlung der Schwarzen in den USA. Denn auf die Sklaverei folgte das System der Rassentrennung und der politischen Entmündigung der Schwarzen im Zeichen der »Jim Crow«-Gesetze, benannt nach der schwarzen Bühnenfigur »Jim Crow«. Diese gehörte zum Standardrepertoire der enorm populären »Minstrel Shows«, in denen überwiegend weiße Darsteller mit geschwärzten Gesichtern auftraten. Die karikatureske, stereotype Figur eines Schwarzen belustigte das weiße Publikum mit ihrem fehlerhaften Englisch und ihren bizarren Bewegungen.

Ausgehend von den Minstrel Shows wurde »Jim Crow« zu einer abwertenden Sammelbezeichnung für die Schwarzen, die nach 1880 auch zunehmend das ganze Ensemble von Gesetzen zur Rassentrennung auf eine Formel brachte. Diese wurden zwischen 1880 und 1920 nach und nach und weitgehend unabhängig voneinander in den Südstaaten verabschiedet. Das System der Rassentrennung gründete sich also nicht auf ein einzelnes zentrales Gesetz, sondern auf zahlreiche Einzelgesetze, die jeweils spezifische Gegebenheiten und Situationen regelten. Im Ergebnis wurden immer mehr Bereiche des täglichen Lebens dem Prinzip der Rassentrennung unterworfen. Es gab getrennte Eisenbahnen, Straßenbahnen, Bahnhöfe, Restaurants, Saloons, Parks, Toiletten und sogar getrennte Bibeln vor Gericht, weil der Eid durch einen Kuss auf die Bibel zu bekräftigen war.

Weiterhin unfrei |

Schwarze auf einer texanischen Baumwollplantage, beobachtet von einem weißen Aufseher. Die Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahr 1895.

Im Jahr 1896 erklärte eine weitere Entscheidung des Supreme Courts im Fall Plessy gegen Ferguson das System der Rassentrennung für verfassungskonform, sofern die nach Rassen getrennten öffentlichen Einrichtungen formal gleich ausgestattet waren (»separate but equal«), was tatsächlich praktisch nie gegeben war. Damit erhielt die Diskriminierungspraxis erneut einen höchstrichterlichen Segen.

Auch diese rechtliche Diskriminierung entsprang der rassistischen Überzeugung, Schwarze seien keine vollwertigen Menschen und gehörten deshalb nicht zu der auf dem naturrechtsliberalen Grundrechtekonsens integrierten amerikanischen Gesellschaft. Was immer sonst sie noch ausmachen mag – rassistische Weltbilder gründen stets in der Idee, dass die als »Rassen« identifizierten sozialen Gruppen nicht Teil ein und derselben Gesellschaft sein können.

Die schwarze Bürgerrechtsbewegung

Fast zur selben Zeit, als das »Jim Crow«-System entstand, formierte sich eine von Schwarzen und liberalen Weißen getragene Bürgerrechtsbewegung, die sich den Kampf um die rechtliche und politische Gleichstellung der Schwarzen auf die Fahnen schrieb. Im Jahr 1909 gründeten schwarze und weiße Aktivisten mit der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) die bis heute bestehende Bürgerrechtsorganisation, die in einem mühsamen, geduldigen und langfristigen Prozess die »Jim Crow-Gesetze« vor Gericht brachte und bis Mitte der 1950er-Jahre einige bahnbrechende Erfolge erzielte. Sie kulminierten 1954 in der Entscheidung des Supreme Court im Fall Brown gegen Board of Education of Topeka. Darin revidierte das Oberste Gericht der USA seine Entscheidung von 1896 und erklärte das System der Rassentrennung in öffentlichen Schulen für verfassungswidrig.

Gleichzeitig entstand in den 1950er-Jahren eine neue Form des schwarzen Bürgerrechtsaktivismus, die auf Massenmobilisierung setzte: mit Protestmärschen, Boykotten, Sit-ins sowie charismatischen, vielfach geistlichen Führungsfiguren. Bürgerlicher Ungehorsam und gewaltloser Widerstand bildeten die Kernideen dieses Protestes. Er berief sich ausdrücklich auf die naturrechtsliberalen Wertideen der Amerikanischen Revolution, um den Anspruch der Schwarzen auf bürgerliche Gleichstellung und politische Partizipation zu begründen. Seinen paradigmatischen Ausdruck fand dies in der berühmten »I Have a Dream«-Rede, die Martin Luther King Jr. am 28. August 1963 im Rahmen des »March on Washington for Jobs and Freedom« auf den Stufen des Lincoln Memorial in Washington, D. C., hielt.

»I Have a Dream« |

Am 28. August 1963 beschwor Martin Luther King Jr. seine Vision von der Gleichstellung der Afroamerikaner vor mehr als 250 000 Menschen am Lincoln Memorial in Washington, D.C.

In dieser Rede nutzte King die offenkundige Diskrepanz zwischen dem universalen Freiheits- und Selbstbestimmungsversprechen der Amerikanischen Revolution und der fortgesetzten Diskriminierung der Schwarzen als Argument dafür, bürgerliche Gleichstellung zu fordern. Erst wenn die in der Unabhängigkeitserklärung postulierten unveräußerlichen Grundrechte auch für die Schwarzen garantiert sein würden und auch die Schwarzen den amerikanischen Traum von einem Leben in Freiheit und Selbstbestimmung träumen könnten, würde sich die Amerikanische Revolution vollenden.

Die unmittelbare Folge des »March on Washington« war die von weißen Mehrheiten im Kongress beschlossene Bürgerrechtsgesetzgebung der Jahre 1964/65, die das »Jim Crow-System« der rechtlichen Diskriminierung von Schwarzen beendete. Der »Civil Rights Act« (1964) und der »Voting Rights Act« (1965) bedeuteten zwar nicht automatisch auch das Ende der rassistisch motivierten faktischen Diskriminierung von Schwarzen in den USA. Doch das Ende einer rechtlich kodifizierten Rassentrennung markierte einen Wendepunkt. Angesichts einer mehr als 300 Jahre währenden Geschichte rechtlicher Benachteiligung, die mit der Sklaverei im 17. Jahrhundert begann, ist dieser Schritt von kaum zu überschätzender Bedeutung.

Der Kampf der Schwarzen um Gleichberechtigung ging mit der fortwährenden Behauptung des eigenen Mensch-Seins einher. Noch im Februar 1968, als schwarze Müllmänner in Memphis, Tennessee, gegen die trotz der bürgerlichen Gleichstellung der Schwarzen fortbestehenden diskriminierenden Praktiken ihres städtischen Arbeitgebers protestierten, trugen sie Protestplakate, auf denen in aller Schlichtheit geschrieben stand: »I am a Man« – »Ich bin ein Mensch«.

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  • Quellen

Berg, M., Das gespaltene Haus. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von 1950 bis heute, 2025

Depkat, V., Die Amerikanische Revolution, 2026

Depkat, V., Geschichte der USA, 2016

Finzsch, N. et al., Von Benin nach Baltimore. Die Geschichte der African Americans, 1999

Waldschmidt-Nelson, B., Martin Luther King, Malcolm X, 2000

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