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Großprojekte: Die unendliche Geschichte

Ein türkisches Gericht verfügte den Baustopp am Ilisu-Staudamm, gegen dessen Errichtung Archäologen und Umweltschützer seit Jahren protestieren. Die Regierung treibt ihr Megaprojekt unbeeindruckt voran.
Geplanter Staudamm

Der Spruch des Staatsrats, eines der obersten Gerichte der Türkei, war eigentlich unmissverständlich. Der Richtersenat, für den es keine Entsprechung im deutschsprachigen Raum gibt, ordnete bereits am 7. Januar einen sofortigen Baustopp für den heftig umstrittenen Ilisu-Staudamm im Südosten des Landes an, da bei den Arbeiten zahlreiche Umweltgesetze sowie jene zum Schutz von Kulturgütern missachtet würden.

Die an sich schon gewaltige Superbaustelle am Tigris ist Teil eines wahrhaft gigantischen Vorhabens: Das Südostanatolienprojekt (SAP) soll mit insgesamt 22 Staudämmen, 19 Wasserkraftwerken und zahlreichen Bewässerungsanlagen entlang der Flüsse Euphrat und Tigris zugleich den unaufhaltsam steigenden Energiebedarf des Boomlands Türkei abdecken sowie der überwiegend von Kurden bewohnten Region einen wirtschaftlichen Aufschwung ermöglichen. Dass dabei unschätzbare Kulturgüter ebenso verloren gehen werden wie einzigartige Biotope, kümmert die Regierung herzlich wenig.

Dem Ilisu-Damm, dessen Fertigstellung für 2014 geplant ist, würden etwa 200 Städtchen, Dörfer, Weiler und Weiden geopfert. Bis zu 70 000 Menschen müssten allein in der Türkei zwangsumgesiedelt werden. Weitere tausende Bauern und Fischer, die im Irak am und vom Tigris leben, verlören ihre Lebensgrundlage, da ihnen das Wasser fehlen würde, das rund 1000 Kilometer flussaufwärts im Stausee zurückgehalten wird. Zudem würde das Bauwerk mit seiner über 1800 Meter breiten und 136 Meter hohen Staumauer einen rund 310 Quadratkilometer großen künstlichen See begrenzen, unter dessen Wassermassen unzählige Kultur- und Naturschätze begruben würden.

Blick auf das Kulturerbe | Hasankeyf kann auf eine jahrtausendealte Kulturgeschichte zurückblicken, und auch ökologisch hat die Region viel zu bieten – unter anderem eine hohe Artenvielfalt. Dennoch soll hier ein Staudamm entstehen.

Das mittelalterliche Städtchen Hasankeyf ist inzwischen zum Symbol für den Widerstand gegen das Megaprojekt geworden. Der malerische Ort am Tigris hat sein Aussehen seit Jahrhunderten weit gehend nicht geändert. Die Besiedlung des Gebiets reicht aber viel weiter zurück. Schon vor mindestens 10 000 Jahren ließen sich hier Menschen nieder, richteten sich in den Höhlen und Schluchten am Tigrisufer ein. Im Lauf der in den letzten Jahren unter höchstem Druck durchgeführten Notgrabungen stießen türkische Archäologen 2009 gar auf 15 Jahrtausende alte menschliche Spuren. Eine fachgerechte Auswertung ihrer Entdeckung war den Forschern um Abdüsselam Ulucam von der nahen Universität Batman bisher jedoch nicht möglich, geschweige denn die wissenschaftliche Publikation etwaiger Erkenntnisse aus ihren Funden. Die Zeit ist zu knapp, der Stausee droht – es gilt zu retten, was zu retten ist.

Dass der türkische Staat auch auf sensationelle Ausgrabungsstätten keine Rücksicht nimmt, stellte er bereits 1992 nachdrücklich unter Beweis – und nahm dabei einen unschätzbaren Verlust für das Verständnis der Menschheitsgeschichte in Kauf. Damals versank die neolithische Siedlung Nevalı Çori im künstlichen See des Atatürk-Damms, des ersten und größten der geplanten 22 Staudämme. Zuvor hatten Archäologen der Universität Heidelberg unter der Leitung von Harald Hauptmann gemeinsam mit Experten vom Archäologischen Museum Şanlıurfa in sieben Kampagnen die bis zu 10 000 Jahre alte Siedlung so gut wie nur irgend möglich erforscht.

In und um Hasankeyf, in der Gegend also, die unter den Wassern des Ilisu-Staudamms versinken soll, finden sich indes nicht nur Hinweise auf steinzeitliche Besiedlung. Hier ließen sich auch fast alle Hochkulturen des Alten Orients nieder. In Müslümantepe, einer kleinen Stätte nahe dem Tigris, stießen Archäologen auf sumerische Gräber. Die Hurriter, welche die Sumerer als Herren der Region ablösten, waren während der frühen Geschichte menschlicher Zivilisationen bedeutende Mittler zwischen den Kulturen Anatoliens und Mesopotamiens. Das Reich von Mitanni, dessen Zentrum in Nordsyrien lag, herrschte hier – später die Meder, die Achämeniden, Alexander der Große, die Parther und schließlich das Imperium Romanum. Mit der Ausbreitung des Christentums wurde Hasankeyf vorübergehend zum Bischofssitz. Um 640 n. Chr., kurz nach dem Tod des Propheten Mohammed, kam das obere Tigristal unter muslimische Kontrolle. Im 12. Jahrhundert erhob die turkmenische Dynastie der Artukiden den Ort zu ihrer Haupt- und Residenzstadt. Im 16. Jahrhundert sicherten sich die Osmanen nach langen Kämpfen mit den persischen Safawiden die Hoheit über das Gebiet. Seit damals ist es unter türkischer Kontrolle – nun soll es verschwinden. Der Verlust wäre ungeheuer: Adolf Hoffmann, der ehemalige Direktor der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Instituts, schätzt, dass weniger als zehn Prozent der vorgeschichtlichen und antiken Stätten der Region erforscht wurden.

Erste Überlegungen zum Südostanatolienprojekt stellte der türkische Staat Mitte des letzten Jahrhunderts an. Seit den 1980er Jahren wurde das Projekt vorangetrieben. Und seit damals regt sich auch der Protest von Anwohnern, Archäologen, Umweltschützern und Landschaftsarchitekten im In- und Ausland dagegen. Mit jedem Erfolg der Staudammgegner wuchs auch ihre Bereitschaft zum Widerstand. Und Erfolge gab es; zwischendurch ruhte das Projekt sogar für einige Jahre. Es ist ein ständiges Hin und Her, eine unendliche Geschichte, bei der mal die Gegner, mal die Befürworter des Projekts frohlocken.

Erst zog die Weltbank ihre Unterstützung zurück. Naturgemäß stemmte sich auch die UNESCO als Hüterin des Weltkulturerbes gegen das Projekt. 2009 hatten sich Deutschland, Österreich und die Schweiz wegen der gravierenden zu erwartenden ökologischen, kulturhistorischen und sozialen Folgen aus dem Projekt zurückgezogen. Zahlreiche europäische Banken und Baufirmen kündigten ebenfalls die Verträge, bis zuletzt nur noch das österreichische Unternehmen Andritz, ein Spezialist für Wasserkraftwerke, als ausländischer Partner übrig blieb. Die türkische Regierung zeigt sich inzwischen allerdings restlos entschlossen, das Projekt durchzuziehen, notfalls mit nationalen Mitteln – gegen jeglichen Widerstand, ja selbst gegen geltendes Gesetz. Tatsächlich ignoriert sie seit Jahren immer wieder die rechtlichen Vorgaben für den Dammbau. So befreite Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan im April letzten Jahres die Betreiber des Großprojekts am Tigris kurzerhand davon, die vorgeschriebenen – und sowieso schon laxen – Umweltverträglichkeitsprüfungen für den Ilisu-Staudamm und alle zu seinem Bau notwendigen Infrastrukturmaßnahmen wie Straßenbauten durchzuführen.

Alte Brücke von Hasankeyf | Bislang fließt der Tigris noch ungestaut. Nach Fertigstellung des Ilisu-Damms wird die Stadt Hasankeyf überflutet – und damit auch seine 10 000 Jahre alte Siedlungsgeschichte.

Dies nahm die türkische Architekten- und Ingenieurskammer erneut zum Anlass, um beim Staatsrat gegen das umstrittene Staudammprojekt zu klagen – und hatte Erfolg. Wenigstens vor Gericht, wenn schon nicht vor Ort. Die Arbeiten wurden inzwischen zwar etwas eingeschränkt, gehen aber trotz Richterspruch und neuen Protesten weiter. Dabei hatte der Staatsrat in seinem Urteil auch ausdrücklich festgehalten, dass die Weiterführung der Arbeiten einen klaren Rechtsbruch darstellen könnte. Die zuständige Wasserbehörde DSI verbreitete Ende Januar eine Stellungnahme, in der sie nonchalant darauf verwies, die Umweltverträglichkeitsprüfungen könnten auch ohne Baustopp eingeholt werden. Der türkische Umweltminister Veysel Eroglu, an dem es nun eigentlich wäre, den Bau zu stoppen, schweigt dazu. Das ist aus seiner Geschichte verständlich: Bevor Eroglu 2007 das Ministerium übernahm, war er Leiter der DSI – und gilt bis heute als einer der vehementesten Befürworter des Projekts.

Den Staudammgegnern wirft die Regierung vor, die nationale Selbstbestimmung zu hintertreiben oder gar als Handlanger internationaler Interessen den technischen Fortschritt und die wirtschaftliche Blüte in der Türkei zu untergraben. Tatsächlich erlebt das Land seit einigen Jahren einen beeindruckenden ökonomischen Boom, ist mittlerweile hinter China die am stärksten wachsende Volkswirtschaft der G20-Staaten. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg steigt freilich auch der Energiebedarf. Experten schätzen, dass sich der Stromverbrauch der Türken bis 2020 auf rund 5200 Kilowattstunden pro Kopf verdoppeln wird (zum Vergleich: In Deutschland waren es im Jahr 2011 etwa 6600 Kilowattstunden pro Einwohner).

Der Energiebedarf muss befriedigt werden. Dabei setzt die Türkei massiv auf Wasserkraft. Nicht nur in Südostanatolien, sondern auch an der Schwarzmeerküste sollen Wasserkraftprojekte durchgesetzt werden. Das reicht jedoch offenbar nicht: Noch in diesem Jahr sollen im südtürkischen Akkuyu die Bauarbeiten am ersten türkischen Atomkraftwerk beginnen – rund 20 Kilometer vom seismisch aktiven Ecemis-Graben entfernt, an dem die Eurasische und die Afrikanische Kontinentalplatte aufeinandertreffen.

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