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Religionen: Die Weihnachtsgeschichte im Koran

Unter Palmen bringt Maria das Jesusbaby zur Welt. Ohne Joseph, Ochs und Esel. Und kaum geboren, fängt Jesus das Reden an. Wo diese Version der Weihnachtsgeschichte steht? Im Koran.
Die persische Miniatur zeigt Isa und Maryam - Jesus und Maria. Wie im Koran beschrieben bringt Maryam Isa unter einer Palme zur Welt.
Die persische Miniatur zeigt Isa und Maryam – Jesus und Maria. Im Koran ist beschrieben, dass Maryam ihren Sohn und Propheten Isa unter einer Palme zur Welt gebracht habe.

»Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.« Mit diesen berühmten Worten beginnt im Evangelium nach Lukas die Weihnachtsgeschichte. Die Bilder vom Jesuskind in der Krippe in Bethlehem, von Maria und Joseph, den Hirten, Engeln, dem Stern sind fest im westlichen kulturellen Gedächtnis verankert, selbst wenn man nichts mit dem Christentum zu tun hat.

Wenn aber an Weihnachten in christlichen Gottesdiensten die Geschichte von der Geburt Jesu vorgetragen wird, dann ist den wenigsten bewusst, dass es im heiligen Buch der Muslime, dem Koran, auch eine Geschichte von der Geburt Jesu gibt.

Diese Geschichte spielt allerdings nicht in Bethlehem, sondern an einem geheimnisvollen »entfernten Ort«, wie es im Koran heißt. Joseph ist nicht dabei, sondern Maria ist allein und gebiert Jesus unter einer Palme. Dabei sorgt Gott dafür, dass sie zu essen und zu trinken bekommt: Von der Palme fallen Datteln herab, ein Bach führt frisches Wasser heran. Als Maria wieder zu ihrer Familie zurückkehrt, werfen ihr die Verwandten vor, nun auf Grund eines unehelichen Kindes ehrlos zu sein. In diesem Moment spricht das Jesusbaby aus der Wiege und sagt, dass Gott es zu einem Propheten gemacht habe. Diese Geschichte überliefert die 19. Sure des Korans.

Jesus – kein Gottessohn, nur ein Prophet

Jesus, die zentrale Gestalt des Christentums, ist im Koran kein Unbekannter. Unter dem Namen »Isa« wird von seinem Leben und Sterben erzählt – nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass er im Koran ein Prophet, ein Verkünder der göttlichen Botschaft, ist und keineswegs der »Sohn Gottes«, wie es die Christen glauben.

Im Islam gilt Jesus als der höchste und letzte Prophet vor Mohammed. Ganz anders ist hingegen die Lage im Christentum – Jesus ist nicht nur Prophet: »Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron, Der uns schenkt seinen ein'gen Sohn.« So fasste Martin Luther (1483–1546) die christliche Weihnachtsbotschaft in dem bekannten Lied »Vom Himmel hoch, da komm ich her« aufs Kürzeste zusammen. Jesus sei Gottes »eingeborener Sohn«.

Auf Marias Einwand, dass sie schwanger, aber noch Jungfrau sei, sagt Gott: »Das ist mir ein Leichtes«Koran, 19. Sure

Vergleicht man die Geburtsgeschichten aus dem Neuen Testament und dem Koran, dann fällt schnell auf, dass die Autoren darin nicht nur unterschiedliches Material verarbeiteten, sondern eine jeweils eigene Interpretation von Jesus für die eigene Religion stark machten. Wie kam es dazu?

Aus historischer Sicht überrascht es nicht, dass im Koran der Islam vom Christentum abgegrenzt werden soll. Schließlich galt es, die neue Religion gegenüber dem Vorgängerglauben zu legitimieren.

Zwei Religionen, ein Gott – aber dennoch in Konkurrenz

Mehr als 600 Jahre nach der Niederschrift der Evangelien und gut 1000 Kilometer von Israel entfernt, entstand in Arabien der Islam unter der Führung des Propheten Mohammed. Schnell breitete sich die Religion auf der Arabischen Halbinsel aus, und nur wenige Jahre nach dem Tod Mohammeds im Jahr 632 eroberten Muslime das damals christliche Jerusalem. Christentum und Islam standen da längst in Konkurrenz zueinander: zwei Religionen, die in ihrer Überlieferung vieles gemeinsam hatten, aber durch unterschiedliche Glaubensauffassungen unüberwindlich voneinander getrennt blieben.

Die beiden Geburtsgeschichten von Jesus verdeutlichen diesen Gegensatz. Im Koran wird nicht nur in der Sure 19, sondern auch in der Sure 3 von Jesu Geburt berichtet. Die Suren sind die einzelnen Kapitel im Koran, die Gott zu verschiedenen Zeiten Mohammed offenbart haben soll. Neben der numerischen Zählung, die nicht der Reihenfolge der Offenbarung entspricht, haben die Suren auch eigene Namen. Die dritte Sure heißt »Maryam« – damit ist Maria gemeint – und ist jünger als die 19. Sure, die den Titel »Das Haus Imrans« trägt – Imran entspricht in der Bibel Amram, dem Vater von Moses.

Was steht nun in diesen Korankapiteln über die Geburt Jesu? In der Sure 19 begegnen uns bekannte biblische Gestalten: Der hochbetagte Tempelpriester Zacharias hat keine Kinder und bittet Gott um einen Nachfolger. Gott verheißt ihm einen Sohn namens Yahya, Johannes. Auf die Frage des Zacharias, wie das gehen soll, da er alt und seine Frau unfruchtbar sei, antwortet Gott, dass es für ihn einfach sei, Leben zu erschaffen.

Nach dieser Episode wechselt die Sure zu Maria. Es wird beschrieben, wie sie sich vor ihren Leuten an einen östlichen Ort zurückzieht und sich mit einem Vorhang abschirmt. Durch den Geist Gottes in der Gestalt eines Menschen erfährt Maria, dass sie einen Jungen bekommen wird. Auf ihren Einwand, dass sie noch Jungfrau sei, sagt Gott: »Das ist mir ein Leichtes«. Maria zieht sich daraufhin allein an einen entfernten Ort zurück und gebiert Jesus unter einer Palme, wie oben beschrieben.

Jesus, der Sohn der Maria, nicht der Sohn Gottes

Wie es in dem Korankapitel weiter heißt, soll Marias Sohn die Barmherzigkeit Gottes bezeugen. Doch die Sure soll vor allem eines klarstellen: Jesus ist der Sohn der Maria, keinesfalls der Sohn Gottes. Und in diesem Punkt sind sich Christen und Muslime uneins.

Von Jesus als Sohn der Maria handelt auch die 3. Sure. Dieser Abschnitt beginnt mit einer Einführung in den Stammbaum von Jesus. Seine Großmutter gehöre zur Sippe Imrans. Somit sei sie Mitglied einer der von Gott erwählten Familien. Über die Abstammung Jesu erfährt man auch im Matthäusevangelium: Allerdings werden dort nicht die Vorfahren von Maria, sondern die von Joseph aufgezählt. Joseph taucht in der dritten Sure nur indirekt auf – als derjenige, der per Losverfahren dazu bestimmt wurde, Maria zu betreuen.

Die 3. Sure birgt zudem eine Besonderheit: Es wird die Geburt und die Kindheit Marias beschrieben. Nachdem Marias Mutter die Tochter zur Welt gebracht hatte, soll sie gelobt haben, das Mädchen Gott zu weihen. Deshalb wächst Maria im Tempel auf, der Tempelpriester Zacharias betreut sie und Gott versorgt sie mit Nahrung. Interessant an dieser Geschichte ist, dass es dazu keine Parallele in den neutestamentlichen Schriften gibt. Eine ähnliche Erzählung findet sich aber im »Protevangelium des Jakobus«, dem Proto-Evangelium oder Vor-Evangelium – es geht darin um die Kindheit Jesu. Es ist erst um das Jahr 160 n. Chr. entstanden und damit etwa zwei Generationen nach den jüngsten neutestamentlichen Schriften.

Im Koran sind Traditionen aus dem Neuen Testament und aus dem Umfeld des Evangeliums aufgegangen, sie wurden aber im Sinne der islamischen Theologie gedeutet

Diese Schrift zählt zu den so genannten Apokryphen des Neuen Testaments, die aus dessen Umfeld stammen, aber nicht in den Kanon der heiligen Schriften aufgenommen wurden. Der Kanon, der heute als Neues Testament bekannt ist, entstand unter anderem, weil Gelehrte die aus ihrer Sicht authentischen Texte dafür auswählten.

Welche Gemeinsamkeiten gibt es nun zwischen dem Proto-Evangelium und dem Koran? Im »Protevangelium des Jakobus« übergibt Marias Mutter Anna – hier wird sie mit Namen genannt – ihre Tochter an Gott und lässt sie im Tempel aufwachsen. Ebenso wird Maria auf wundersame Weise ernährt: Sie empfängt eine Speise aus der Hand eines Engels. Und genauso wie im Koran entscheidet das Losverfahren darüber, wer Maria betreut.

Wie Jakobus weiter erzählt, muss die zwölfjährige Maria den Tempel verlassen, als ihre Menstruation einsetzt. Zacharias bekommt daraufhin von Gott den Auftrag, einen Mann für Maria zu finden. Er ruft die Witwer Israels zusammen und sagt ihnen, einen Stab mitzubringen. Als beim Auswahlverfahren aus Josephs Stab eine Taube hervorkommt, deutet Zacharias das Ereignis als Zeichen Gottes – Joseph soll der Ehemann von Maria werden. Jakobus schildert weiter, dass die Priester Maria die Aufgabe übertragen, aus einem Scharlachfaden einen Vorhang für den Tempel zu nähen. In Sure 19 taucht dieser Vorhang ebenfalls auf.

Ein Ereignis – zwei Perspektiven

Im Koran sind demnach Traditionen aus dem Neuen Testament und aus dem Umfeld des Evangeliums aufgegangen, sie wurden aber im Sinne der islamischen Theologie gedeutet. Dabei nimmt die Vorgeschichte über die Herkunft von Jesus viel Raum ein, während die eigentlichen Geburtsgeschichten, wie sie in den Evangelien überliefert sind, kurz abgehandelt werden. Ein möglicher Grund dafür: Die Geschichten waren im arabischen Raum und im Umfeld Mohammeds schlicht nicht bekannt. Waren sie es doch, wurden sie vielleicht ignoriert, weil sie ja eine Göttlichkeit von Jesus betonen. Etwa wenn der Engel Gabriel Maria verheißt, dass Jesus »Sohn des Höchsten« genannt werden und Gott ihm den Thron seines Vaters David geben wird. Ebenso würde die Episode, als die Sterndeuter aus dem Morgenland vorhersagen, dass Jesus als Messias die alttestamentliche Prophezeiung erfüllen werde und der König der Juden sei, der koranischen Theologie widersprechen.

Vielleicht geht es deshalb im Koran vor allem um Jesu Familiengeschichte. Er steht in einer Reihe mit weiteren Propheten, er überragt aber trotz seiner besonderen Eigenschaften nicht die anderen; er ist nur einer von ihnen, wenn auch der letzte vor Mohammed.

Die Weihnachtsgeschichte hat ein Pendant in der islamischen Religion: die Feier der »Nacht der Bestimmung«

Es wäre der berühmte Vergleich zwischen Äpfel und Birnen, würde man die Geburtsgeschichte von Jesus im Koran der Schilderung in der Bibel aus theologischer Sicht gegenüberstellen. Die Aussageabsichten zielen ja in völlig verschiedene Richtungen. Jesus, der Sohn der Maria, ist im Koran als Prophet Gottes durch die lange familiäre Traditionslinie Marias und ihrer Mutter sowie durch seine wunderbare Jungfrauengeburt legitimiert. Jesus, der Sohn Gottes, ist in der Bibel schon durch die Umstände seiner Geburt als Messias, als Heiland intendiert – er sei die Erfüllung aller alttestamentlichen Prophezeiungen.

Die Weihnachtsgeschichte hat dennoch ein Pendant in der islamischen Religion, wenn man denn danach suchen möchte: die Feier der »Nacht der Bestimmung«. An diesem Festtag im Monat Ramadan gedenken die Muslime der »Herabkunft«, als der Engel Gabriel den Koran erstmals Mohammed Wort für Wort übermittelt haben soll. Das Ereignis gilt im Islam als die segenswerteste Nacht. Und die Offenbarung des Koran an Mohammed entspricht in ihrer religiösen Funktion der Geburt des Gottessohnes im Christentum.

Was sich in Christentum und Koran jedoch gleicht: In der Geschichte Jesu wird dessen Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit betont, in der Geschichte der Maria wird Gott als fürsorglich gegenüber den Menschen dargestellt. Wer möchte, kann darin an Weihnachten die enge Bindung zwischen diesen beiden Religionen sehen.

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