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Ökologie : Die Wiederkehr Edens?

Sie waren vielleicht die Wiege der westlichen Zivilisation und gelten einigen als der Garten Eden der Bibel. In der Neuzeit musste das Sumpfland Mesopotamiens allerdings sein ökologisches Armageddon hinnehmen. Gibt es nun eine Chance der Wiederauferstehung?
Marsch-Araber
Der vormalige irakische Herrscher Saddam Hussein hat viele Verbrechen begangen. Eines davon ist im Westen jedoch meist nur Experten bekannt. Seine Folge war eines der größten ethnologischen und ökologischen Desaster des Orients, das in seinen Dimensionen nach Ansicht vieler Wissenschaftler der Verwüstung des Aralsees gleicht: die Trockenlegung der Marschen an Euphrat und Tigris.

Einst bedeckte diese Riedlandschaft eine Fläche doppelt so groß wie die Everglades in Florida. Sie waren Heimat und Raststätte von Millionen von Vögeln und gaben vielen endemischen Arten ein paradiesisches Eldorado. Das Schilf filterte die schmutzigen Wasser der Flüsse und verhinderte damit Kontaminierung wie Überdüngung des Persischen Golfs. Die Röhrichte bildeten die Kinderstube verschiedener Fische und der Garnele Metapenaeus affinis, die wiederum eine ausgedehnte Fischerei an der Küste stützten.

Mesopotamische Sümpfe 1973 | Im Jahr 1973 bedeckten die Sümpfe an Euphrat und Tigris eine Fläche von 15 000 Quadratkilometern. Sie bildeten die Heimat einer 5000 Jahre währenden Kultur: die der so genannten Marsch-Araber. Zudem boten die Marschen Millionen von Vögeln Lebensraum und Rastplatz auf ihrem Zug. Das Feuchtgebiet war Kinderstube vieler Fischarten und Garnelen, reinigte das Flusswasser und verhinderten damit Kontamination wie Überdüngung des Persischen Golfs.
Und die Sümpfe beherbergten eine einzigartige, 5000 Jahre währende Kultur: die der so genannten Marsch-Araber oder Ma'dan. Sie bewohnten die Ränder des Feuchtgebiets sowie künstliche Schilfinseln innerhalb der ausgedehnten Ried-Bestände, die sie in der straßenlosen Wasserwildnis ihrer Heimat mit Schilfbooten durchquerten. Lange lebten sie dort von Fischfang, Büffelzucht und Reisanbau in relativer Isolation von der Außenwelt.

Doch das ist alles weitgehend Vergangenheit. Denn Saddam Hussein rächte sich mit Verfolgung und Vertreibung am vermeintlichen Verrat dieses schiitischen Volksstammes, dem er Kollaboration mit dem Iran während des ersten Golfkrieges von 1980 bis 1988 unterstellte. Da die Sümpfe zudem im Grenzbereich zum Iran liegen, begann sein Regime ab 1985 mit der Entwässerung des Landes, um besseren Zugang zu den umkämpften Gebieten zu erhalten. Ein vernichtendes Ausmaß nahmen Verfolgung und Lebensraumszerstörung allerdings erst nach dem zweiten Golfkrieg von 1991 an.

Trockengelegter Sumpf | Die Austrocknung der Sümpfe hatte oft versalzte Böden, hohe Selen-Konzentrationen und erosionsanfällige Sandpfannen zur Folge.
Nach dem Ende der eigentlichen Kampfhandlungen zur Befreiung Kuwaits erhoben sich neben den Kurden des Nordiraks auch die schiitischen Araber des Südens. Die Sümpfe und Marschen boten nach Ansicht Husseins Partisanen Zuflucht und Schutz. Und dies sollte das weitgehende Ende der Kultur der Ma'dan und des Feuchtgebiets besiegeln. Durch massive Drainage und Eindeichungen von Euphrat und Tigris wurde der Region das Lebenselixier Wasser entzogen – die Sümpfe fielen trocken. Zehntausende ihrer Bewohner wurden getötet oder in den Iran verjagt, sodass heute nur noch etwa ein Fünftel der ursprünglichen 500 000 Menschen in der Region verblieb. Die wenigsten davon leben nach den ursprünglichen Traditionen.

Mesopotamische Sümpfe 2000 | Durch Drainage und Eindeichung verloren die mesopotamischen Sümpfe mittlerweile 90 Prozent ihrer ursprünglichen Fläche. Mit diesen Maßnahmen zerstörte der ehemalige irakische Diktator Saddam Hussein die Kultur der Marsch-Araber und beeinträchtigte massiv die Funktionalität des ehemals riesigen Feuchtgebiets. Zahlreiche, teils endemische Tierarten sind dadurch stark gefährdet.
Die Fläche des Marschlandes schrumpfte um neunzig Prozent, und gesunde Schilfbestände bedeckten im Jahr 2003 nur noch geschätzte 1500 Quadratkilometer – das meiste davon auf kleinere Gebiete verteilt. Allenfalls der Al-Hawizeh-Sumpf an der Grenze zum Iran bildet ein Abbild der einstigen Pracht. Der Rest: öde Salzpfannen, kärgliche Wüsten mit einzelnen salztoleranten Sträuchern oder von der Sonne steinhart gebackene Schlickflächen.

Aber nun – nach Ende des dritten Golfkriegs und dem Sturz Saddam Husseins 2003 – gibt es neue Hoffnungen einer Wiedergeburt des ehemaligen Naturparadieses und seiner menschlichen wie tierischen Bewohner. Das zeigen zumindest Studien von Wissenschaftlern um Curtis Richardson von der Duke-Universität.

Marsch-Araber | Nach dem Ende des dritten Golfkriegs gibt es erste Zeichen der Hoffnung auf eine Widerkehr der mesopotamischen Sümpfe. In der Region verbliebene Bewohner rissen Deiche ein und verschlossen Entwässerungskanäle, sodass das Wasser wieder trocken gelegte Flächen überfluten konnte. Mittlerweile lassen sich erste Zeichen der Regeneration der Schilfflächen beobachten. Fraglich bleibt nur, ob es auch zu einer Wiederkehr der Marsch-Araber kommen wird.
Sie fanden eine Menge Probleme: versalzte Böden, hohe Selen-Konzentrationen, fehlende Samenbänke der ursprünglichen Sumpfvegetation. Auch die Bestände von Fischen, Amphibien und Vögeln waren im Laufe des Zerstörungswerks zusammengebrochen und sind jetzt weit von ihren einstigen Höchstzahlen entfernt.

Aber den Wissenschaftlern zeigten sich auf der anderen auch noch mehr Gründe zu Optimismus. Denn bereits kurz nach dem Ende des Regimes der diktatorischen Baath-Partei des Iraks rissen einige der verbliebenen Marsch-Araber Deiche ein und verschlossen Drainage-Kanäle. Dadurch floss frisches Wasser – das zur Überraschung der Forscher weitgehend frei von Schadstoffen ist – auf die wüst gefallenen Flächen und löste dort eine Revitalisierung der Sümpfe aus.

Im Umkreis von erhalten gebliebenen Röhrichten breiteten sich Schilfpflanzen wieder aus, und generell steigerte sich die Produktion von pflanzlicher Biomasse. Dies bedeutete ein Mehr an Fischen und ließ Vögel wie Kormorane, Pelikane oder Watvögel zurückkehren. Ende März 2004 zeigten sich so auf bereits zwanzig Prozent der einst trocken gelegten Flächen wieder Zeichen von Leben.

Noch sind allerdings nicht alle Probleme behoben, und die Regeneration verläuft nicht überall in den gefluteten Gebieten gleichermaßen positiv. Zudem ist auch sehr fraglich, ob sich jemals wieder die dem Feuchtgebiet angepasste Kultur der Ma'dan wiederbeleben lässt oder ob die Überlebenden überhaupt zu ihrem aquatischen Dasein zurückkehren möchten. Neue Dammbauprojekte – diesmal im Iran – hängen wie ein Damoklesschwert über dem zarten Aufkeimen neuer Marschen. Generell lässt aber das Wiederauferstehungspotenzial der Sümpfe einen Schluss zu: Eine Wiederkehr Edens ist möglich.

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