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Digitales Leben: Sind unsere Kinder glücklicher ohne soziale Medien, Jonathan Haidt?

Er ist der Denker hinter den Social-Media-Verboten für unter 16-Jährige. Hier begegnet er dem Vorwurf, dafür gebe es zu wenig Evidenz. Und sagt, was er Erwachsenen rät
Ein Kind hält ein modernes Smartphone mit beiden Händen und betrachtet den Bildschirm. Das Kind trägt ein Oberteil mit Herzmustern. Der Hintergrund ist unscharf und zeigt helle Farben.
Kinder sind fasziniert von Smartphones und sozialen Medien. Doch können sie wirklich damit umgehen?

Jonathan Haidt ist der wohl lauteste Social-Media-Kritiker der Welt. Der US-amerikanische Sozialpsychologe ist Professor an der renommierten NYU Stern School of Business. Sein 2024 erschienenes Buch »Generation Angst« über die Schäden, die Smartphones und soziale Medien bei Kindern anrichten, stand mehr als 100 Wochen auf der Bestsellerliste der »New York Times«. Darin forderte er schon 2024 ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 16 Jahren. Was damals nahezu aussichtslos klang, ist in Australien heute Gesetz. Viele andere Länder wollen folgen. Auch in Deutschland haben sich die beiden Regierungsparteien für ein Verbot ausgesprochen. 2026 hat Haidt einen neuen Ratgeber herausgebracht: »Generation Glücklich«. Das Buch, das er gemeinsam mit der US-Autorin Catherine Price verfasst hat, richtet sich speziell an Kinder und soll ihnen einen Weg in eine smartphonereduzierte und Social-Media-freie Jugend weisen. 

Dieses Interview basiert auf einem Gespräch für den »ZEIT«-Podcast »Nur eine Frage«. Die Auszüge wurden gekürzt, redigiert und teilweise umgestellt, um die Lesbarkeit zu verbessern. Alle Folgen sind auf www.zeit.de/n1f zu finden. Dort können Sie auch den N1F-Newsletter abonnieren. Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de.

Sind unsere Kinder ohne soziale Medien glücklicher, Jonathan Haidt?

Oh, das ist eine der leichtesten Fragen, die mir seit Langem gestellt wurden. Die Antwort ist sehr eindeutig: Ja!

Warum ist das so klar?

Wir wissen das aus vielen, vielen Quellen. Das Offensichtlichste ist: Mitglieder der Gen Z, die nach 1995 geboren …

… und die als Erste mit sozialen Medien aufgewachsen sind …

… hegen einen großen Groll. Sie wissen am besten, dass soziale Medien ihnen geschadet haben. Dass diese schlecht sind für ihre mentale Gesundheit und ihr Glück. Und Meta (der Konzern hinter den Social-Media-Plattformen Facebook und Instagram, Anm. d. Red.) weiß es am zweitbesten. Wir haben 35 interne Untersuchungen des Unternehmens zusammengetragen, aus Gerichtsakten und Veröffentlichungen der Ex-Meta-Mitarbeiterin Frances Haugen. Sie zeigen, dass dieses Unternehmen wusste, dass es Kindern mit seinen Produkten schadet. Also: Die Kinder, die es erlebt haben, wissen es; die Leute, die es erfunden haben, wissen es. Sie alle sagen: Es schadet Kindern.

Jeder würde das intuitiv sofort bestätigen. Aber in der Wissenschaft gibt es immer noch große Debatten genau über diese Frage. Wenn die Lage so eindeutig ist, warum finden sich keine harten Belege?

Es gibt doch Belege! Die Menschen, die sagen, es gebe keine Belege, liegen falsch. Sie sagen, dass es sich nur um Zusammenhänge handle, aber dass die noch keine Kausalität bewiesen.

Damit ist gemeint, man kann nicht sicher sagen, dass das eine zum anderen führt.

In Experimentenaber, in denen man Menschen bittet, sich für eine Woche von sozialen Medien zu verabschieden, sieht man, dass Depressionen und Angstzustände abnehmen. Es gibt zwar auch Studien mit anderen Ergebnissen, aber dort ist der Zeitraum des Verzichts kürzer. Manche Wissenschaftler sagen auch, die Zusammenhänge und der Effekt solcher Experimente seien winzig. Bei einem großen korrelativen Datensatz liegt die Pearson-Korrelation bei 0,1 oder 0,2, ungefähr in dieser Größenordnung.

Diese statistische Methode misst, wie stark der Zusammenhang zwischen zwei Merkmalen ist, etwa psychischer Gesundheit und Social-Media-Nutzung. 0,1 oder 0,2 sind nicht viel.

Die Kritiker vermuten, dass diese Varianz dem realen Leben entspricht. Aber die Daten haben eine große Unsicherheit. Wir fragen nur, wie viel Zeit jemand online verbringt und wie er seine Ängstlichkeit am Tag zuvor bewerten würde. Selbst wenn soziale Medien zu 100 Prozent toxisch wären, würden wir da nur einen kleinen Effekt finden, weil wir nur einen kleinen Ausschnitt dessen ansehen, was soziale Medien bewirken.

Wenn wir so ungenaue Daten haben, warum können Sie dann so genau sagen, dass soziale Medien starke Schäden verursachen?

Können wir zu 100 Prozent sicher sein? Es ist sehr schwer, bei irgendetwas zu 100 Prozent sicher zu sein. Wenn wir eine Million Kinder im Alter von acht Jahren mit sozialen Medien aufwachsen ließen und eine weitere Million Kinder bis zum Alter von 16 Jahren warten lassen, dann hätten wir ein besseres Verständnis. Aber das können wir nicht. Also müssen wir uns viele verschiedene Arten von Evidenz anschauen. »Ich möchte mein Kind nicht von Social Media fernhalten, bis wirklich klar ist, dass es schädlich ist.« Das ist der falsche Standard. Den würde man in einem Strafprozess fordern.

»Kinder sagen selbst, soziale Medien seien schädlich«

Auf welche Evidenz müssen wir dann schauen?

Für meinen Artikel im »World Happiness Report« haben wir sieben Evidenzpfade identifiziert. Der Tenor war eindeutig. Erstens sagen die Kinder laut Umfragen selbst, soziale Medien seien schädlich. Zweitens sagen Eltern, Lehrer, Trainer und Therapeuten, Social Media mache die Kinder ängstlich. Drittens sagen auch die Unternehmen, dass sie Schaden verursachen. Allein diese drei Argumentationslinien sollten genügen. Die ganze Forschung fokussiert sich auf Depressionen, Angststörungen und Wohlbefinden. Aber keiner bestreitet, dass zehn Millionen Kinder mit Nacktbildern online erpresst werden. Das wird in diesen Studien genauso wenig untersucht wie die Effekte von Onlinemobbing oder Drogen, die über soziale Medien verkauft werden und einen umbringen können.

Okay, machen wir eine Liste mit Schäden, die aus Ihrer Sicht von wissenschaftlicher Evidenz gedeckt sind.

Wir unterscheiden nach Kategorien. Die erste bezeichnet Schäden durch Verdrängung. Angenommen, ich würde Ihnen sagen, ich hätte ein Produkt, durch das Kinder weniger schlafen! Schlafen sie weniger, wirkt sich das im Schnitt auf ihre mentale Gesundheit aus.

Dafür gibt es tatsächlich sehr gute Evidenz.

Schlaf haben wir nun. Der durchschnittliche US-amerikanische Teenager verbringt fünf Stunden am Tag in sozialen Medien. In Deutschland ist die Zahl etwas geringer. Hinzu kommen drei bis fünf Stunden mit anderen Bildschirmaktivitäten. Was denken Sie über Bewegung und Sport? Wenn Kinder nicht mehr so viel herumrennen oder hinausgehen – kein Problem?

Jonathan Haidt | Jonathan Haidt ist ein US-amerikanischer Psychologe und Sozialpsychologe. Er ist Professor für Psychologie der Stern School of Business in New York City und Spezialist für Moral und Moralpsychologie.

Doch, das wäre ein Problem.

Schon wenn wir nur über Verdrängungseffekte sprechen würden, sollten wir uns also darauf einigen können: Soziale Medien sind eine Plage für Kinder. Schauen wir uns nun die direkten Wege an, wie soziale Medien Kindern ernsthaften Schaden zufügen. Es gibt Sextortion, also sexuelle Erpressung. Ein hübsches Mädchen scheint per Direktnachricht mit einem ahnungslosen Jungen zu flirten. Irgendwann schickt sie ihm ein Nacktbild, er schickt ein Nacktbild. Dann stellt sich heraus, es steckt kein hübsches Mädchen dahinter, sondern ein Erpresser: »Wenn du mir nicht 500 Dollar in der nächsten Stunde gibst, zeige ich das Bild all deinen Kontakten!« Das ist unglaublich traumatisierend.

Wie groß ist das Problem?

Allein Snapchat erhielt laut internen Dokumenten 10 000 Hinweise auf Sextortion – nicht im Jahr, im Monat. Wenn Sie mir sagen würden, dass Dutzende Kinder weltweit belästigt würden, würde ich sagen: Schrecklich, aber so ist es wohl. Aber wir reden von Abermillionen Kindern – und das nur auf Snapchat.

Was weiß man über Depressionen oder Angststörungen, die durch soziale Medien entstehen?

Das ist die dritte Kategorie: indirekte Effekte. In englischsprachigen Ländern waren die Zahlen der Angststörungen, Depressionen und Selbstverletzungen bei Mädchen (PDF) von den Neunzigern bis zum Jahr 2011/2012 relativ stabil. Dann schnellten sie in die Höhe, und zwar sehr stark, weil sich alle bei Instagram anmeldeten. Letztendlich ist das eine Seite, um sich sozial zu vergleichen. Sie zeigt Fotos, auf denen alle gut aussehen. Man selbst sieht aber nicht so gut aus. Für junge Mädchen ist das verheerend, für Jungen etwas weniger. Bei ihnen spielen Videospiele und Pornos eine größere Rolle.

Dass in dieser Zeit von 2010 bis 2015 Instagram groß wurde und US-Teenager auf Smartphones wechselten, sehen Sie als Erklärung für den Anstieg psychischer Probleme junger Menschen weltweit. Das ist ein anderer Punkt, den Wissenschaftler kritisieren: Könnten es nicht viele Faktoren zusammen gewesen sein, die zu diesem Anstieg geführt haben?

Gut, was könnte das sein?

»Den Anstieg psychischer Probleme konnte man in allen englischsprachigen Ländern, in Westeuropa und Skandinavien beobachten«

Die Klimakrise, die Nachwirkungen der Finanzkrise 2008, in Amerika die Opioidkrise und die Schulmassaker. Wenn man sich die Zahlen der Opioidtoten in den USA anschaut und sie neben den Anstieg psychischer Erkrankungen legt, dann passen die Kurven auch zusammen.

Das stimmt, da gibt es auch eine Korrelation. Aber den Anstieg psychischer Probleme konnte man in allen englischsprachigen Ländern, in Westeuropa und Skandinavien beobachten. Die Finanzkrise wiederum war schon 2008. Und Greta Thunberg hat erst 2018 mit ihren Schulstreiks gegen die Klimakrise begonnen. Was ist also überall gleichzeitig passiert? Meine These ist: Kinder sind in der wirklichen Welt groß geworden, solange sie keine Smartphones hatten.

Studien zeigen, dass Menschen durch ständige Gespräche über psychische Erkrankungen – besonders in sozialen Medien – eher glauben, selbst davon betroffen zu sein. Kann das nicht auch eine Rolle spielen?

Es kann schon sein, dass soziale Medien Kinder dazu verleiten, sich zu überdiagnostizieren. Man ist nervös wegen eines Tests und glaubt gleich, man habe eine Angststörung. Aber die Einweisungen von Kindern, die sich selbst verletzen, gehen eben auch hoch. Das zeigen Daten der US-Gesundheitsbehörde CDC. Die Einweisungen waren stabil bis Anfang der 2000er. 2010 schossen sie dann bei jungen Mädchen hoch.

»Jetzt fungiert es wie ein Schutzschild gegen jegliche Haftung«

Von 100 000 Mädchen im Alter von 10 und 14 Jahren kamen im Jahr 2004 wegen Selbstverletzungen rund 200 in eine Notaufnahme. 2020 waren es mehr als 400. Reicht das für diese starke These?

Eine Verdopplung der Mädchen, die sich selbst verletzen? Ein Anstieg von 100 Prozent? Das halte ich für sehr ernst. Stellen Sie sich das bei irgendeinem anderen Produkt vor. Eis, Fahrräder, Walkie-Talkies. In Amerika würden die jeweiligen Firmen verklagt werden. Normalerweise könnte man sein Produkt nicht einfach weitervertreiben. Außer man ist ein Social-Media-Unternehmen. Denn für die hat der US-Kongress 1996 den Paragraf 230 beschlossen, ein Gesetz, das sie nicht verantwortlich für die Inhalte macht, die Nutzer posten. Die Idee war damals, das Internet wachsen zu lassen. Aber jetzt fungiert es wie ein Schutzschild gegen jegliche Haftung.

Als ich aufgewachsen bin, hatten wir kleine Heimcomputer und konnten damit programmieren. Dann kam das Internet, und ich war ein glücklicheres Kind.

Das war fantastisch! Das war bei mir genauso.

Es dauerte Jahrzehnte, bis ich mir eingestehen konnte, dass es heute ein Problem mit sozialen Medien gibt. Warum sind diese positiven Effekte der Anfangszeit verschwunden?

Zwei Entwicklungen trugen dazu bei: Portabilität und das Geschäftsmodell. Sie und ich, wir mussten uns noch an einen Computer setzen, um das Internet zu nutzen. Man konnte ihn nicht zwölf Stunden am Tag verwenden. Also manche schon …

»Deswegen ist 2012 so zentral, weil alles auf das Smartphone wanderte«

… aber die hatten auch echte Probleme.

Man konnte seinen Computer und seinen Fernseher nicht überallhin mitnehmen. Sie haben in der Schule noch mit Ihren Freunden geredet, Sie dachten nicht den ganzen Tag an den Computer. Deswegen ist 2012 so zentral, weil alles auf das Smartphone wanderte und das wiederum überall mit hinwanderte. Das meine ich mit Portabilität.

Um diese Zeit begannen auch große Plattformen wie Facebook mit der Monetarisierung: Sie machten die Daten ihrer Nutzer zu Geld. Was hat das verändert?

Das frühe Internet war wunderbar. Ich erinnere mich, wie ich um 1994 mit einem Freund sprach, der Geschäftsmann war. Er sagte: »Es muss einen Weg geben, um im Internet Geld zu verdienen.« Und ich sagte: »Nein, das ist das Schöne am Internet: Menschen teilen Dinge umsonst. Dafür kann man kein Geld verlangen.« Dieses Internet hat Menschen verbunden. Was dann passierte: Verschlimmscheißerung.

Den Begriff hat der Internetvordenker Cory Doctorow geprägt. Er beschreibt damit vereinfacht gesagt, dass digitale Produkte immer schlechter werden, weil sie nicht mehr für Menschen, sondern für Werbekunden gemacht sind.

Die großen Techfirmen verstanden, dass sie vor allen anderen sehr schnell sehr groß werden mussten und sie dafür sehr, sehr anziehend für Menschen sein mussten. Und sie nutzten alle Tricks, um sie in ihre Netzwerke hineinzuziehen. Wenn jemand einmal da ist, gibt es einen Lock-in-Effekt. Junge Mädchen erzählen mir, dass es ihnen schlecht geht mit sozialen Medien, dass sie sie aber nicht verlassen, weil sie sich nicht ausgeschlossen fühlen wollen. Und weil keiner geht, können die Firmen die Nutzer ausquetschen und Geld von Werbekunden bekommen.

»Plötzlich hört man wieder Lachen auf den Fluren«

Ihr Buch »Generation Angst« hat ganze Länder dazu gebracht, ihre Gesetzgebung zu sozialen Medien und Smartphones zu überdenken. Sind Sie zufrieden mit den Maßnahmen, die beschlossen wurden?

Ich bin absolut begeistert! Handyfreie Schulen setzen sich durch. Es geht nicht darum, Smartphones nur im Unterricht auszuschalten. Denn wenn Kinder abhängig von etwas sind, sollte man ihnen nicht achtmal am Tag Zugang zu dieser süchtig machenden Substanz zwischen Unterrichtsstunden geben. Wunder geschehen, wenn die Kinder morgens ihr Handy in der Schule abgeben und es erst nachmittags abholen können. Plötzlich hört man wieder Lachen auf den Fluren.

Australien hat Ende 2025 soziale Medien für unter 16-Jährige verboten, weltweit wollen Staaten folgen. Auch das hatten Sie gefordert. Wie steht es damit?

Das Wichtigste ist: Es war kein Problem, dieses Verbot umzusetzen. Ich hatte Sorge, dass viele Heranwachsende ab 16 Jahren hinausgeworfen würden, weil die Plattformen nun das Alter überprüfen müssen und dabei Fehler machen. Aber das ist nicht passiert. Die Unternehmen haben das Gesetz umgesetzt, was fantastisch ist. Und der Himmel ist uns nicht auf den Kopf gefallen. Das ist auch fantastisch. Zugegeben, die Technologie ist noch recht unreif. Kinder können sie umgehen. In Australien wurden anfangs auch mehr VPN heruntergeladen …

… das sind technische Mittel, mit denen man seinen Standort verschleiern kann.

Aber ein Wissenschaftler, der das Verbot untersucht, hat mir erzählt, dass die Zahlen schnell wieder heruntergegangen sind. Und wir sind noch am Anfang. Wenn die Technologie erst richtig gut ist, werden die Kinder auch wieder mehr hinausgehen. Und vielleicht angeln gehen. In Australien jedenfalls steigt gerade der Anteil der Jungs, die das machen.

Ein EU-Gesetz hat Instagram, TikTok, Roblox und Snapchat im Jahr 2024 zu mehr Sicherheit für Kinder gezwungen. Konten von Jugendlichen sind jetzt oft standardmäßig auf privat gestellt. Kinder können nicht mehr so leicht von Fremden kontaktiert werden. Wenn Regulierung doch wirkt – warum ein Verbot?

Wir haben doch gerade über Verdrängungseffekte gesprochen. Selbst wenn man all diese Probleme löst, wenn keine Fremden mehr Kinder kontaktieren, sie nicht sexuell ausgebeutet werden und keine Drogen über die Plattformen verkauft werden, verbringen Heranwachsende dort immer noch fünf Stunden und schlafen nicht genug.

Man könnte die Plattformen mit Regulierung sehr viel langweiliger machen, etwa chronologische Timelines verpflichtend einführen oder die Likes für Teenager ausblenden.

Ich hoffe, dass das gemacht wird! 17- und 18-Jährige brauchen auch Schutz. Aber selbst wenn wir die Plattformen weniger attraktiv machen und die Nutzungszeit von fünf auf drei Stunden sinkt, sind immer noch viele Kinder sieben Stunden am Tag online. Wir können keine zeitlichen Grenzen festlegen, jedenfalls nicht in demokratischen Ländern. Und ich sehe ja auch einige Vorteile für Erwachsene. Aber mir hat noch niemand überzeugend dargelegt, warum eine Elfjährige besser dran sein sollte, wenn sie Nachrichten mit Freundinnen hin- und herschickt, anstatt sich mit ihnen zu treffen und zu quatschen.

Was würden Sie unserer Bundesregierung raten?

Eine Umfrage in Deutschland zeigt, dass mehr als 80 Prozent der Erwachsenen ein Social-Media-Verbot befürworten. Bei den Kindern sind 47 Prozent dafür und 42 Prozent dagegen. Selbst viele Kinder wollen ein Verbot! Wir lernen auch gerade, dass Computer in Klassenzimmern eine schlechte Idee waren. Wenn Ihnen die Bildung deutscher Kinder am Herzen liegt, schaffen Sie die Computer aus den Schulen! Die haben dort nichts verloren. Wissen Sie, viele der Leute, die diese Technologie erfunden haben, schicken ihre eigenen Kinder auf Waldorfschulen – weil es dort keine Computer gibt.

Alle haben gesagt, die Digitalisierung der Klassenzimmer sei die Zukunft. Und Sie wollen nun, dass wir zum Stift zurückkehren?

Menschen haben Kindern früher auch Opioide gegeben, um sie zu beruhigen. Das war auch mal die Zukunft. Bis sie es nicht mehr war. In den USA hatten Fünf- oder Sechsjährige schon im Kindergarten Chromebooks auf ihren Tischen. Das wird jetzt zurückgedreht. Länder wie Schweden und Norwegen haben diese Geräte mit als Erstes im Unterricht eingesetzt. Selbst die rudern jetzt zurück.

Keine KI-Freunde für Kinder!

Haben Sie auch Empfehlungen für den Einsatz künstlicher Intelligenz?

Keine KI-Freunde für Kinder! Menschen brauchen echte Beziehungen. Soziale Medien haben diese Beziehungen schon teilweise für Heranwachsende zerstört. Und jetzt wird künstliche Intelligenz in Teddybären und Puppen gesteckt. Diese Technologie ist immer ansprechbar, reagiert immer. Kinder bauen Bindungen zu künstlicher Intelligenz auf, weil sie immer da ist. Man kann Chatbots auch dazu bringen, über Sex zu reden – mit Kleinkindern. Und mit Character AI kann man sich die perfekte KI-Freundin basteln. Maße, Aussehen, Stimme, Persönlichkeit. Meine Empfehlung ist: einfach nein! Kinder müssen in der wirklichen Welt aufwachsen. Reden, lachen, spielen. Das muss man erhalten.

Wir Erwachsene leiden ja in vielerlei Hinsicht auch. Was raten Sie uns?

Wir haben alle das Gefühl, wir können uns nicht fokussieren. Aber es gibt einen Grund, warum ich mich für Kinder einsetze und nicht für Erwachsene. Das Gehirn von Kindern entwickelt sich noch. Bei Erwachsenen mache ich mir keine so großen Sorgen. Sie haben schon gelernt, sich zu konzentrieren, und sich nur danach ein schlechtes Verhalten angeeignet. Werfen Sie die Apps von Ihrem Smartphone, die wie Spielautomaten für Sie funktionieren. Wenn Sie sie brauchen, nutzen Sie sie am Computer. Das ist mein wichtigster Rat.

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