Direkt zum Inhalt

Dioxin-Katastrophe: Die Lehren aus dem Chemieunfall von Seveso

Bei einem Chemieunfall im Jahr 1976 ging Dioxin über der italienischen Stadt Seveso nieder. Neben den gesundheitlichen Folgen, die bis heute untersucht werden, löste die Katastrophe eine Verschärfung der Chemikalienvorschriften aus und einte Umweltaktivisten.
Vier Personen in Schutzanzügen und Gasmasken gehen auf einer Straße. Die Szene wirkt ernst und könnte auf eine Gefahrensituation hinweisen. Die Umgebung ist bewaldet und der Hintergrund unscharf. Die Schutzkleidung umfasst Ganzkörperanzüge, Handschuhe und Stiefel.
Entseuchungstrupp nach dem Unglück bei Seveso im Jahr 1976.

Am frühen Nachmittag des 10. Juli 1976 ereignete sich in einer kleinen Chemiefabrik rund 20 Kilometer nördlich von Mailand eine Katastrophe historischen Ausmaßes. Eine Lokalzeitung fasste das Unglück ein paar Tage später folgendermaßen zusammen: »Un forte boato a mezzogiorno, e poi s’alzo il bianco vapore.« Übersetzt bedeutet das so viel wie: »Ein lauter Knall um die Mittagszeit, dann stieg weißer Dampf auf.« Diese weiße Wolke breitete sich von Meda, dem Standort des Chemiewerks, in südliche Richtung aus, zog über Ortschaften wie Cesano Maderno und Desio hinweg und erreichte schließlich die Stadt, deren Name untrennbar mit dem Unglück verbunden ist: Seveso.

Der Dampf verbreitete einen beißenden Geruch in der Luft. Doch die Bewohner des Gebiets, das sich zunehmend industrialisiert hatte, waren an starke Gerüche aus den nahe gelegenen Fabriken gewöhnt. So schrieb der US-Biologe und Umweltaktivist Barry Commoner nach seinem Besuch: »Eine Weile geschah nicht viel. Die Menschen arbeiteten wie gewohnt in den örtlichen Möbelfabriken; sie pflegten ihre kleinen Obstgärten und Gemüsebeete und ernteten reife Tomaten und anderes Gemüse; die Molkereien lieferten weiterhin Milch; Jugendliche spielten Fußball auf den Feldern des Sportzentrums, das direkt im Windschatten der Chemiefabrik lag, und schwammen im Freibad. Das Leben innerhalb der Mauern des nahe gelegenen Priesterseminars ging seinen gewohnten Gang.«

Erst mehrere Tage später erreichten erste Warnungen die Anwohner, sie sollten sich drinnen aufhalten und kein selbst angebautes Obst und Gemüse mehr verzehren. Fast eineinhalb Wochen vergingen, bis öffentlich bekannt wurde, dass die Wolke über Seveso einen hochgiftigen Schadstoff enthielt: 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin – kurz TCDD oder einfach Dioxin.

Die Katastrophe von Seveso markierte einen Wendepunkt in der Wahrnehmung von chemischen Anlagen, weil sie die Ängste vieler Menschen in den wachsenden Industriegebieten Europas in den Fokus rückte. Der Unfall traumatisierte die lokale Bevölkerung und verursachte Gesundheitsschäden, die auch 50 Jahre später noch nicht vollständig erforscht sind. Zugleich löste das Ereignis europaweite Umweltkampagnen aus und führte schließlich dazu, dass das internationale Chemikalienrecht verschärft wurde.

Der Unfall

Das Chemiewerk Icmesa gehörte zum Schweizer Kosmetikunternehmen Givaudan, das wiederum eine Tochtergesellschaft des Gesundheitskonzerns Hoffmann-La Roche war. Die Fabrik in Meda stellte eine Zwischenverbindung namens 2,4,5-Trichlorphenol her. Diese wurde anschließend zu dem bakteriziden Wirkstoff Hexachlorophen verarbeitet, der in Handdesinfektionsmitteln zum Einsatz kam. Aus zwei Molekülen Trichlorphenol kann sich bei hohen Temperaturen allerdings Tetrachlordibenzodioxin bilden.

Kurz nach dem Unfall von Seveso reiste der Toxikologe Alastair Hay von der britischen University of Leeds – damals noch am Anfang seiner wissenschaftlichen Laufbahn – nach Italien, um für das Wissenschaftsmagazin »Nature« über die Katastrophe und ihre Folgen zu berichten. Der Experte für Chemiewaffen erhielt exklusiven Zugang zum Untersuchungsteam von Givaudan, das versuchte, den Ablauf des Unglücks in der Fabrik zu rekonstruieren. Später verfasste Hay ein Buch, in dem er die Ereignisse von Seveso ausführlich analysierte.

Bildung von Dioxin |

In einer Nebenreaktion entstand in einem Reaktor der Chemiefirma Icmesa unbeabsichtigt 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin, kurz TCDD oder einfach Dioxin. Die Substanz bildete sich aus 2,4,5-Trichlorphenol, einem Zwischenprodukt bei der Herstellung eines Pestizids.

Das Ergebnis der Untersuchungen: Sechseinhalb Stunden vor der Explosion bereiteten Techniker die Icmesa-Anlage für das Wochenende vor. In diesem Moment fiel die folgenschwere Entscheidung, den 10 000-Liter-Reaktor für Trichlorphenol herunterzufahren. Die Heizquelle wurde ausgeschaltet, ebenso der Rührmechanismus für den Reaktorinhalt. Normalerweise würde man zu diesem Zeitpunkt mehrere Tausend Liter Wasser in das Gefäß geben, um die Reaktion zu stoppen. Doch diesmal geschah das nicht.

»Der Chemiker, den Givaudan mit der Untersuchung des Vorfalls beauftragte, berichtete, er habe in seinen Laborversuchen festgestellt, dass an der Oberfläche des Reaktionsgemisches eine exotherme Reaktion stattgefunden habe. Dadurch stieg die Temperatur, Druck baute sich auf, und schließlich wurde der Inhalt in die Umgebung freigesetzt«, erklärt Hay.

Da das Gemisch im Reaktor nicht gerührt wurde, stieg die Temperatur der obersten Schicht durch die Wärmestrahlung, die von den Gefäßwänden reflektiert wurde, auf etwa 220 Grad Celsius an. Bei dieser Temperatur setzte eine exotherme Reaktion ein, die Temperatur und Druck im Reaktor weiter steigen ließ. Um 12:37 Uhr öffnete sich ein Sicherheitsventil. Sechs Tonnen des Reaktorinhalts wurden in die Luft geschleudert.

Unglücksreaktor |

Fachleute untersuchen den Reaktor in der Icmesa-Fabrik, aus dem Dioxin freigesetzt wurde. 

Die Wolke enthielt eine Mischung chlorierter aromatischer Verbindungen. Wie viel Dioxin genau freigesetzt wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen: Die Schätzungen reichten damals von 250 Gramm bis zu 130 Kilogramm, doch neuere Berechnungen liegen eher im Bereich von 15 bis 30 Kilogramm.

»Lassen Sie alles zurück und laufen Sie davon«

Innerhalb weniger Tage nach dem Unfall verwelkten Pflanzen. Vögel und kleine Säugetiere in der Umgebung begannen zu sterben. Bis zum Ende des Monats waren 3300 Tiere verendet, weitere knapp 78 000 wurden aus Sorge vor Kontamination getötet. Hunderte Menschen, vor allem Kinder, entwickelten Chlorakne. Bei dieser Hauterkrankung bilden sich Mitesser und Schwellungen, häufig im Gesicht und am Hals. Chlorakne ist ein typisches Anzeichen für eine Belastung mit Dioxinen und verwandten halogenierten aromatischen Verbindungen. »Die Verletzungen, die die Kinder erlitten, traten relativ schnell auf, weil sich einige von ihnen zum Zeitpunkt des Unfalls draußen aufhielten. Dort kamen sie mit dem Dampf sowie dem Kondensat aus dem Reaktor in Kontakt«, erzählt Hay.

Doch Informationen über das genaue Ausmaß der Kontamination kamen nur langsam ans Licht. Ein Mitarbeiter des Icmesa-Werks berichtete später der »New York Times«, es habe volle fünf Tage gedauert, bis das Personal angewiesen wurde, vor Verlassen der Arbeitsstätte zu duschen. »Derweil hatten wir alle die abgestorbenen Bäume gesehen, die Kinder mit den roten Verbrennungen, die toten Vögel und Kaninchen.« Schließlich traten die Mitarbeiter in den Streik, da sie das Gefühl hatten, über die potenziellen Gefahren auf dem Gelände im Dunkeln gelassen zu werden.

Erst am 16. Juli 1976 entdeckten die Labormitarbeiter von Givaudan in der Schweiz erstmals Dioxin in Proben, die aus der Seveso-Anlage und der Umgebung eingeschickt worden waren. Weitere acht Tage vergingen, bis diese Beweise sowie zusätzliche Analysen der Gesundheitsbehörden zeigten, dass die Dioxinbelastung so hoch war, dass die Anwohner evakuiert werden mussten.

Das Gebiet wurde entsprechend den Dioxinkonzentrationen im Boden in drei Zonen eingeteilt. Die etwa einen Quadratkilometer große Zone A mit rund 750 Einwohnern war am stärksten betroffen, dort fanden sich mehr als 50 Mikrogramm Dioxin pro Quadratmeter im Boden. In Zone B, der am zweithöchsten kontaminierten Fläche, sowie in der größeren Zone R lebten weitere 37 000 Menschen.

Probennahme rund um Seveso |

Spezialisten in Schutzanzügen entnehmen Gewächs- und Bodenproben in der Umgebung von Seveso, um sie auf giftige Rückstände zu untersuchen. 

Erst am 25. Juli – mehr als zwei Wochen nach dem Unfall – wurde die Evakuierung der am stärksten belasteten Zone angeordnet. Die Schlagzeile in der Mailänder Zeitung »Corriere D’Informazione« war eindeutig: »Chiudi casa, lascia tutto e scappa via« – »Schließen Sie Ihr Haus ab, lassen Sie alles zurück und fliehen Sie«. Zunächst wurden rund 200 Bewohner aus Zone A aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen, der Rest folgte bis zum 2. August. Die am stärksten kontaminierten Bereiche wurden mit Stacheldrahtzäunen abgesperrt, nur befugtes Personal in vollständiger Schutzkleidung durfte das Gelände betreten.

Die Bewohner der Zonen B und R wurden angewiesen, keine vor Ort angebauten Lebensmittel zu essen, evakuiert wurden sie aber nicht. Schwangere Frauen und kleine Kinder wurden unter der Woche aus Zone B weggebracht.

Die gesundheitlichen Langzeitfolgen von Seveso

Der Seveso-Unfall brachte insbesondere schwangere Frauen in eine unvorstellbar schwierige Lage. Zwar war bekannt, dass Dioxin bei Versuchstieren Entwicklungsstörungen verursachen kann, doch über die Auswirkungen auf ungeborene Kinder wusste man nur wenig.

Obwohl Abtreibungen damals in Italien verboten waren, verabschiedete der Gesundheitsrat der Lombardei am 2. August eine Resolution, die für Frauen aus Seveso im Einzelfall Ausnahmen erlaubte. Dennoch übten Kirche, Politik, Medien und sogar medizinisches Personal enormen Druck aus, die Schwangerschaften auszutragen. Von mindestens 26 Frauen weiß man, dass sie ihre Schwangerschaften beenden ließen; es ist jedoch davon auszugehen, dass weitere Frauen ins Ausland reisten oder Abtreibungen ohne Wissen der Behörden vornehmen ließen. In den sechs Jahren nach dem Unfall wurden mehr als 21 000 Schwangerschaften in Seveso gesundheitlich überwacht. Entgegen der Befürchtungen zeigte sich: Die Neugeborenen hatten weder ein verändertes Geburtsgewicht noch traten bei Kindern von Frauen aus der Zone A größere Fehlbildungen auf.

Die gesundheitlichen Folgen für die Bewohner von Seveso wurden in den Jahrzehnten nach der Katastrophe und werden bis heute weiter untersucht. Einen Großteil dieser Forschung leitete Paolo Mocarelli. Er war zum Zeitpunkt des Unfalls als Wissenschaftler in einem Krankenhaus in Desio tätig. Sein Team analysierte Blutproben, um Gesundheitsparameter wie Leber- und Nierenfunktion zu überprüfen.

Unmittelbar nach der Katastrophe sammelte Mocarelli mit seinem Team Blutproben von 30 000 Seveso-Einwohnern und lagerte sie ein. Brenda Eskenazi, Epidemiologin und Expertin für chemische Belastungen an der University of California in Berkeley, bezeichnet Mocarellis Entscheidung, diese Proben aufzuheben, als »eine der brillantesten Maßnahmen, die je ein Wissenschaftler ergriffen hat«.

»Die Provinz Lombardei stand vor einer Katastrophe, und die Menschen dort fragten sich, was sie tun sollten«, erzählt sie. »Mocarelli organisierte daraufhin, dass von Tausenden Bewohnerinnen und Bewohnern Blutproben genommen wurden.« Eskenazi betont, dass damals weder bekannt war, welcher Stoff die Menschen in Seveso genau belastet hatte, noch, wie sich dieser im Körper nachweisen ließ. »Würde man ihn im Urin finden? Im Plasma? Oder im Vollblut? Das war alles unklar«, erklärt sie. »Mocarelli handelte wie ein guter klinischer Chemiker: Er sammelte Blutproben und bewahrte sie auf.«

»Damals wusste man, dass kein Labor der Welt Dioxin in menschlichen Blutproben bestimmen konnte«Paolo Mocarelli, klinischer Chemiker

Mocarelli erinnert sich noch gut: »Ich wurde am Sonntag, 25. Juli, hinzugezogen, und wir begannen am Montag, 26. Juli, mit der Blutentnahme«, sagt er. »An dem Tag wurden 230 Menschen aus den am stärksten belasteten Gebieten evakuiert. Damals wusste man, dass kein Labor der Welt Dioxin in menschlichen Blutproben bestimmen konnte. Deshalb entschied ich mich, von jeder Blutentnahme eine kleine Probe aufzubewahren – für den Fall, dass die Messung eines Tages möglich würde, wenn Wissenschaft und Technik weiter wären.«

Wie Mocarelli erzählt, richteten regionale und nationale Behörden nach dem Vorfall verschiedene Fachgruppen ein, um klinische, dermatologische, pädiatrische, gynäkologische und laborchemische Untersuchungen anzubieten. Diese Leistungen standen allen Bewohnern der Zonen A, B und R kostenlos zur Verfügung. Außerdem wurde ein Krebsregister eingerichtet, in dem etwa 250 000 Einwohner erfasst wurden. Das Monitoringsystem lief bis 1984, danach folgten bis 2014 mehrere gezielte Nachsorgeprogramme.

Dioxin im Blut war damals »sehr schwer zu messen«, berichtet Brenda Eskenazi, denn es komme dort nur in sehr niedrigen Konzentrationen vor. »Normalerweise messen wir Substanzen in Teilen pro Million. Dioxin aber wird in Teilen pro Billion gemessen«, sagt die Wissenschaftlerin. »Man braucht also extrem empfindliche Geräte und eine sehr sorgfältige Probenaufbereitung, um es beim Menschen nachweisen zu können. Das war erst in den 1980er-Jahren möglich.«

Dioxin wirkt subtil

Als Dioxin endlich in derart niedrigen Konzentrationen messbar wurde, erwies sich Mocarellis Entscheidung, die Blutproben aufzubewahren, als wegweisend. So konnten Forschende die gesundheitlichen Folgen genauer den tatsächlichen Dioxinmengen zuordnen, mit denen die Menschen in Kontakt gekommen waren – und sich nicht nur auf indirekte Schätzungen beziehen, die auf Bodenmessungen in der Nähe der Wohnorte basierten. Spätere Analysen zeigten, dass unter den Anwohnern selbst direkte Nachbarn mitunter stark unterschiedliche Dioxinkonzentrationen im Blut hatten.

Von 1987 an analysierte Mocarelli mit Unterstützung der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention sowie zusammen mit anderen Wissenschaftlern mehr als 3000 Proben auf Dioxin. Mitte der 1990er-Jahre startete Eskenazi eine Langzeitstudie, in der sie untersuchte, wie sich die Dioxinbelastung auf etwa 1000 Bewohnerinnen von Seveso ausgewirkt hatte. Die Seveso Women’s Health Study (SWHS) verglich die Dioxinexpositionswerte, die anhand der von Mocarelli gesammelten Blutproben bestimmt wurden, mit medizinischen Unterlagen und Interviews der Teilnehmerinnen. Im Lauf der Jahre zeigten sich verschiedene Effekte, beispielsweise traten bestimmte Krebsarten sowie diverse hormonelle Störungen häufiger auf. Die Fruchtbarkeit sowohl von Männern als auch von Frauen war negativ beeinflusst.

Untersuchung von Kindern |

Ein Arzt untersucht Kinder, die infolge des Chemieunfalls bei Seveso Ekzeme entwickelten hatten.

»Wir entdeckten subtile Effekte von Dioxin, etwa eine Überzahl weiblicher Geburten bei belasteten Vätern, Veränderungen des Hormonhaushalts, die bei manchen Menschen die Samenqualität verminderten, sowie eine kurzfristige Veränderung des Menstruationszyklus – allerdings nur, wenn die Belastung mit Dioxin im Säuglingsalter stattgefunden hatte, einer besonders sensiblen Phase«, erklärt Mocarelli.

Dennoch seien die gesundheitlichen Folgen für die Bewohner von Seveso insgesamt deutlich schwächer ausgefallen als zunächst befürchtet, erklärt Mocarelli. »Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Dioxin bei Menschen glücklicherweise viel weniger giftig ist als bei Versuchstieren«, sagt er. »Damals lag die Hintergrundbelastung im Blutserum von Erwachsenen in der Region Mailand und anderen Industriestädten bei etwa 15 bis 20 ppt.« In Seveso hatten einige exponierte Personen Werte von bis zu 56 000 ppt (Teile pro Billion), ohne dass es bei ihnen zu nennenswerten klinischen Problemen kam – abgesehen von einigen Chlorakne-Fällen.

Eskenazi wollte ihre Langzeitstudie mit modernen Methoden zur Analyse epigenetischer Veränderungen in der Seveso-Kohorte fortsetzen und hatte gehofft, auch die potenziellen gesundheitlichen Folgen für die zweite Generation – also Kinder von Eltern, die dem Gift in Seveso ausgesetzt waren – weiter zu erforschen. Die Studie wurde jedoch 2025 eingestellt, da die US National Institutes of Health, die das Projekt zuvor unterstützt hatten, keine weiteren Mittel bereitstellten.

Strengere Regeln für Chemiebetriebe

Der Unfall von Seveso erregte besondere Aufmerksamkeit, weil er sich in unmittelbarer Nähe zu einer bedeutenden und vergleichsweise wohlhabenden europäischen Stadt ereignete. Die Empörung, die folgte, war riesig. So trug die Katastrophe maßgeblich zur Entwicklung der Umweltbewegung bei – und sie veränderte die Gesetze für die chemische Industrie in Europa grundlegend.

»Der Seveso-Unfall war ein entscheidender Auslöser für einen tiefgreifenden Wandel im Verhältnis zwischen Industrie und Umwelt«, sagt Mocarelli. »Nichts blieb, wie es war.«

1982 verabschiedete die Europäische Union die Seveso-Richtlinie. Sie sollte die Sicherheit von Industrieanlagen verbessern, in denen große Mengen gefährlicher Chemikalien gelagert werden. Sie wurde später durch die Seveso-II- und Seveso-III-Richtlinien ersetzt.

»Im Kern handelte es sich um ein Gesetz, das nicht nur die Anlagen selbst, sondern auch die Menschen in ihrer Umgebung sowie die Umwelt vor den Gefahren schwerer Unfälle schützen sollte«, erläutert Koen van Zon, Politikhistoriker an der Radboud-Universität in den Niederlanden. Wie er erklärt, verlangten die Richtlinien von Anlagenbetreibern, Vorsorgemaßnahmen gegen Unfälle zu treffen und sicherzustellen, dass die Anwohner jederzeit über mögliche Risiken und Verhaltensregeln im Notfall informiert sind.

Laut van Zon trug die Seveso-Katastrophe dazu bei, die aufkeimende Umweltbewegung in Europa zu stärken. Der damals populäre Slogan »Seveso ist überall« verlieh der Unsicherheit vieler Menschen Ausdruck, die befürchteten, ähnliche Gefahren könnten auch in ihrer Nähe lauern.

Das langlebige Vermächtnis der Katastrophe

Wie van Zon berichtet, schaukelte sich die Stimmung 1983 auf, als ein Skandal bekannt wurde: Hoffmann-La Roche hatte 41 Fässer mit dioxinbelastetem Abfall aus der Icmesa-Anlage aus den Augen verloren. Das Material tauchte schließlich in einem stillgelegten Schlachthof in Nordfrankreich wieder auf, nachdem es über mehrere Subunternehmer weitergereicht worden war, die mit dessen Verbrennung beauftragt waren. Es folgte ein Boykott von Hoffmann-La-Roche-Produkten, getragen von »einer neuen, paneuropäischen Allianz von Verbrauchern und Umweltschützern«, erzählt von Zon, angeführt von der französischen Verbraucherorganisation Union Fédérale des Consommateurs – Que Choisir.

»Umweltorganisationen übten auch davor schon Kritik am Konsumverhalten und am modernen Kapitalismus, Verbraucherorganisationen taten dies deutlich weniger«, so van Zon. »Am Fall von Seveso sieht man, wie sie sich zusammenschlossen, um das Vorgehen dieses multinationalen Konzerns im Umgang mit den Folgen der Katastrophe anzuprangern.« Es sei längst um mehr als einen großen Umweltskandal gegangen: »Es ging um die Verantwortung multinationaler Konzerne sowie um den Zugang der Bürger zu Informationen über Umwelt- und andere Risiken. All das kam in diesem Fall zusammen.« Die vielen verschiedenen Ebenen, auf denen sich die Menschen mit den Opfern identifizierten, hätten die Katastrophe zu einem sehr starken, symbolträchtigen Ereignis gemacht.

Verschwundene Fässer |

Die Seveso-Katastrophe zog Jahre später einen Giftmüll-Skandal nach sich: Hoffmann-La Roche hatte 41 Fässer mit dioxinbelastetem Abfall aus der Icmesa-Anlage aus den Augen verloren. Das Material tauchte schließlich am 19. Mai 1983 in einem stillgelegten Schlachthof in Nordfrankreich wieder auf, nachdem es über mehrere Subunternehmer weitergereicht worden war, die mit dessen Verbrennung beauftragt waren. 

Als die kontaminierte Icmesa-Anlage im Jahr 1982 zurückgebaut wurde, trugen die Einsatzkräfte Schutzanzüge und arbeiteten in strengen Zweistunden-Schichten. Auch die Häuser in unmittelbarer Nähe der Zone A wurden abgerissen. Den ursprünglichen Plan, den Schutt zusammen mit mehreren Zentimetern Oberboden zu verbrennen, lehnten die Einwohner der Stadt Seveso ab, da sie weitere Umweltschäden befürchteten. Stattdessen wurden die gesamten 500 000 Tonnen Material in zwei riesigen Betonstrukturen unterirdisch eingelagert. Darüber wurde frische Erde aufgetragen, Bäume wurden gepflanzt. 1996, 20 Jahre nach dem Unfall, eröffnete auf dem Gelände der Zone A der Park »Seveso Oak Forest«. Die Dioxinbelastungen lagen dort inzwischen deutlich unter dem erwarteten Hintergrundwert.

Der Park erinnert heute als bleibendes Mahnmal an das Unglück, das sich dort vor einem halben Jahrhundert ereignet hat. Für Mocarelli transportiert er eine wichtige Lehre zum Schutz der Natur in einer Zeit, in der der Mensch seine Umwelt durch Pestizide, Chemikalien und exzessiven Energieverbrauch mit beispielloser Geschwindigkeit verändert. Den Entschluss der Bevölkerung, die Kontrolle über das verbleibende Dioxin zu behalten und an dem vormals kontaminierten Ort etwas Schönes entstehen zu lassen, bezeichnet er als hoffnungsvollen Schritt. »In dem ehemals verseuchten Gebiet ist ein großartiger Park entstanden«, sagt er und ergänzt: »Seveso ist immer noch eine schöne Stadt.«

Dioxin in der Umwelt

Beim Seveso-Unglück kamen nicht das erste Mal Menschen mit Dioxin in Kontakt. Dioxinbelastetes Trichlorphenol, das auf ähnliche Weise hergestellt wurde wie das Material in der Icmesa-Anlage, diente unter anderem zur Produktion von Agent Orange – dem Entlaubungsmittel, das die Briten in den 1950er-Jahren in Malaysia und später die USA im Vietnamkrieg einsetzten.

Bemerkenswerterweise gab es in den drei Jahrzehnten vor dem Seveso-Unfall in fast allen Anlagen, die Trichlorphenol herstellten – darunter an Standorten in den USA, Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien –, mindestens einen schweren Zwischenfall, bei dem Arbeiter und Anwohner mit Dioxin belastet wurden.

Untersuchungen zur Dioxinbelastung zeigen, dass die Substanz krebserregend ist und weitere Gesundheitsschäden verursacht. Außerdem ist der organische Schadstoff äußerst stabil, löst sich weder in Wasser noch in Fetten und wird deshalb nur sehr langsam in der Umwelt abgebaut.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

  • Quellen

Assennato, G. et al., American Journal of Industrial Medicine 10.1002/ajim.4700160203, 1989

Eskenazi, B. et al., Environment International 10.1016/j.envint.2018.08051, 2018

Hay, A., The Chemical Scythe 10.1007/978–1-4899–0339–6, 1982

Mocarelli, P., Chemisphere 10.1016/S0045–6535(00)00386–6, 2001

Van Zon, K., European Review of History: Revue européenne d’histoire 10.1080/13507486.2025.2494557, 2025

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.