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Diskriminierung: Fatshaming in der Arztpraxis

Kliniken und Arztpraxen sollten geschützte Räume sein. Für Menschen mit hohem Gewicht sind sie jedoch oft Orte der Scham. Vorurteile sind unter Medizinern weitverbreitet – mit der Folge, dass viele Betroffene gesundheitliche Risiken eingehen.
Ein Arzt in blauer Kleidung spricht mit einem Patienten mit Mehrgewicht in einem Krankenhauskittel. Beide sitzen auf einem Untersuchungstisch in einem medizinischen Behandlungsraum. Im Hintergrund sind medizinische Geräte und eine rote Uhr zu sehen. Der Arzt gestikuliert, während er mit dem Patienten spricht, was auf eine Beratung oder Erklärung hindeutet.
Viele Menschen mit Mehrgewicht fühlen sich in Arztpraxen schlechter behandelt – und meiden daraufhin wichtige Vorsorgeuntersuchungen.

»Sie sind zu dick«, sagt der Arzt mit abschätzigem Blick und fügt hinzu: »Sie müssen weniger essen.« Sabine hat ihn eigentlich wegen ihrer ständigen Kopfschmerzen aufgesucht – nicht, um über ihr Übergewicht zu sprechen. Doch die erhoffte Hilfe bleibt aus. Stattdessen schämt sie sich und fasst den Entschluss, nie wieder in diese Praxis zu gehen.

Sabine steht stellvertretend für die vielen übergewichtigen Menschen, die aufgrund ihrer Körpermasse beschämt, verspottet oder benachteiligt werden. Man spricht auch von Fatshaming. In einer Studie mit fast 14 000 adipösen (siehe »Kurz erklärt«) Erwachsenen aus Deutschland und fünf weiteren westlichen Ländern berichteten knapp 60 Prozent von solchen Erfahrungen. Rund zwei Drittel von ihnen hatten Abwertungen durch Ärztinnen oder Ärzte erlebt.

Kurz erklärt: Adipositas

In Deutschland sind rund zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen übergewichtig. Von Übergewicht spricht man bei einem BMI von 25 oder mehr. Rund ein Viertel der Erwachsenen sind stark übergewichtig, also adipös. Hiervon spricht man ab einem BMI von 30. Der BMI errechnet sich aus dem Gewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße (in Metern).

Es gibt viele Gründe für Übergewicht

Rebecca Puhl von der University of Connecticut ist Erstautorin der Länderstudie. Die klinische Psychologin sagt: »Übergewichtigen wird oft unterstellt, sie seien faul, unmotiviert oder willensschwach und deshalb letztlich selbst schuld an ihrem Gewicht. Das Gesundheitspersonal ist nicht frei von solchen Vorurteilen. Körpermaße gelten als etwas, was man kontrollieren kann, wenn man sich nur genug anstrengt.«

Die wissenschaftlichen Fakten sagen allerdings, dass das oft nicht der Fall ist. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist Übergewicht eine Erkrankung mit vielen Ursachen: Neben Ernährung und Bewegung wirken zahlreiche äußere und biologische Einflüsse zusammen. So spielen etwa »obesogene Umgebungen« eine Rolle – Lebensräume, in denen kalorienreiche Nahrungsmittel allgegenwärtig sind und Bewegung schwerfällt, ebenso wie psychische Belastung oder Armut. Hinzu kommen genetische Faktoren, die beeinflussen, wie effizient der Körper Energie speichert oder wann sich Hunger- und Sättigungsgefühle einstellen.

»Übergewichtigen wird oft unterstellt, sie seien faul, unmotiviert oder willensschwach und deshalb letztlich selbst schuld an ihrem Gewicht«Rebecca Puhl, Psychologin

In der Kampagne #behindthesmile der Fotografin Silvana Denker berichten Betroffene von Herabwürdigungen in Praxen und Kliniken. Besonders verletzende Kommentare von medizinischem Personal lauten zum Beispiel: »Wenn ich Sie wäre, würde ich gar nichts mehr essen« oder »Ihre Fettleibigkeit hat bestimmt den Krebs verursacht« und »Das ist kein Lipödem, Sie sind einfach nur fett!«

Scheu vor der Vorsorgeuntersuchung

Ein Team um Shelly Russell-Mayhew von der kanadischen University of Calgary fand heraus, dass Menschen mit Mehrgewicht Hausarztpraxen meiden, wenn sie dort Vorurteile oder eine abwertende Haltung erleben – oder erwarten. Langfristig könne das ihrer Gesundheit schaden, folgern die Autoren. Zudem nehmen Personen mit hohem Gewicht seltener als Normalgewichtige Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch, etwa Krebsscreenings, wie aus einer Übersichtsarbeit von 2022 hervorgeht. Darin beschreibt ein Team der University of Sunderland in England, welche Barrieren sowohl für Betroffene als auch für Ärzte bei Vorsorgeuntersuchungen für Brust-, Gebärmutterhals- und Darmkrebs bestehen.

Patientinnen berichteten von Schamgefühlen, unangenehmen Erfahrungen wie unsensiblen Kommentaren sowie der Sorge, ein medizinisches Gerät könnte nicht für ihren Körper ausgelegt sein. Bei adipösen Männern hingegen lag der Hauptgrund, keine Darmkrebsvorsorge wahrzunehmen, darin, dass Ärzte sie nicht auf deren Bedeutung hingewiesen hatten.

Behandelnde erklärten in der Studie, dass sich Knoten im Brustgewebe von übergewichtigen Frauen schwerer ertasten ließen und das Prozedere zeitintensiver sei. Für Gebärmutterhalsabstriche seien die verfügbaren Instrumente oft zu klein. Bei der Mammografie könne es schwierig sein, Patientinnen korrekt zu positionieren – überhaupt sei es teils herausfordernd, Männer und Frauen mit hohem Gewicht auf die schmalen Untersuchungsliegen zu bekommen. Dabei ist Krebsvorsorge gerade für sie wichtig: Übergewicht ist ein bekannter Risikofaktor für Tumorerkrankungen.

Zielscheibe von Spott und Herabwürdigung

Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen bestätigen die Wahrnehmung von Patienten, die sich beschämt fühlen. Fachleute der medizinischen Universität Danzig befragten fast 200 Ärztinnen und Ärzte, Hebammen, Pflegekräfte sowie Physiotherapeutinnen und -therapeuten: Knapp 50 Prozent hatten Herabwürdigungen im Kollegenkreis beobachtet, vor allem in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Fast alle berichteten von Spott und abwertenden Blicken. In etwas mehr als 90 Prozent der Fälle blieben die beleidigenden Bemerkungen unkommentiert stehen – keiner im Team intervenierte. Und fast 60 Prozent hatten beobachtet, wie medizinisches Personal Patienten unter Druck setzte, etwa indem es den Beginn einer Behandlung daran knüpfte, dass die Betroffenen zuvor Gewicht verlieren.

Einige Studien verglichen die Diagnosezeitpunkte zwischen übergewichtigen und normalgewichtigen Personen, etwa bei Essstörungen. Diese gelten gemeinhin als Erkrankungen »dünner, weißer Frauen«, schreiben Natasha und Nathan Ramaswamy in einem Überblicksartikel von 2023 – das entspreche aber nicht der Realität. In einer Studie mit rund 14 300 jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren berichteten Probanden mit Übergewicht häufiger als normal- oder untergewichtige von problematischem Essverhalten, etwa Essanfällen, Fasten, Abführmittelgebrauch oder Erbrechen, um ihr Gewicht zu kontrollieren. Dennoch hatten sie nur halb so häufig wie schlankere Personen die Diagnose einer Essstörung erhalten. Natasha und Nathan Ramaswamy kritisieren, medizinische Fachkräfte würden ihren Blick zu sehr auf den Body-Mass-Index richten.

Der BMI sagt wenig über den Gesundheitszustand aus

Dieser so genannte BMI gilt oft noch immer als Maß für Gesundheit. Dabei ist inzwischen bekannt, dass er dafür kein verlässlicher Indikator ist, sondern allenfalls ein grober Richtwert. »Eine zu starke Fokussierung auf den BMI kann zu Gewichtsstigma beitragen. Der Blick für den individuellen Patienten geht dadurch verloren«, so Puhl. Der BMI zeige lediglich das Verhältnis von Körpergröße zu Körpergewicht an und sei »kein Maß für Gesundheitsverhalten«: wie sich eine Person ernährt, wie viel sie sich bewegt, ob sie raucht oder Alkohol trinkt. So ist beispielsweise Fett im Bauchraum um die Organe besonders ungünstig, jenes an Hüfte und Oberschenkeln weniger gefährlich. Biologische Marker wie Blutdruck, Blutfette, Blutzucker oder Entzündungswerte sagen mehr über die Gesundheit aus als der BMI – und sie können auch bei schlanken und normalgewichtigen Menschen erhöht sein.

»Eine zu starke Fokussierung auf den BMI kann zu Gewichtsstigma beitragen«Rebecca Puhl, Psychologin

Ist man diskriminierendem Verhalten ausgesetzt, können sich solche Werte verschlechtern, zeigt eine Studie vom Hartford Hospital in Connecticut. Gregory Panza und sein Team untersuchten 2024, wie Frauen mit Adipositas auf gewichtsstigmatisierende Szenen reagierten – besonders, wenn sie zusätzlich unter Bluthochdruck litten. Die Teilnehmerinnen sahen entweder neutrale oder diskriminierende Videos zum Thema Körpergewicht. Letztere bewirkten bei Probandinnen mit Bluthochdruck eine gesteigerte physiologische Stressreaktion: Der Blutdruck stieg bei ihnen deutlich stärker an als bei adipösen Frauen ohne Bluthochdruck. Die Reaktion hielt sogar bis in die Nachtstunden hinein an. Die Studie legt nahe, dass die Abwertungen auch körperlich nachwirken können, insbesondere bei Menschen, deren Körper ohnehin schon belastet ist. Bluthochdruck ist ein bekannter Risikofaktor für Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Diskriminierung macht krank

Je mehr Bauchfett jemand hat, desto höher sind oft die HbA1c-Werte. Dieses »verzuckerte« Hämoglobin zeigt an, wie hoch der Blutzucker in den vergangenen zwei bis drei Monaten war, und ist ein Maß für das Diabetesrisiko. Gewichtsdiskriminierung wirkt hier verstärkend: Die HbA1c-Werte waren bei Betroffenen, die Abwertungen erlebt hatten, höher, als man allein durch das Übergewicht erwarten würde. Die Autoren folgern, dass man nicht nur die Lebensweise – etwa Ernährung und Bewegung – in den Blick nehmen solle, sondern auch die gesellschaftlichen Krankmacher bekämpfen müsse.

Zudem ist bekannt, dass Menschen mehr Stresshormone ausschütten, wenn man sie mit Gewichtsvorurteilen konfrontiert – ganz unabhängig von den tatsächlichen Körpermaßen. Es besteht außerdem ein Zusammenhang zwischen Körpergewicht, Diskriminierung und erhöhten Entzündungswerten. Und Personen, die von Gewichtsdiskriminierung berichteten, haben ein um fast 60 Prozent erhöhtes Sterberisiko als Übergewichtige, die kein Fatshaming erlebten.

Wissenschaftler um Christine Emmer, Gesundheitspsychologin an der Universität Mannheim, haben die psychische Gesundheit von Menschen mit Übergewicht unter die Lupe genommen. Das Ergebnis einer Metaanalyse von 105 Studien: Gewichtsdiskriminierung geht mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit etwa für Depressionen, Ängste, gestörtes Essverhalten, geringere Körperzufriedenheit und weniger Selbstwertgefühl einher. Der Zusammenhang blieb auch dann signifikant, wenn die Forschenden Faktoren wie Bildungsniveau und Körpergewicht kontrollierten. Überraschend: Weder Geschlecht, Alter, soziale Unterstützung noch gesunde Bewältigungsstrategien wie Selbstmitgefühl milderten den negativen Effekt ab.

Medizinische Ausstattung, die allen gerecht wird

Was hilft Betroffenen? Ist das seelische Leid groß, kann eine Verhaltenstherapie wirksam sein, um mit belastenden Gedanken und Gefühlen umzugehen. Aber auch die Medizin ist gefordert: »Kliniken sollten mit medizinischem Gerät ausgestattet sein, das hochgewichtigen Menschen gerecht wird«, sagt Claudia Luck-Sikorski, klinische Psychologin und Vizerektorin für Forschung und Transfer an der SRH Hochschule. Dazu gehören große, stabile Stühle in Warteräumen, Tritthocker in den Untersuchungszimmern, damit Patientinnen und Patienten leichter auf die Untersuchungsliegen steigen können. Diese sollten dann eine ausreichende Breite und Tragfähigkeit haben. Zudem braucht es extragroße Untersuchungskittel und Blutdruckmanschetten sowie längere Nadeln und Stauschläuche für Blutabnahmen. »Solche Anpassungen zeigen, dass Kliniken und Praxen die Bedürfnisse von Menschen aller Körpergrößen ernst nehmen, und schaffen die Voraussetzung dafür, dass sich niemand bloßgestellt fühlt«, so Luck-Sikorski.

»Kliniken sollten mit medizinischem Gerät ausgestattet sein, das hochgewichtigen Menschen gerecht wird«Claudia Luck-Sikorski, Psychologin

Die American Diabetes Association empfiehlt umfassende Schulungen für medizinisches Personal. Auf der Website »Supportive Obesity Care« der University of Connecticut hat Rebecca Puhl Informationsmaterial für Behandelnde zusammengestellt. »Wissen ist zentral«, sagt sie, »sowohl über die komplexen Ursachen von Adipositas als auch über die schädliche Wirkung von Gewichtsdiskriminierung.« Beides komme in der medizinischen Ausbildung zu kurz: »Viele haben es schlicht nicht auf dem Radar.«

Auch auf die Kommunikation komme es an. Bevor Ärztinnen und Ärzte das Thema Gewicht überhaupt ansprechen, brauche es das Einverständnis ihrer Patienten, so Puhl. »Man sollte außerdem fragen, mit welchen Begriffen sie sich am wohlsten fühlen – und diese dann auch verwenden.« Manche empfinden das Wort »dick« als abwertend, andere als wertfreie Beschreibung ihrer Körperform (siehe »Fat Studies«).

»Wenn Menschen immer wieder hören, sie seien ›zu dick‹, weil sie ›zu viel essen‹ oder sich ›zu wenig bewegen‹, übernehmen sie diese Sicht häufig«, erklärt Luck-Sikorski. »Sie beginnen zu glauben, allein ihr Verhalten bestimme das Körpergewicht, und blenden die Dinge aus, die nicht in ihrer Hand liegen.« Mediziner haben die Aufgabe, dieser Entwicklung aktiv entgegenzuwirken.

Fat Studies

Die »Fat Studies« sind ein noch junges Forschungsfeld, das einen kritischen Blick auf den gesellschaftlichen Umgang mit Körpergewicht wirft: wie unsere Gesellschaft hochgewichtige Körper bewertet und pathologisiert. Vertreter der Disziplin betonen, der Begriff »dick« (englisch: fat) sei ursprünglich eine wertfreie Beschreibung einer Körperform – genau wie »dünn« – und habe im Lauf der Zeit durch gesellschaftliche Diskurse eine negative Konnotation bekommen. Ihre Wurzeln haben die interdisziplinären »Fat Studies« in den USA. Sie knüpfen an andere emanzipatorische Ansätze wie »Gender Studies« oder »Queer Studies« an. Heute verstehen sie sich als Teil der Kulturwissenschaften.

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  • Quellen

Graham, Y. et al., Obesity Science and Practice 10.1002/osp4.606, 2022

Panza, G. A. et al, Journal of Psychosomatic Research 10.1016/j.jpsychores.2022.111124, 2022

Puhl, R. et al., PLOS ONE 10.1371/journal.pone.0251566, 2021

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