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News: Doch kein Fenster nach draußen?

Das Verdauungshormon Sekretin ist nicht dazu geeignet, Autismus zu heilen, hat eine erste Studie amerikanischer Wissenschaftler ergeben. Sie hatten in einem Kurzzeittest autistischen Kindern das Hormon verabreicht. Dabei stellten sie im Vergleich zu einer Placebo-Gruppe keine wesentlichen Verbesserungen der Krankheit fest.
Das Verdauungshormon Sekretin wird im Dickdarm gebildet und wirkt auf die Bauchspeicheldrüse. Es erhöht die Absonderung von Wasser und Bicarbonat in den Darm. Durch den abnehmenden Säuregehalt des Nahrungsbreies können die Verdauungsenzyme besser arbeiten. Dieses spezielle Hormon wurde über Nacht berühmt, als ein dreijähriger autistischer Junde an Verdauungsstörungen litt und mit Sekretin behandelt wurde. Die für den Autismus typischen Symptome nahmen bei dem Kind innerhalb einer Woche deutlich ab. Die Veröffentlichung des Falls in US-amerikanischen Talkshows führte dazu, daß andere Eltern autistischer Kinder ebenfalls versuchten, das Hormon zu erhalten. Es existiert keine verläßliche Statistik, aber Experten glauben, daß Tausende von Kindern das Präparat erhalten haben. Die Erfahrungen der Eltern reichten von deutlichen Verbesserungen bis zu Verschlechterungen der Krankheit ihrer Kinder.

Angeregt durch diese Berichte gab das National Institute of Child Health and Human Development (NICHD) verschiedene Studien in Auftrag. Eine dieser Studien wurde von James W. Bodfish vom Western Carolina Center und der University of North Carolina und von Adrian D. Sandler vom Center for Child Development am Thoms Rehabilitation Hospital in Ashville, North Carolina, geleitet. Daran nahmen 56 Kinder mit autistischen Störungen teil. 28 von ihnen erhielten eine einmalige intravenöse Gabe des synthetisch hergestellten menschlichen Sekretin-Hormons. Die restlichen Kinder erhielten eine harmlose Kochsalz-Lösung injiziert. Im Abstand von einem Tag, einer Woche und vier Wochen mußten die Kinder eine Reihe von Verhaltenstests absolvieren. Die Kinder schnitten bei sechs Tests zwar immer besser ab, doch das traf auch auf die Vergleichsgruppe zu. Damit verhielten sich die Kinder mit Sekretin-Behandlung in keinem der 16 Tests deutlich anders als Kindern, die das Placebo bekamen.

Bodfish und Sandler geben allerdings zu bedenken, daß die Studie sehr eingeschränkt war. Veränderungen die erst nach längerer Zeit auftreten, konnten auf diese Weise nicht erfaßt werden. Möglich sei auch eine Verbesserung nach mehreren Sekretin-Injektionen, die ebenfalls nicht registriert werden konnte. Außerdem gäbe es verschiedene Untertypen beim Autismus. Daher wäre es theoretisch möglich, daß andere autistische Personen von der Sekretin-Gabe hätten profitieren können. Eine letzte Möglichkeit hänge mit dem verabreichten Sekretin zusammen. In diesem Versuch haben die Wissenschaftler künstliches menschliches Sektretin verwendet. In allen anderen Fällen stammte das Hormon von Schweinen. Die Forscher halten es für sehr unwahrscheinlich, aber möglich, daß die beiden Formen des Hormons unterschiedliche Effekte auslösen könnten. Trotz der vielen Einschränkungen gibt diese Studie klare Anweisungen für die klinische Praxis, so die Wissenschaftler.

Marie Bristol Power vom NICHD-Autismus-Programm sieht ein Gefährdungspotential durch Gaben von Sekretin. Das biologische Sektretin von Schweinen könne allergische Reaktionen auslösen. Außerdem sei das Hormon mit Cystein-Hydrochlorid stabilisiert. Diese Chemikalie sei ein Neurotoxin und könne Nerven- und Gehirnzellen zerstören, was vor allem für hohe und wiederholt verabreichte Dosen gelte. Nebeneffekte des Cystein-Hydrochlorids seien Erbrechen, Diarrhoe und ein allergischer Schock. "Sekretin könnte vielversprechend, aber auch gefährlich sein", sagte Bristol Power. "Wenn wir es jetzt verwenden, dann sollte es in einem beaufsichtigten klinischen Test geschehen." Bisher sieht es nicht so aus, als ob Sekretin zur Behandlung von Autismus geeignet ist. Bristol Power meint, daß in anderen Studien jetzt untersucht werden müsse, ob das Hormon besser wirkt, wenn es in unterschiedlichen Konzentrationen verabreicht würde, die nicht nur auf eine Verabreichung beschränkt sei. Außerdem solle geprüft werden, ob Kinder mit unterschiedlichen Symptomen verschieden auf Sekretin reagieren und ob die biologische Form besser wirke als die synthetische.

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