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Domestikation: Als das Pferd zum Ross wurde

Wo grasten die ersten Reitpferde? Und wann? Archäologische Entdeckungen und genetische Befunde stellen jahrzehntealte Theorien hierüber auf den Kopf und schreiben die Geschichte der Pferdedomestikation überraschend um.
Schwarz-weiß-Fotografie eines Pferdekopfes im Profil. Das Pferd trägt ein Zaumzeug, und seine Mähne weht leicht im Wind. Der Fokus liegt auf der Textur des Fells und dem Ausdruck des Auges.
Seit Jahrtausenden werden Pferde als Reit- und Zugtiere eingesetzt.

Die Welt, in der wir leben, formierte sich auf dem Rücken der Pferde. Heute kommen die meisten Menschen nur noch selten mit diesen Tieren in Kontakt, doch das war nicht immer so. Bis vor wenigen Jahrzehnten prägten Hauspferde Gesellschaften rund um den Globus und spielten in beinahe jedem Aspekt des täglichen Lebens eine wichtige Rolle: Berittene Kuriere stellten die Post zu, Reisende saßen in Kutschen, Händler transportierten ihre Waren mittels Last- und Zugtieren, Bauern beackerten ihr Land dank Pferdestärken, und Soldaten zogen auf ihren Rössern in die Schlacht.

Schon seit Langem versuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu ergründen, wie die einzigartige Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd zustande kam. Bis vor Kurzem lautete die vorherrschende These, Volksgruppen der Jamnaja hätten in den Grassteppen Westasiens vor mehr als 5000 Jahren erstmals Pferde domestiziert. Das soll es ihnen ermöglicht haben, Eurasien zu besiedeln, wobei sie ihre frühe indoeuropäische Sprache sowie ihre kulturellen Traditionen mitbrachten.

Archäologische Funde und die Zusammenarbeit von Fachleuten verschiedener Disziplinen stellen nun grundlegende Annahmen darüber infrage, wann und warum Pferde zum ersten Mal domestiziert wurden und wie schnell sich diese Kulturtechnik weltweit verbreitete. Die neuen Erkenntnisse verändern nicht nur unsere Sicht auf die Tiere, sondern auch auf die Menschen, die sie als Zuchtvieh, zum Lastentransport oder als Kriegsmaterial einsetzten. Das bessere Verständnis der gemeinsamen Vergangenheit liefert wissenschaftliche Impulse, die immer noch aktuell sind, etwa in Hinblick auf gefährdete Wildpferde in den Steppenlandschaften unserer Erde. Und es unterstreicht die Bedeutung indigenen Wissens zur Rekonstruktion der gemeinsamen Geschichte von Pferd und Mensch, als Ersteres von Eurasien aus den Rest der Welt eroberte.

Bevorzugtes Jagdwild

Die Gattung Equus, zu der Pferde, Esel und Zebras gehören, entstand vor rund vier Millionen Jahren in Nordamerika. Später wanderten einige Vertreter über die Bering-Landbrücke, die während der Eiszeit das heutige Russland mit Alaska verband, nach Asien und Europa ein. Pferde zählten zu den am frühesten und intensivsten bejagten Tiergruppen. Der womöglich älteste eindeutige Beleg für die bewaffnete Jagd auf die Huftiere stammt aus Fundstellen wie der bei Schöningen in Niedersachsen, deren Alter auf circa 300 000 Jahre datiert wird. Dort konservierten Sedimente eine einzigartige Seeuferlandschaft einschließlich Überresten einer Gruppe von Pferden sowie makellos gearbeiteten hölzernen Speeren, mit denen Frühmenschen sie wohl erlegt hatten.

Eiszeitkunst | Bereits in der Eiszeit ließen sich die Menschen von Pferden inspirieren und hielten sie in beeindruckenden Kunstwerken fest, wie hier in den mindestens 30 000 Jahre alten Felsmalereien in der Chauvet-Höhle im heutigen Frankreich.

Jahrtausendelang blieben Wildpferde eine wichtige Nahrungsquelle für den frühen Homo sapiens im nördlichen Eurasien. Und die Menschen beobachteten ihr Jagdwild offenbar sehr genau: Pferde spielten eine herausragende Rolle in der Kunst der Eiszeit. Einen eindrucksvollen Beleg hierfür liefern die spektakulär realistischen, über 30 000 Jahre alten Pferdedarstellungen, die Jäger mit Holzkohle auf die Kalksteinwände der Chauvet-Höhle in Frankreich gemalt hatten.

Als besonders schwierig zu rekonstruieren erweist sich der Übergang von der Jäger-Beute-Beziehung zur Haltung als Nutztiere – was unterschiedliche Leistungen wie Züchten, Hüten, Melken oder Reiten umfasst. Schließlich haben Forscherinnen und Forscher, die sich mit prähistorischen Epochen befassen, kaum die Chance, anhand schriftlicher Dokumente oder detailreicher Bilder die sich verändernden Wechselwirkungen zwischen Mensch und Tier nachzuvollziehen.

Pferdegrab | Grabfunde wie jene vom bronzezeitlichen Friedhof Nowoilinowskij in Kasachstan belegen, dass Pferde spätestens zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. domestiziert wurden.

Das gilt insbesondere für die eurasischen Steppen – jene kalten, trockenen und abgelegenen Graslandschaften, in denen wohl die ersten Pferdehirten lebten und die sich von Osteuropa bis fast zum Pazifik erstrecken. Die dortigen menschlichen Populationen waren ständig unterwegs und trieben ihre Herden, den Jahreszeiten folgend, auf jeweils geeignete Weidegründe. Die archäologischen Fundkomplexe, die sie mit ihrer Lebensweise hinterließen, erweisen sich oft als spärlich, schlecht erhalten und schwer zu untersuchen. Tatsächlich stammt ein Großteil unseres Wissens über die frühe Domestikation von Pferden aus einer einzigen, aufschlussreichen Quelle: den Überresten der prähistorischen Tiere selbst.

Spuren im Gebiss

Als Archäozoologe erforsche ich die Ursprünge der Pferdedomestikation anhand von Knochen aus archäologischen Fundstellen. In den Anfängen dieser Forschungsdisziplin suchten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nach Mustern im zeitlichen Verlauf von Größe, Form oder Häufigkeit solcher Überreste. Die grundlegende Idee dahinter lautete, dass Tiere, die in engem Kontakt mit Menschen lebten, in höherer Anzahl aufgetreten sein oder sich in Gestalt und Körpergröße stärker verändert haben müssten als in früheren Epochen – sei es zum Beispiel durch gezielte Züchtung auf bestimmte Merkmale oder aufgrund der Arbeit, die sie zu leisten hatten und die sich im Lauf ihres Lebens auf ihren Organismus auswirkte.

Allerdings hat sich die Suche nach derartigen Mustern in archäologischen Funden als nicht immer verlässlich herausgestellt. Denn die Form oder die Anzahl der Knochen an prähistorischen Stätten können aufgrund einer Vielzahl an Ursachen variieren, sei es durch Umweltveränderungen, gewandelte menschliche Ernährungsgewohnheiten oder schlicht durch Fehler bei der Probennahme. Im besten Fall liefern solche Untersuchungen also nur indirekte Hinweise zu den Ursprüngen der Pferdehaltung oder des Reitens.

Eine wissenschaftlich besser begründete Perspektive auf die Pferdedomestikation entwickelte sich in den 1990er-Jahren. Auf Basis früherer Arbeiten anderer Fachleute identifizierte die Arbeitsgruppe um den Anthropologen David Anthony vom Hartwick College im US-Bundesstaat New York an den Überresten von Pferdeskeletten einen direkten Beleg für die Domestikation. Wenn Pferde für den Transport eingesetzt werden, kann sich durch den Druck und die Reibung des Zaumzeugs an ihren Zähnen ein bestimmtes Schadensmuster entwickeln. Dieser Gebissverschleiß (»bit wear«) zeigt sich bei Tieren, die mit metallener Trense geritten oder geführt wurden, häufig an den unteren zweiten Prämolaren, den vorderen Backenzähnen.

Anthony und sein Team fanden nun Spuren eines solchen Zahnverschleißes bei einem prähistorischen Pferd von der ukrainischen Fundstätte Derijiwka, die möglicherweise mit der archaischen Kultur der Jamnaja in Verbindung steht. Obwohl die Überreste nicht direkt datiert werden konnten, deutete der Zusammenhang mit der Jamnaja-Kultur darauf hin, dass Hirten in den eurasischen Steppen bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. oder sogar noch früher damit begonnen haben könnten, Pferde zu halten und zu reiten.

Das Pferd von Derijiwka schien eine Reihe von offenen Fragen im Verständnis des alten Eurasiens zu klären. Vor ungefähr 6000 Jahren, während der Kupfersteinzeit, entstanden in weiten Teilen Ost- und Mitteleuropas sowie in den westlichen Steppen große Grabhügel, sogenannte Kurgane. Im Lauf der Zeit stellten viele Archäologen die Hypothese auf, es gäbe einen Zusammenhang zwischen diesen Kurganen, der Verbreitung indoeuropäischer Sprachen und der frühen Domestikation von Pferden. Konkret vermuteten sie, dass die Jamnaja in den Steppengebieten nördlich des Schwarzen Meers die Huftiere zähmten und sich dann als Reitervolk über Eurasien ausbreiteten. Dabei sollen sie ihre Bestattungssitten sowie eine frühe Form der indoeuropäischen Sprache mitgebracht haben – der weltweit größten Sprachfamilie, zu der auch Deutsch oder Englisch zählt. Nach Anthonys Entdeckung gewann die Kurgan-Hypothese in der Fachliteratur und im öffentlichen Diskurs größere Popularität.

Wie es sich herausstellte, war das Pferd von Derijiwka nicht das, was es zu sein schien

Doch wie es sich leider herausstellte, war das Pferd von Derijiwka nicht das, was es zu sein schien. Denn zehn Jahre später ergab eine direkte Radiokarbondatierung der Zahnfunde, dass diese nicht annähernd so alt waren, wie Anthony vermutet hatte. Tatsächlich hatte das Tier irgendwann zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. gelebt – in einer Zeit, in der Hauspferde und Reiten mit Sicherheit bereits weitverbreitet waren. Anstatt aber nun die Kurgan-Hypothese zu verwerfen, suchten die Archäologen in den westlichen Steppen nach weiteren Tierknochen, die aus etwa derselben Epoche stammten. Dabei rückte vor allem ein Ort in den Fokus: Botai im Norden Kasachstans.

Streit um Botai

Diese Fundstelle liegt ein gutes Stück weiter östlich des Siedlungsgebiets der Jamnaja. Obwohl offensichtlich keine kulturellen Verbindungen zwischen beiden bestanden, gehört Botai jedoch ebenfalls zu den westlichen Steppengebieten, und die dort gemachten Funde lassen sich wie die aus Derijiwka in das 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung datieren. Interessanterweise bargen die Ausgrabungen in Botai Tausende von Tierknochen, die fast alle von Pferden stammten. Aufgrund dieses Fundmaterials begannen Archäologen zu diskutieren, welche Rolle die Botai-Pferde für die frühe Domestikation gespielt haben könnten.

Die Debatte verlief ziemlich kontrovers. David Anthony und seine Kollegen vermuteten zunächst, die ungewöhnliche Oberflächenstruktur einiger Zähne aus Botai wäre ebenfalls auf Gebissverschleiß zurückzuführen, woraus sich folgern ließ, dass die Pferde geritten wurden. Schon bald aber entdeckte Sandra Olsen, heute an der University of Kansas, die gleichen Verschleißspuren bei Zähnen von Wildpferden. Somit konnten sie nicht mehr als eigenständiger Beweis für eine Domestikation gelten. Einige Fachleute, die architektonische Aspekte der Botai-Fundstelle untersucht hatten, spekulierten dagegen, dass organisches Material in Pfostenlöchern und zugeschütteten Gruben Überreste von Pferchen und Pferdemist sein könnten.

Andere Forscher blieben skeptisch – und das aus gutem Grund. Denn bei einigen Pferdeskeletten aus Botai fanden sich Speerspitzen, die zwischen den Rippen steckten. Offenbar wurden die Tiere von Jägern erlegt. Was allerdings am deutlichsten gegen die Domestikation von Pferden in Botai sprach, war deren Alters- und Geschlechtsverteilung. In einer von Menschen gehaltenen Herde werden entweder ganz junge oder ganz alte Exemplare geschlachtet, da die Tiere im Reproduktionsalter den Fortbestand der Zucht sichern müssen. Marsha Levine von der britischen University of Cambridge zeigte jedoch, dass die gefundenen Überreste zumeist von gesunden erwachsenen Individuen stammten. Zudem fanden sich die Knochen zahlreicher Stuten im fortpflanzungsfähigen Alter sowie die einiger Föten und neugeborener Fohlen. Diese Tiere zu schlachten wäre für die Fruchtbarkeit einer domestizierten Herde äußerst nachteilig gewesen. Dagegen stößt man auf eine solche Altersverteilung häufig an archäologischen Fundstellen, wo wild lebende Exemplare zur Nahrungsbeschaffung getötet wurden.

Die lebhafte Kontroverse über die Domestikation der Pferde von Botai wurde 2009 vorübergehend beigelegt, als eine viel beachtete Veröffentlichung im Fachjournal »Science« neue Belege lieferte, die nahelegten, dass die Menschen von Botai ihre Pferde melkten und ritten. Wie die Autoren um Alan Outram von der University of Exeter herausfanden, ähnelten die gefundenen Knochen anatomisch denen moderner Hauspferde (Equus caballus). Mithilfe neuerer Methoden zur Analyse prähistorischer Biomoleküle konnten die Experten zudem in Keramikscherben Rückstände von Fett nachweisen, das anscheinend von Pferden stammte. Diese Spuren ließen sich zwar nicht eindeutig identifizieren, die Isotopenverteilung deutete aber darauf hin, dass es sich um Milchreste gehandelt haben könnte.

Als entscheidender neuer Befund stellte sich das besondere Muster von Zahnschäden einiger der Botai-Pferde heraus, das nach Ansicht der Forscher mit ziemlicher Sicherheit auf die Benutzung von Zaumzeug hindeutete. Zusammengenommen sorgten die Ergebnisse, welche die vermutete Domestikation von Pferden im 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zu untermauern schienen, für eine Renaissance der Kurgan-Hypothese.

Widerlegung der Kurgan-Hypothese

In den anderthalb Jahrzehnten, seitdem die Funde von Botai die Kurgan-Hypothese wiederbelebt hatten, entwickelte sich unser archäozoologisches Instrumentarium rasant weiter. Und rasch begannen die neuen Methoden und Erkenntnisse die Verknüpfung zwischen Botai und der Pferdedomestikation zu entkräften. 2021 untersuchten meine Kollegin Christina Barrón-Ortiz und ich die Überreste Dutzender Wildpferde aus eiszeitlichen Fundstellen in ganz Nordamerika. Wie unsere Ergebnisse zeigen, sind die wesentlichen Merkmale, die in Botai als Beleg für die Verwendung von Zaumzeug und Trense interpretiert wurden, wahrscheinlich auf natürliche Variation der Anatomie zurückzuführen – und nicht auf das Reiten oder das verwendete Geschirr.

Darüber hinaus wissen wir heute, dass sich viele andere Aspekte des Reitens erkennbar auf die Zähne und Knochen der Pferde auswirken. Halfter, Sättel und Geschirre verursachen dort jeweils charakteristische Veränderungen. Unterschiedliche Aktivitätsmuster – von starker körperlicher Belastung bis zu eingeschränkter Bewegungsfreiheit – hinterlassen ebenfalls typische Spuren. So kann der Druck auf das Skelett, der beim Reiten oder beim Ziehen einer Kutsche oder eines Streitwagens entsteht, zu spezifischen Veränderungen der Wirbelsäule oder der Gliedmaßen eines Pferdes führen. Sogar frühe veterinärmedizinische Maßnahmen und Zahnpflege sind manchmal im archäologischen Befund nachweisbar. Bislang tauchte jedoch keiner dieser verlässlicheren Indikatoren für eine Domestikation bei den Botai-Pferden auf.

Die DNA kann ebenfalls wertvolle Hinweise liefern. Verbesserte Methoden der Sequenzierung prähistorischen Erbguts ermöglichen es heute, aus archäologischen Überresten Genome teilweise oder sogar vollständig zu rekonstruieren. Die Analyse prähistorischer menschlicher und tierischer DNA hat zu bemerkenswerten Erkenntnissen geführt: So konnte die Wanderung des Volks der Jamnaja von Osteuropa bis nach Sibirien und in die Mongolei während des späten 4. Jahrtausends v. Chr. nachvollzogen werden. Solche Untersuchungen ergaben allerdings keinerlei Belege für Kontakte zwischen den Jamnaja und der Botai-Kultur.

Ebenso wenig haben neue Techniken zur Gewinnung von Proteinen aus menschlichem Zahnbelag Hinweise auf den Verzehr von Stutenmilch bei den Bewohnern von Botai erbracht. Tatsächlich dürfte sich der Pferdemilchkonsum in Westasien erst ab dem 1. Jahrtausend unserer Zeitrechnung verbreitet haben – also 3000 Jahre nach der Epoche der Jamnaja und der Botai.

Przewalski-Pferde | Im mongolischen Nationalpark Chustain Nuruu leben einige Exemplare des stark bedrohten Przewalski-Pferdes, das manche Fachleute als eine eigenständige Art namens Equus przewalskii betrachten.

Den vernichtendsten Schlag gegen die Kurgan-Hypothese erbrachte eher zufällig eine Genomstudie aus dem Jahr 2018, an der Forscherinnen und Forscher um Ludovic Orlando vom Zentrum für Anthropobiologie und Genomik in Toulouse beteiligt waren. Ihre Untersuchung zeigte klar, dass die Botai-Pferde nicht die Vorfahren unserer heutigen Hauspferde sind. Stattdessen gehörten sie zu einer anderen, bis heute überlebenden Spezies, dem sogenannten Przewalski-Pferd (Equus przewalskii). Dieses ist zwar eng mit dem Hauspferd verwandt, wurde jedoch in der gesamten überlieferten Geschichte nie als Nutztier gehalten.

Einige Wissenschaftler bleiben überzeugt, dass die Funde von Botai in Zusammenhang mit der Frühphase der Domestikation stehen, schlagen nun aber vor, die Fundstelle könnte einen früheren, gescheiterten Versuch der Zähmung und Haltung des Przewalski-Pferdes repräsentieren. In ihrer Studie spekulieren Orlando und seine Kollegen sogar, die heutigen Przewalski-Pferde seien die verwilderten Nachfahren ehemals domestizierter Botai-Pferde – eine Hypothese, die viele andere Mitglieder der Fachwelt jedoch für nicht ausreichend belegt halten.

Den vernichtendsten Schlag gegen die Kurgan-Hypothese erbrachte eher zufällig eine Genomstudie

Die Debatte um Botai zog erhebliche praktische Auswirkungen für das Przewalski-Pferd nach sich. Im 20. Jahrhundert starben diese Tiere in freier Wildbahn aus, und in Zoos gab es zeitweilig nur noch eine Handvoll davon. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Bestand dank eines sorgfältigen Zuchtprogramms in Gefangenschaft erholt, sodass einige Exemplare in manchen Gegenden Zentralasiens wieder ausgewildert werden konnten. Gerade erst im Juni 2024 hat man eine Herde aus sieben Przewalski-Pferden aus den Zoos von Berlin und Prag in das Grasland Zentralkasachstans ausgesetzt – damit kehrt diese Pferdeart nach zwei Jahrhunderten in die Region zurück.

Langfristig hängen der Erfolg und die Finanzierung solcher Schutzprojekte allerdings stark von der öffentlichen Unterstützung ab. Umso wichtiger ist es, die Fakten möglichst korrekt darzustellen. Die mediale Aufmerksamkeit rund um Botai hat gelegentlich für Schlagzeilen gesorgt, die nahelegten, Przewalski-Pferde seien gar nicht wirklich »wild«, sondern lediglich entlaufene Hauspferde. Solche Behauptungen entbehren jedoch archäologischer Belege und könnten die laufenden Bemühungen zum Schutz dieser stark bedrohten Pferdeart sowie zur Erhaltung und Wiederherstellung ihres Lebensraums gefährden.

Ein neues Szenario der Pferdedomestikation

Trotz anhaltender Auseinandersetzungen um Botai vermitteln die verfügbaren Daten, die sich mithilfe neuer wissenschaftlicher Methoden ergeben, inzwischen ein sehr viel klareres Bild von der Geschichte der Pferdedomestikation. Die jüngste Welle an Genomsequenzierungen und Radiokarbondatierungen von Pferdeknochen aus ganz Eurasien hat die Kurgan-Hypothese im Wesentlichen widerlegt. Wie aus den Daten hervorgeht, fanden wichtige kulturelle Entwicklungen, einschließlich der Migration der Jamnaja, der Verbreitung der Kurgane und der indoeuropäischen Kultur, höchstwahrscheinlich im 4. Jahrtausend v. Chr. statt – und damit Jahrhunderte vor der ersten Domestikation von Pferden. Diese Umbrüche wurden vielmehr durch die Ausbreitung anderer Nutztiere wie Schafe, Ziegen und Rinder sowie durch den Einsatz von Rindern als Zugtieren begünstigt. Gleichzeitig jagten viele Steppenvölker weiterhin Wildpferde für ihre Ernährung.

Pferde auf Wanderschaft

1 Weltweite Ausbreitung der Wildpferde, von Nordamerika ausgehend | Der Ursprung unserer heutigen Pferde liegt in Nordamerika, wo die Gattung Equus vor rund vier Millionen Jahren zum ersten Mal auftauchte. Über die trockengefallene Bering-Landbrücke gelangten einige Vertreter nach Sibirien und breiteten sich in den darauffolgenden Jahrmillionen in Asien und Europa aus. Hier dienten sie Frühmenschen als geschätzte Jagdbeute, wie die etwa 300 000 Jahre alten Speere und Pferdeknochen von Schöningen belegen.
2 Domestikation und erste Wellen der Verbreitung von Hauspferden | Aufgrund von Knochenfunden beim ukrainischen Dorf Derijiwka vermuteten Archäologen lange, die nomadisch lebenden Jamnaja hätten bereits vor rund 6000 Jahren Pferde domestiziert. Erbgutanalysen deuten allerdings daraufhin, dass die Vorfahren unserer heutigen Hauspferde erst um 2200 v. Chr. in der Schwarzmeersteppe grasten. Hier liegen auch einige der frühesten archäologischen Hinweise auf die Pferdedomestikation, die mit der Sintaschta-Kultur im heutigen Russland in Verbindung stehen. Von dort aus breiteten sich Hauspferde weiter aus und gelangten ostwärts über die Mongolei nach China sowie in westlicher Richtung nach Europa und Ägypten.
3 Fortschreitende Verbreitung der Hauspferde über Land und See | Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. hatten domestizierte Pferde bereits zahlreiche Zivilisationen erreicht. In späteren Jahrhunderten, vor allem im Zuge europäischer Kolonisation, wurden sie schließlich weltweit eingeführt.

Genomanalysen, die Pablo Librado vom Institut für Evolutionsbiologie in Barcelona und Ludovic Orlando 2024 leiteten, deuten darauf hin, dass die Vorfahren der heutigen Hauspferde in den eurasischen Steppen um 2200 v. Chr. lebten – fast 2000 Jahre später als bislang angenommen (siehe »Pferde auf Wanderschaft«). Obwohl wir noch nicht genau wissen, wie die ersten Phasen ihrer Domestizierung verliefen, legt der zeitliche Zusammenhang nahe, dass diese Pferde zu einer Kultur gehörten, die nach den Jamnaja entstand. Wie die Fachleute aus Mustern in archaischen Genomen schließen, züchteten die Völker der westlichen Steppe ihre Tiere in den Anfängen der Domestikation gezielt auf erwünschte Eigenschaften wie Kraft und Gutmütigkeit hin.

Die überarbeitete Zeitachse fügt sich in eine wachsende Zahl an Belegen, die das Erbe der Jamnaja in einem neuen Licht erscheinen lassen. Solche frühen indoeuropäischen Kulturen werden in populären Darstellungen mitunter nationalistisch verklärt, indem man ihre angeblichen Leistungen in der Pferdehaltung überhöht und mit beeindruckenden transkontinentalen Wanderungen und kultureller Dominanz verknüpft. Die aktuelle Forschung deutet allerdings darauf hin, dass die Jamnaja vermutlich gar keine Pferde züchteten und ihre Wanderungsbewegungen keineswegs heroischen Eroberungen dienten.

Die Jamnaja züchteten vermutlich gar keine Pferde und ihre Wanderungsbewegungen dienten keineswegs heroischen Eroberungen

So zeigten genetische Daten, dass einzelne Gruppen der Jamnaja bereits vor etwa 5000 Jahren bis in die Zentralmongolei vordrangen, wo sie als Afanassjewo-Kultur bekannt sind. Obwohl diese Migranten möglicherweise Schafe, Ziegen und Rinder nach Ostasien brachten, scheint sich ihr Einfluss zunächst auf einige wenige Bergregionen der östlichen Steppen beschränkt zu haben. Nach Ankunft der Jamnaja dauerte es aber dann fast 2000 Jahre, bis Pferde dort auftraten. Wie die Genomanalysen zudem nahelegen, hatten die Nachfahren der Afanassjewo kaum prägende genetische Auswirkungen auf die spätere Bevölkerung der Region.

Die Erkenntnis, dass Menschen erst viel später Pferde domestizierten als lange angenommen, löst ein hartnäckig bestehendes Problem der Kurgan-Hypothese: Wenn Pferde schon in der Kupfersteinzeit domestiziert worden wären, weshalb schlugen sich die Auswirkungen der Zucht erst nach Jahrhunderten in den archäologischen Befunden nieder? Dem Kurgan-Modell folgend betrachteten Forscher die Pferdedomestikation oft als allmählich fortschreitenden Prozess. Damit erklärten sie, weshalb es so lange dauerte, bis sich Hauspferde über die Steppen hinaus verbreiteten und damit Handel und Konflikte zwischen Volksgruppen revolutionieren konnten. Wenn wir aber die Daten mit dem überarbeiteten Zeitrahmen der Domestikation betrachten, zeigt sich letztlich doch die erwartbare rasche dynamische Entwicklung.

Transportmittel | Mitunter hat man Pferde samt Streitwagen bestattet.

In unserer neuen Sichtweise haben Menschen fast unmittelbar nachdem ihnen das Zähmen von Pferden gelungen war, diese auch für den Transport eingesetzt. Zu den frühesten archäologisch eindeutigen Hinweisen auf eine Domestikation gehören Bestattungen von Pferden zusammen mit Streitwagen aus der Zeit um 2000 v. Chr. an Fundstellen, die mit der Sintaschta-Kultur auf dem Gebiet des heutigen Russlands in Verbindung stehen. Radiokarbondatierungen und genetische Befunde zeigen, dass sich domestizierte Pferde innerhalb nur weniger Jahrhunderte über weite Teile des eurasischen Kontinents ausbreiteten.

Neue Wege und stürzende Reiche

Diese Ausbreitung erfolgte zumindest teilweise friedlich: Mit der zunehmenden Verfügbarkeit von Pferden in den Steppen nutzten immer mehr Bevölkerungsgruppen die Tiere für den Transport und integrierten sie in ihre Lebensweise. In anderen Fällen gelangten domestizierte Pferde durch verheerende Eroberungszüge von Kriegern mit Streitwagen in neue Gebiete.

Bereits in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. setzten zahlreiche Zivilisationen auf Pferdestärken – von Ägypten und anderen Kulturen des Mittelmeerraums über Skandinavien im Norden bis in die Mongolei und China im Osten. In vielen Fällen stellte die Ankunft der Reittiere die bestehende Machtbalance auf den Kopf.

Pferde verwandelten sich innerhalb kürzester Zeit von einer Steppenkuriosität zur Machtbasis einer der größten Zivilisationen Ostasiens

Als Pferde beispielsweise während der späten Shang-Dynastie vor etwa 3200 Jahren erstmals nach China kamen, galten sie zunächst vor allem als Prestigeobjekt der Elite. Doch schon bald gelang es einer konkurrierenden Macht, den Westlichen Zhou, per Pferdekraft und Streitwagen die Herrschaft der Shang auf dramatische Weise zu beenden. Innerhalb kürzester Zeit verwandelten sich Pferde von einer Steppenkuriosität zur Machtbasis einer der größten Zivilisationen Ostasiens.

Die wissenschaftliche Archäologie erhellt nicht nur diese frühen Kapitel der Geschichte von Mensch und Tier, sie deckt auch Verbindungen zwischen den Pferdekulturen der fernen Vergangenheit und unserer heutigen Welt auf. Archäologische Funde und Genomdaten aus den Steppen und Wüsten Zentralasiens zeigen, wie Pferde und Reiterei die Völker befähigten, Netzwerke, Handelsrouten und ganze Reiche zu errichten, welche die antike Welt auf neuartige Weise miteinander verbanden.

Auf dem Rücken der Pferde durchquerten Menschen die Wegenetze und Handelsrouten der Steppen, um Waren, Pflanzen, Tiere und Ideen über ganz Eurasien und darüber hinaus zu verbreiten, wobei auch frühe Pandemien im Gepäck mitreisten. Die neu entstehenden transkontinentalen Verbindungen lassen sich anhand archäologischer Funde belegen. So wurde in der Mongolei im Grab eines Königs des frühen Steppenreichs der Xiongnu aus der Zeit um 100 v. Chr. eine silberne Platte gefunden, die eine Abbildung des griechischen Halbgotts Herakles zeigt. Historische Quellen berichten von Expeditionen chinesischer Volksgruppen in das zentralasiatische Ferghanatal auf der Suche nach Pferden – ein erster Schritt zur Entwicklung der Seidenstraße. Während der Blütezeit der Tang-Dynastie florierte ein reger Handel, bei dem Pferde vom tibetischen Plateau und aus dem Himalaja gegen Tee aus dem chinesischen Tiefland getauscht wurden. DNA-Untersuchungen des Pestbakteriums Yersinia pestis deuten darauf hin, dass die ältesten Stämme des Erregers, der Europa heimsuchte, seinen Ursprung in den Wüsten, Bergen und Steppen Zentralasiens hatten, um sich von dort im frühen 14. Jahrhundert entlang der mit Pferden erschlossenen Steppenkorridore und der Seidenstraße auszubreiten.

Alter Sattel | Funde aus der Mongolei wie dieser 1600 Jahre alte Sattel belegen, dass die Steppenkulturen Reitausrüstungen entwickelt hatten, die bis heute in Gebrauch sind.

Archäologischen Funden zufolge waren Steppenkulturen maßgeblich an der Erfindung oder Verbreitung wichtiger Technologien beteiligt, die noch heute dazu dienen, Pferde besser zu lenken und zu beherrschen. 2024 beschrieben meine Kollegen und ich makellos erhaltene, 1600 Jahre alte Reitutensilien aus der Mongolei. Wie die verwendeten Gerätschaften belegen, darunter ein Sattel mit hölzernem Rahmen sowie eiserne Steigbügel, entwickelten Steppenkulturen eine Ausrüstung, die den Reitern mehr Stabilität im Sattel verschaffte und ihnen die Möglichkeit bot, sich abzustützen oder aufzustehen. Das brachte erhebliche Vorteile in der berittenen Kriegsführung mit sich. Diese Hilfsmittel avancierten schließlich weltweit zum festen Bestandteil der Reiterei – von den islamischen Kalifaten bis hin zu den in arktische Regionen vordringenden Wikingern.

Ein Quell der Stärke, Widerstandskraft und Tradition

Mit archäologischen Methoden lässt sich gleichfalls nachverfolgen, wie sich domestizierte Pferde von Eurasien aus in die übrige Welt ausbreiteten und später die dortigen Kulturen prägten. Menschen brachten sie bis in die entlegensten Orte, wie die Savannen der afrikanischen Sahelzone, die Great Plains Nordamerikas, die Pampa Südamerikas oder sogar auf Inseln in Australasien und im Pazifik. Die Untersuchungen hierzu liefern zum Teil überraschende Ergebnisse.

So haben wir mit einem großen Team aus Fachleuten und Trägern indigenen Wissens zusammengearbeitet, um zu ergründen, was uns Archäologie, Genomik und einheimische Kulturen über die Geschichte domestizierter Pferde auf dem Gebiet der heutigen USA erzählen können. Die vorherrschende Ansicht unter westlichen Wissenschaftlern lautete, dass die amerikanischen Ureinwohner erst nach dem Pueblo-Aufstand von 1680, bei dem sie die spanischen Eroberer im heutigen New Mexico vertrieben hatten, damit begannen, Pferde zu züchten. Wie jedoch unser Team 2023 herausfand, nutzten indigene Völker aus der Prärie und den Rocky Mountains Pferde schon mindestens ein Jahrhundert früher, als es europäischen Aufzeichnungen zu entnehmen ist. Diese Erkenntnis bestätigt mündliche Überlieferungen und Stammeserzählungen und entspricht unseren Forschungsdaten aus ähnlichen archäologischen Befunden in Patagonien.

Für etliche indigene Kulturen war ihre enge Beziehung zu Pferden ein Quell der Stärke, Widerstandskraft und Tradition. Nun können sie auf interdisziplinäre archäologische Forschung zurückgreifen, um irreführende Narrative zu korrigieren, traditionelle Zuchtlinien zu erhalten und den Tieren ihren Platz in unserer sich wandelnden Welt zu sichern.

Menschen mit Jeans und Cowboyhüten trifft man heutzutage eher beim Einkaufen im Supermarkt als Lasso schwingend im Sattel

In vielerlei Hinsicht vollzog sich das Verschwinden der Pferde aus dem täglichen Leben im vergangenen Jahrhundert genauso schnell und mit entsprechend tiefgreifenden Konsequenzen wie ihre erste Domestikation vor 4000 Jahren. Die rasche Technisierung ersetzte in den meisten Regionen der Erde Pfade durch Asphaltstraßen und Rösser durch motorbetriebene Fahrzeuge. Die einst von Reitervölkern geschaffenen Routen wandelten sich zu ausgebauten Autobahnen – auch die Schnellstraße, auf der ich in Boulder täglich zur Arbeit fahre, begann im 19. Jahrhundert als Postkutschenweg. Menschen mit Jeans und Cowboyhüten trifft man heutzutage entlang der Rocky Mountains eher beim Einkaufen im Supermarkt als Lasso schwingend im Sattel.

Viehtrieb | Mitglieder einer nomadisch lebenden Familie in der Mongolei treiben zu Pferd ihr Vieh zusammen.

Doch die Verbindungen zwischen unserer sich ständig wandelnden Gegenwart und der fernen Vergangenheit sind mannigfaltig, wenn man weiß, wo man suchen muss. Die Lösung einiger der dringendsten Probleme des 21. Jahrhunderts – von der Rettung bedrohter Arten bis zur Bewahrung kulturellen Wissens und Traditionen – erfordert ein nüchternes und wissenschaftlich fundiertes Verständnis der jahrtausendealten Beziehung zwischen Mensch und Pferd.

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