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Anthropologie: Doppelt zum Doppelkontinent

Über den ersten Amerikaner herrscht unter Anthropologen ein erbitterter Streit, denn nicht alle Funde passen zum lange favorisierten eiszeitlichen Jäger aus Sibirien. Hatte jemand kurz vor ihm denselben Weg zurückgelegt?
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Kolumbus war bekanntlich nicht der Erste. Und auch nicht die Wikinger, die vermutlich über Grönland in die Neue Welt gelangten. Schließlich fanden die Europäer keinen menschenleeren Raum vor, sondern trafen auf eine Bevölkerung – von dem sich in Indien wähnenden Kolumbus indios genannt – mit zum Teil blühenden Hochkulturen, die sich vor denen der Alten Welt nicht zu verstecken brauchten.

So bleibt die Frage: Wer hat als Erster Amerika entdeckt? Die meisten Anthropologen sind heute davon überzeugt, dass Homo sapiens wohl tatsächlich erst sehr spät amerikanischen Boden betreten hat. Als mögliche Route wird nicht der Seeweg Richtung Westen, sondern der Landweg nach Osten angenommen. Denn zum Ende der letzten Eiszeit lag der Meeresspiegel derart niedrig, dass die Beringstraße zwischen Sibirien und Alaska trockenen Fußes überquert werden konnte. Auf der Jagd nach Mammuts – so lautet das gängige Szenario – hätten demnach vor schätzungsweise 12 000 Jahren sibirische Großwildjäger das gelobte und noch gänzlich unberührte Land erreicht.

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Lapa Vermelha IV | In der brasilianischen Region Lagoa Santa wurden in der Felsspalte Lapa Vermelha IV mehrere Skelette von Paläoindianern gefunden.
Insbesondere Forscher aus den USA vertreten hartnäckig diese These und führen die zahlreichen Funde der Clovis-Kultur in Nordamerika als überzeugenden Beleg an. Wenn auch die Beringlandbrücke als Tor zur Neuen Welt nicht angezweifelt wird, so sind jedoch nicht alle Kollegen vom sibirischen Alleinvertretungsanspruch auf den ersten Amerikaner überzeugt. Immer wieder tauchen archäologische Funde auf, die darauf hindeuten, dass vor den Mammutjägern schon jemand da war. Selbst angeblich 40 000 Jahre Fußabdrücke mussten als Beweis für eine frühe Besiedlung des Doppelkontinents herhalten – gelten aber inzwischen als falsche Fährte widerlegt.

Eine gegenüber den Eiszeitjägern besonders widerspenstig auftretende alte junge Dame hört auf den schönen Namen Luzia. Die sterblichen Überreste der wohl nur zwanzig Jahre alt gewordenen Frau wurden bereits Mitte der 1970er Jahre entdeckt – und zwar in der Region Santa Lagoa, mitten in Brasilien. Die Datierung ergab das stolze Alter von 11 000 bis 11 500 Jahren; Luzia – so benannt als Hommage an das drei Millionen Jahre ältere Skelett "Lucy" – dürfte damit die bisher älteste Amerikanerin sein.

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Luzia | Der Schädel einer jungen Frau – genannt "Luzia" – ist schätzungsweise 11 000 bis 11 500 Jahre alt.
Stammte Luzia von denselben Einwanderern ab, welche die Clovis-Kultur begründeten? Walter Neves und Mark Hubbe bestreiten das schon lange. Die beiden Anthropologen von der Universität São Paulo haben sich Luzias und weitere 80 Schädel des Fundortes noch einmal vorgenommen und genauestens vermessen. Der Vergleich mit anatomischen Schädelmerkmalen aus der ganzen Welt sollte erhellen, wo der Ursprung von Luzia und Co zu suchen ist.

Das Ergebnis: Die langen und schmalen Schädel dieser frühen Südamerikaner mit niedriger, vorspringender Stirn und niedrigen, breiten Augenhöhlen passt überhaupt nicht zu den kurzen und breiten Clovis-Schädeln mit hoher, fliehender Stirn und hohen, schmalen Augenhöhlen aus Nordamerika. Während die Clovis-Indianer damit ihre mongolische Herkunft nicht verleugnen, passen die südamerikanischen Skelette eher zu Völkern aus Australien, Melanesien und Afrika.

Schlussfolgerung: Es gab mindestens zwei Einwanderungswellen. Vor den sibirischen Mammutjägern, die sich in Nordamerika niederließen, erreichten Menschen aus dem australisch-melanesischen Raum den Doppelkontinent und breiteten sich als so genannte Paläoindianer in ganz Südamerika aus. Der Zeitpunkt dieser Einwanderung – vor 14 000 Jahren oder vielleicht sogar vor 20 000 Jahren – verliert sich im Dunkeln.

Auch über die Route dieser frühen Siedler wissen wir nichts. Neves und Hubbe bestehen aber nicht auf dem immer wieder angeführten Seeweg entlang der pazifischen Küste. Die Beringlandbrücke könnte schließlich auch schon für die werdenden Südamerikaner offen gewesen sein. Und vielleicht trafen sie wirklich auf einen menschenleeren Raum – vielleicht aber auch nicht.
13.12.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 13.12.2005

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