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Populationsgenetik: Doppelter Nachschub

Ob das Schicksal des britischen Empire von ihnen abhängt, sei dahingestellt. Sicher ist, dass sie als einzige frei lebende Affenpopulation Europas den Felsen von Gibraltar schon längere Zeit besetzt halten. Woher sie stammen, blieb bisher ein Rätsel.
Macaca sylvanus
Sommer 1942. Die Lage war ernst. Die Moral der Truppe am Boden. Der Premierminister musste handeln, sollte das britische Empire nicht untergehen. Schließlich entschloss sich Winston Churchill zu einer kriegswichtigen Operation, die strengster Geheimhaltung bedurfte: Persönlich befahl er dem Oberkommandierenden der britischen Truppen in Nordafrika, unverzüglich und unter allen Umständen den akut bedrohten Bestand der Berberaffen von Gibraltar mit frischem Nachschub aus Afrika zu unterstützen.

Macaca sylvanus | Die Bestände der Berberaffen (Macaca sylvanus) auf Gibraltar haben sich heute erholt. In Marokko und Algerien ist die Art dagegen stark bedroht.
Die Operation gelang. Heute beherbergt der Felsen wieder über 200 Tiere, während vor Churchills Eingreifen die Affenkolonie auf Grund einer Infektionskrankheit kurz vor dem Zusammenbruch stand. Die Briten, die Gibraltar seit 1704 besetzt halten, können also wieder beruhigt sein – müssen sie doch angeblich den einst strategisch wichtigen Ort erst dann räumen, wenn auch der letzte Affe von dort verschwunden ist.

Doch woher stammen die einzigen frei lebenden Affen Europas, um die sich seit 1913 das britische Militär kümmert? Sicher ist, dass sie sich schon vor den Briten hier wohl fühlten. Als unwahrscheinlich gilt die Annahme, sie seien die letzten Überlebenden einer in Südwesteuropa heimischen Population, die sich während der Eiszeit auf den Affenfelsen zurückziehen konnte. Fossile Überreste von Makaken tauchten zwar von verschiedenen Orten in Europa auf – nicht jedoch auf Gibraltar. So könnten sie auch ein Mitbringsel von Tarik Ibn Sijad gewesen sein, der im Jahr 711 den nach ihm benannten Felsen eroberte und damit die arabische Herrschaft über Spanien einleitete.

Auch wenn es ihm auf Gibraltar dank britischer Fürsorge und reichhaltiger Fütterung durch heutige Touristenscharen recht gut geht, Macaca sylvanus, wie der Berberaffe von Zoologen genannt wird, steht seit 2002 auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten. Schon die Römer hatten in den Wäldern Nordafrikas ihren Holzhunger gestillt und damit den Lebensraum der Makaken immer weiter eingeschränkt. Abholzungen in jüngster Zeit haben die Bestände in Marokko und Algerien auf schätzungsweise 10 000 Individuen zusammenschrumpfen lassen. Nicht zuletzt deswegen interessierten sich drei Biologen – Lara Modolo von der Universität Zürich, Walter Salzburger von der Universität Konstanz und Robert Martin vom Field-Museum in Chicago – für die genetische Vielfalt der gefährdeten Spezies.

Als Maß wählten die Forscher das nur über die weibliche Linie weitergegebene Erbgut der Mitochondrien, das sie von 280 Tieren aus Algerien, Marokko und nicht zuletzt von Gibraltar gewannen. Zum Vergleich dienten verwandte Makaken-Arten, wie Macaca tonkeana, M. nigra, M. nemestrina, M. mulatta, M. fascicularis und M. arctoides.

Die Analyse der mtDNA ergab eine erstaunliche genetische Vielfalt der Berberaffen: Insgesamt 24 Gruppen konnten die Forscher unterscheiden. Während die marokkanischen Makaken ein recht einheitliches Bild zeigten, erwiesen sich ihre algerischen Artgenossen als deutlich inhomogener. Nachdem die Gattung Macaca vor schätzungsweise 5,5 Millionen Jahren erstmalig auftauchte, gingen die Marokkaner vermutlich vor etwa 1,6 Millionen Jahren ihre eigenen Wege.

Und die Gibraltareños? Überraschenderweise bergen sie gleich zwei genetische Wurzeln: Die heutigen Bewohner des Affenfelsen stammen von Einwanderern sowohl aus Marokko als auch aus Algerien ab. Churchills Befehl wurde demnach entweder gleich doppelt ausgeführt, oder es haben doch mehr Tiere den Populationszusammenbruch zu Beginn der 1940er Jahre überlebt, deren genetische Spuren sich heute noch nachweisen lassen. Wie dem auch sei, die Operation des britischen Militärs war vielleicht nicht kriegsentscheidend – aber nachhaltig.

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