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Archäologie: Drachenbräu

Saßen die ersten Trinker nun im Orient oder doch eher in Ostasien? Die Bayern waren es jedenfalls nicht - trotz Reinheitsgebot und Oktoberfest: Es sind Funde aus China, die eine sehr komplexe Alkohol- und Brauwesenhistorie zeigen.
Es muss feucht-fröhlich zugegangen sein im chinesischen Steinzeitweiler Jiahu in der Provinz Henan vor 9000 Jahren: Eine Kapelle spielte mit einigen der ältesten Musikinstrumente der Erde zum Tanz auf, man genoss den ersten gezüchteten Reis Nordchinas aus einem ganzen Sammelsurium früher Tonwaren, und selbst ein guter Drink war wohl damals schon nicht weit.

Bislang war nur bekannt, dass sich erst später – während der Shang-Dynastie vor etwa 3000 bis 3600 Jahren – zumindest die höheren Chargen der Bevölkerung auf besseren Festen an unterschiedlichen Alkoholika laben konnten: Zur Auswahl standen wahrscheinlich chang, ein Kräuterwein, und jiu, ein vollständig vergorenes und gefiltertes Reis- oder Hirsegetränk für den gestandenen Trinker mit 10 bis 15 Prozent Alkoholgehalt. Aber auch an die Damenwelt war gedacht mit li, einem süßen, leichten Reis- oder Hirsebierchen. In späteren Jahrtausenden der Zhou-Herrschaft erweiterten die Braumeister die Spirituosenabteilung noch um den fruchtigen luo und ein naturtrübes lao aus der Stammwürze.

Antiker Krug aus ChinaLaden...
Antiker Krug aus China | Antiker Krug aus China: In diesen durch Korrosion versiegelten Bronzekrügen fanden sich noch nach 3000 Jahren Aromen frühzeitlicher Alkoholika. Sie wurden durch Fermentation aus Reis, Kräutern und Harzen erzeugt.
Aber die Geschichte des chinesischen Alkoholbrauwesens und -konsums reicht anscheinend noch viel weiter zurück. Dies legen Analysen von Patrick McGovern von der Universität von Pennsylvania und seinem Team nahe. Sie untersuchten neolithische Tonscherben aus Jiahu mittels einer Gaschromatographie mit Massenspektrometer und verglichen die Ergebnisse mit Materialproben der späteren Shang- und Zhou-Phasen. Eine der ersten chinesischen Destillen stand demnach wohl schon vor 9000 Jahren in Jiahu und stellte dort ein relativ einfaches Gebräu aus Reis, wilden Trauben oder Weißdorn sowie Honig her. Es weist aber immerhin bereits Ähnlichkeiten mit heutigen Reis- oder Traubenweinen auf. Um die Gärung damals überhaupt in Gang zu setzen, mussten zuckerhaltige Beigaben zugefügt werden. Vergoren wurde die Steinzeit-Plörre in großen Tonkrügen.

Ausgeklügelter waren die Rezepte und Techniken 5000 bis 6000 Jahre später in der Shang-Zeit: Zum Einsatz kamen anscheinend erstmals Hefen, die Getränke wurden aus Reis, Kräutern und Baumharzen erzeugt und vielleicht auch mit Blütenextrakten aromatisiert. Das Vergären und Verzuckern von chang und jiu erfolgte mit zusätzlicher Hilfe von Schimmelpilzen, ein einzigartiger Beitrag der Chinesen zur Trinkkultur, so die Forscher. Die Pilze knackten die langkettigen Kohlenhydrate von Getreide und zerstückelten sie in einfache, fermentierbare Zucker.

Die Aromen der frühzeitlichen chinesischen Alkoholika ließen sich sogar noch nach 3000 Jahren erahnen. Sie überstanden die Zeiten in hermetisch versiegelten Bottichen und Krügen als Grabbeigaben hoher Herren: Seelentröster im wahrsten Sinne des Wortes. Nach Meinung der Wissenschaftler trug auch die Entstehung größerer Siedlungen mit ihren komplexen Strukturen zur Ausdifferenzierung des Getränkesortiments bei: Die sich ausbildenden Degustationsmilieus verlangten nach neuen Geschmäckern.

Mit den chinesischen Entdeckungen verschiebt sich der Anbeginn beabsichtigter Alkoholproduktion durch den Menschen um drei Millenien nach vorne. Bislang ging man davon aus, dass die Babylonier die ersten Zecher waren: Sie hinterließen verschiedene Bierrezepte auf Tontafeln, die auf 4000 Jahre vor Christus datiert werden konnten. Noch später widmeten sich europäische Kulturen den geistigen Getränken: Erst Römer und Griechen kultivierten den Weinanbau und die Weinproduktion.

Die Sommeliers und Braumeister aus Jiahu waren aber nicht nur die wahrscheinlich ersten Spirituosenhersteller, sondern setzten ebenso Maßstäbe in der Alkoholerzeugung, die in Fragmenten noch im heutigen China erhalten sind: In vielen Teilen des Landes schätzt man shouzhou mi jiu – Reiswein mit fermentierten Früchten. An diese 9000 Jahre alte Tradition müssen die Bayern erstmal anknüpfen.
07.12.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 07.12.2004

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