Dramatische Prognose: Das Hirtentum droht im Klimastress unterzugehen

Sie sind überall und so vielfältig wie die Namen, die sie tragen: Prärien, Pampa, Steppen oder Almen. Graslandschaften prägen das Angesicht des Planeten wie sonst nur noch Wälder. Mehr als ein Drittel der Erde ist von Grasland bedeckt.
Doch der Klimawandel könnte diese Landschaften schon in wenigen Jahrzehnten in nicht nutzbare Wüsten verwandeln und damit auch das viele Jahrtausende alte System des Wanderhirtentums vernichten, warnt eine neue Studie. Die Folgen wären fatal – für Millionen Menschen, Tiere und die Natur.
In den Weiten der Mongolei ziehen Hirten mit ihren Yak-Herden durch die Steppe, in Afrika wandern nomadisch lebende Völker mit Rindern und Ziegen Hunderte Kilometer durch die Savanne, und in Südamerika treiben Gauchos Rinder über die weite Pampa. Geschätzt 500 Millionen Menschen leben weltweit von der Weidewirtschaft.
Gemeinsam ist ihnen, dass sie es verstehen, dort Lebensmittel zu erzeugen, wo industrielle Formen der Landwirtschaft chancenlos wären. Wo die jahreszeitlichen Wetterextreme zu groß sind und die natürlichen Ressourcen zu karg, als dass sich darauf eine lohnende Lebensmittelproduktion betreiben ließe.
Fast überall dort haben Hirten mit ihren Tieren übernommen: Immer in Bewegung und maximal flexibel, schaffen es Wanderhirten, diese Landstriche zu produktiven Stätten zu machen. Dürre Gräser und trockene Büsche liefern die Energie, aus der Kamele, Ziegen, Schafe oder Rinder Milch, Fleisch oder Wolle produzieren.
»Hirten sind Experten darin, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein«, sagt Pedro Herrera. Der spanische Biologe berät Weideprojekte überall auf der Erde. »Das System des Wanderhirtentums meistert Dürren genauso gut wie Überschwemmungen, weil Menschen mit ihren Tieren eine Landschaft nur gerade so lange nutzen, wie dort günstige Bedingungen herrschen und Nahrung für das Vieh vorhanden ist«, erklärt Herrera das Prinzip des Pastoralismus, wie das Hirtentum in der Fachwelt heißt. Sind Büsche, Gräser und Sträucher abgeknabbert, ziehen Hirten und Herde weiter – und der Boden kann sich erholen.
»Der Pastoralismus«, sagt Herrera, »ist das Ergebnis einer Co-Evolution von Mensch, Tier und Landschaft über Tausende Jahre hinweg.« Er produziert Landschaften, die Menschen Nahrung und der Natur Refugien für die Artenvielfalt bieten.
Doch in Zeiten des Klimawandels ist diese Koexistenz von Mensch und Natur akut in Gefahr, warnen Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) in einer gerade veröffentlichten Studie. Sie haben errechnet, dass die für mobile Beweidung geeignete Fläche überall auf der Erde schon innerhalb der nächsten Jahrzehnte durch die Erderhitzung drastisch zusammenschmelzen wird. Damit sei »die Lebensgrundlage sehr vieler Menschen bedroht«, heißt es in der im Fachjournal »PNAS« veröffentlichten Analyse. Denn selbst die flexibelsten Hirten sind machtlos, wenn etwa unter zunehmender Hitze und Trockenheit das letzte Gras einer Wüste weicht.
Zwischen 16 und 65 Prozent aller Weidegebiete Afrikas könnten durch Dürren oder andere Wetterextreme verloren gehen
Zwischen einem Drittel und der Hälfte der heute noch klimatisch geeigneten Weideflächen könnten auf diese Weise ihre Nutzbarkeit verlieren – je nachdem, wie gut oder wie schlecht die im Pariser Klimaabkommen beschlossene Verringerung der Treibhausgasemissionen von den Staaten der Erde umgesetzt wird. Das ergab die Modellierung der Potsdamer Forscherinnen und Forscher, die sich auf Prognosen zu globalen Klimadaten wie Temperatur, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit und Windgeschwindigkeit stützten und dabei verschiedene optimistische und pessimistische Szenarien der CO2-Reduktion berücksichtigten.
Auch in Europa droht der Verlust der Weideflächen
Afrika, Südamerika und Ozeanien sehen die Forscher als am stärksten betroffen. Aber auch in Europa, wo der Klimawandel sich doppelt so schnell vollzieht wie im globalen Durchschnitt, sehen sie dramatische Veränderungen kommen. Bis zur Jahrhundertwende in gut 70 Jahren erwarten die Expertinnen und Experten des PIK und des Barcelona Supercomputing Centers, dass die für eine Beweidung geeignete Fläche in Europa je nach Szenario um 87 bis 95 Prozent schrumpft – vor allem auf der Iberischen Halbinsel.
Noch härter trifft es Afrika. Dort liegen die Temperaturen schon heute in vielen Regionen am oberen Rand dessen, was für Mensch und Tier biophysikalisch verträglich ist. Wenige Grad Celsius mehr drohen ganze Landstriche in lebensfeindliche Zonen zu verwandeln, warnen die Forscher. Zwischen 16 und 65 Prozent aller Weidegebiete Afrikas könnten dann durch Dürren oder andere Wetterextreme verloren gehen. Auch die direkte Hitzebelastung könnte schon bald die Schwelle dessen überschreiten, was selbst unempfindliche Weidetiere wie Rinder, Ziegen oder Schafe auf Dauer noch dauerhaft ertragen.
Das Forscherteam berücksichtigte immer auch die Möglichkeit, dass der Klimawandel neue Landstriche für Weidewirtschaft eröffnen könnte, die bislang dafür nicht infrage kamen. Solche Flächen gebe es durchaus, doch der errechnete Zugewinn könne schon rein flächenmäßig nicht den prognostizierten Verlust ausgleichen. Und ob sich die hinzugekommenen Flächen nicht nur klimatisch, sondern auch politisch, rechtlich oder ökologisch für Weidehaltung eignen, berücksichtigt das Modell ohnehin nicht.
Es trifft wieder einmal die ohnehin schon Armen
Die Folgen einer solchen Entwicklung dürften jedenfalls katastrophal sein für Afrika. Denn dort spielt das Hirtentum bis heute eine weitaus größere Rolle für die menschliche Ernährung und die wirtschaftliche Entwicklung als in Europa. Die Wandertierhaltung steuert in manchen afrikanischen Ländern 80 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Produktion bei und macht über ein Viertel der gesamten volkswirtschaftlichen Wertschöpfung aus. Sie ist für diese Länder damit so wichtig wie Öl und Gas für den Reichtum Norwegens oder der Industriesektor für den Wohlstand in Deutschland.
Generell werde die Weidelandkrise insbesondere solche Länder treffen, in denen die Menschen schon heute unter Hunger und politischer Instabilität leiden, betont Studien-Erstautorin Chaohui Li. Sie und ihre Kollegen erwarten weltweit negative Auswirkungen auf deutlich mehr als 100 Millionen Menschen und ihre in die Milliarden gehenden Nutztiere.
Konkurrenz durch die Intensivlandwirtschaft
Der Klimawandel ist dabei das langfristig vielleicht größte, aber bei Weitem nicht das einzige Problem für die Hirten. Weil sie große Flächen für ihre Form der Landwirtschaft benötigen, bekommen sie gleich an vielen Orten die Probleme zu spüren, die mit der wachsenden Konkurrenz um Flächen einhergehen. Eine aktuelle Studie eines internationalen Forschungsverbunds, an dem auch das Frankfurter Senckenberg Klima- und Biodiversitätsforschungszentrum mitwirkte, zeigt, dass Grasland um ein Vielfaches stärker von der Umwandlung in landwirtschaftlich genutzte Flächen betroffen ist als die Wälder der Erde: Zwischen 2005 und 2020 wurde fast viermal so viel Grasland in Ackerflächen oder bewirtschaftetes Weideland umgewandelt wie Wald.
Im Zuge dessen wurden weltweit bis zu 95 Millionen Hektar Grasland, Savannen und Feuchtgebiete zerstört, um darauf Soja, Mais oder andere Getreide anzubauen. Das entspricht einer Fläche von der Größe Deutschlands, Frankreichs und Belgiens zusammengenommen. Noch einmal so viel wurde in Intensiv-Rinderweiden für den Exportfleischmarkt umgewandelt.
Wo dies noch nicht geschehen ist, verstellen immer häufiger politische Konflikte und militärische Auseinandersetzungen und manchmal schlicht Zäune den Hirten den Weg. Auch der Ausbau der Energieinfrastruktur, von Verkehrswegen und der Flächenfraß für Städte bringen die Wanderhirten in Bedrängnis.
Hirten sind Arten- und Klimaschützer
Hoffnung schöpfen die Verteidiger des jahrtausendealten Systems des Pastoralismus aus der zaghaft zunehmenden Anerkennung dieser Form der Landnutzung als wichtigem Beitrag im Kampf gegen die großen ökologischen Krisen unserer Zeit. »Wenn wir die Weidesysteme stärken, tragen wir auch dazu bei, die Ziele zu erreichen, die sich die Weltgemeinschaft im Kampf gegen Hunger, Klimawandel und für den Erhalt der Artenvielfalt gesetzt hat«, glaubt etwa Gregorio Juan Velasco Gil. Der Pastoralismus-Experte der Welternährungsorganisation FAO ist eine der treibenden Kräfte hinter der Entscheidung der Vereinten Nationen, das Jahr 2026 zum »Internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums« auszurufen. Damit will die Staatengemeinschaft auf die Bedeutung des oft als überkommen angesehenen Pastoralismus auch im 21. Jahrhundert hinweisen.
Am Hirtentum wird auch kein Weg vorbeiführen, wenn die Weltgemeinschaft die Ziele erreichen will, die sie sich 2022 im Weltnaturabkommen von Montreal gesetzt hat: das Artensterben und den Verlust natürlicher Ökosysteme bis 2030 zu stoppen.
Zwei Drittel der globalen Hotspots der Artenvielfalt lägen in Weidelandschaften, die weitgehend ohne Schutz seien, hat ein Team internationaler Biodiversitätsforscher im Fachjournal »BioScience« analysiert. Die Antwort sehen sie allerdings nicht zwangsläufig in einem Mehr an Schutzgebieten. Artenvielfalt müsse auch außerhalb jener Gebiete gedeihen können, die ausschließlich für die Natur reserviert sind.
»Beweidung ist überlebenswichtig für die Biodiversität«, heißt es darum in der Studie. Weidegebiete können zusammen mit den Schutzgebieten ein »großflächiges Netzwerk bilden, das maßgeblich dazu beiträgt, den weltweiten Verlust biologischer Vielfalt zu bremsen«.
Auch in Deutschland spielt die Wanderschäferei eine wichtige Rolle im Naturschutz. Hier sind die Dienste von Schafen, Rindern und Ziegen als Landschaftsgärtner gefragt, die artenreiche Heiden offen halten und ökologisch wertvolle Trockenrasengebiete vor dem Zuwachsen bewahren.
Die UN hat das Jahr 2026 zum »Internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums« ausgerufen
Während der Wert des Pastoralismus für den Naturschutz erst langsam in seiner Bedeutung erkannt wird, sehen die Staaten der Erde seinen Wert im Kampf gegen den Hunger seit Langem. Die kommende UN-Konferenz zur Sicherung der globalen Ernährung im August stellt den Schutz des Weidelands sogar in den Mittelpunkt: »Restoring Land, Restoring Hope«, lautet das Motto der COP17 der UN-Anti-Wüstenkonvention UNCCD.
Auch für den Klimaschutz ist der Erhalt der Weidelandschaften von entscheidender Bedeutung. Rund 20 Prozent des Bodenkohlenstoffs der Erde sind in Graslandökosystemen gebunden. Hinzu kommt die Brandschutzwirkung durch regelmäßige Beweidung. Auf der Iberischen Halbinsel etwa hilft die Weidetierhaltung, die Vegetation kleinzuhalten. Sie gilt als eine der effektivsten Maßnahmen zur Minderung der Klimafolgen.
Bei allen Herausforderungen durch den Klimawandel: Für die Hirten weltweit sind sich ändernde klimatische Bedingungen alles andere als Neuland – bisher haben sie stets bewiesen, dass sie auch dramatische Veränderungen bewältigen können.
Ob sich die Umbrüche der Vergangenheit mit den Auswirkungen des Klimawandels vergleichen lassen, scheint zumindest den Potsdamer Klimaforschern fraglich. Zwar seien Hirten schon immer mit dem Klima gewandert, schreiben sie. Das erwartete Ausmaß der Erwärmung drohe aber ganze Kontinente zu erfassen, sodass ein Ausweichen unmöglich werden könne. Zuversichtlicher zeigt sich dagegen FAO-Experte Velasco Gil. Die Weidewirtschaft sieht er als ein Symbol für die Resilienz von Mensch und Landschaft selbst in extremen Situationen. »Pastoralisten haben es über 10 000 Jahre hinweg geschafft, sich an Wetterextreme und Klimaveränderungen anzupassen«, sagt er. »Etwas derart Starkes und Widerstandsfähiges wird noch weitere 10 000 Jahre und länger Bestand haben.«
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