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Klimawandel: Dramatischer Eisschwund in der Arktis

Das Ausmaß dauerhaft gefrorenen, arktischen Meereises schwand im Vergleich der Jahre 2004 und 2005 innerhalb von nur zwölf Monaten um 14 Prozent – eine Fläche von der Größe der Türkei. Zum Vergleich: In den Jahrzehnten zuvor betrug die durchschnittliche Abnahme 0,7 Prozent pro Jahr.

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Meereis schwindet | Binnen Jahresfrist (von 2004 auf 2005) nahm die Fläche permanent gefrorenen Meereises (weiß) in der Arktis um knapp 15 Prozent ab. Im Winter wird es ersetzt durch dünnere Eisdecken (rosa), die im Sommer aber komplett abtauen.
Nach Angaben von Son Nghiem vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa im kalifornischen Pasadena konzentrierten sich die Verluste vor allem auf den ostarktischen Ozean nördlich von Europa und Sibirien, wo das Dauereis um knapp die Hälfte abnahm [1]. Es taute allerdings nicht nur wegen steigender Temperaturen ab, sondern große Flächen wurden auch durch ungewöhnlich starke Winde in das westarktische Meer verdriftet. Insgesamt sei jedoch ein Nettoverlust zu verzeichnen, so der Wissenschaftler. Die neu frei gelegte Meeresoberfläche wird während des Winters durch neues Meereis bedeckt, doch schmilzt dieses im Sommer wieder komplett ab, da es deutlich dünner ist als Dauereis. Erschwerend kommt hinzu, dass das dunkle Wasser verglichen mit dem stark reflektierenden Eis einen großen Teil der eingestrahlten Sonnenenergie speichert. Die Wärmeabgabe aus dem Meer verschärft wiederum den Klimawandel in der Region, die sich ohnehin doppelt so schnell und stärker erwärmt als der Rest des Planeten.

Satellitenbildauswertungen von Josefino Comiso vom Cryospheric Sciences Branch der Nasa in Greenbelt im US-Bundesstaat Maryland zeigen denn auch, dass im langjährigen Vergleich mittlerweile sogar im Winter die Meereis-Ausdehnung deutlich schwindet. Im Jahr 2006 war sie sechs Prozent kleiner als im Vorjahr, während der winterliche Rückzug seit Beginn der Messungen 1980 sonst nur 1,5 bis 2 Prozent pro Jahrzehnt betrug.

Dieser Wandel der Lebensbedingungen macht nach Angaben von Claire Parkinson vom Goddard Space Flight Center der Nasa und Ian Stirling vom kanadischen Wildlife Service in Edmonton dem Charaktertier des hohen Nordens, dem Eisbären (Ursus maritimus) immer stärker zu schaffen [2]. Das stetig zeitigere Auseinanderbrechen der Meereisdecke in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebietes verkürzt ihre Jagdzeiten und zwingt sie in kleinere Rückzugsgebiete, in denen sie verstärkt mit Artgenossen um Beute konkurrieren müssen. In der westlichen Hudson-Bay – einem der Schwerpunkte der Bären-Population – löst sich die Gefrornis jetzt rund 15 Tage früher auf als noch Ende der 1970er Jahre.

Viele der Tiere sind heute deshalb im Mittel mit knapp 250 Kilogramm dünner und leichter als noch vor wenigen Jahrzehnten, als sie noch 325 Kilogramm wogen. Die Bären müssen im Frühjahr Fettreserven für den Sommer anlegen, da ihr Jagderfolg dann geringer ist. Die Eisbären jagen bevorzugt an Löchern in der Eisdecke oder von Eisschollen aus Robben und andere Meeressäuger, denen sie ansonsten im offenen Wasser unterlegen wären.
15.09.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 15.09.2006

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