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News: Drei neue Affenarten auf Madagaskar

Die Insel Madagaskar ist das El Dorado der Systematiker. Viele noch unbekannte Tier- und Pflanzenarten harren hier ihrer Entdeckung, und selbst bei Säugetieren werden die Forscher noch fündig. Jetzt beschrieben sie drei neue Lemurenarten.
Nahezu jeder Zoologe oder Botaniker träumt davon, eine neue Art zu entdecken und zu beschreiben. Große Chancen hat er, wenn er sich auf Madagaskar begibt. Die afrikanische Insel beherbergt etwa 12 000 Blütenpflanzenarten, 300 Schmetterlingsarten, die Hälfte der Chamäleonvarietäten und nahezu 100 Säugerarten. Auf Grund der erdgeschichtlich langen Isolation der Insel sind fast alle Arten endemisch, das heißt, sie kommen nirgendwo sonst auf der Welt vor. Etliche von ihnen haben die Systematiker noch nicht erfasst. Das gilt auch für höhere Säugetiere wie die schätzungsweise 40 Lemurenarten – eine Gruppe von Halbaffen, die ausschließlich auf Madagaskar vorkommen.

Die kleinsten von ihnen, die Mauslemuren, sind mit etwa 400 Individuen pro Quadratkilometer zwar relativ häufig, die nachtaktiven, scheuen Tiere zeigen sich den neugierigen Wissenschaftler jedoch nur selten. Noch vor wenigen Jahren glaubten die Biologen, dass nur zwei Arten die Insel besiedeln: Der graue Mausmaki Microcebus murinus in den trockenen Wäldern der Westküste und der rote Mausmaki Microcebus rufus in den feuchten östlichen Wäldern. 1992 wurde der inzwischen verschwundene Zwergmausmaki Microcebus myoxinus wiedergefunden. Aufsehen erregten 1998 Wissenschaftler der Tierärztlichen Hochschule Hannover, als sie eine bis dahin völlig unbekannten Art entdeckten: den goldbraunen Mausmaki Microcebus ravelobensis.

Doch damit nicht genug. Im gleichen Jahr fand ein internationales Team von der Universität Hamburg, der University of Antananarivo auf Madagaskar, dem Deutschen Primatenzentrum in Göttingen und vom Field Museum in Chicago vier neue Typen, die sie den bekannten Arten zunächst nicht zuordnen konnten. Die Wissenschaftler hatten Mauslemurpopulationen von zwölf unterschiedlichen Regionen der Insel untersucht. Jetzt verglichen sie Zähne, Schädel und Körpergröße der Tiere, um das Dickicht zu lichten. "Von Museumsexemplaren war klar, dass es eine enorme Anzahl an Variationen bei den Mauslemuren gibt", erinnert sich der amerikanische Forscher Steven Goodman. "Aber vorherige Abschätzungen beruhten auf zu wenigen, weit verstreuten Exemplaren, die oft ihre Farbe verloren hatten und bis zu 150 Jahre alt waren." Unterstützt wurde die Arbeit durch genetische Untersuchungen, welche die Evolutionsbiologin Anne Yoder von der Northwestern University durchführte.

Die jetzt vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass sich die Populationen sieben Arten zuordnen lassen, wovon drei wiederum für die Wissenschaft völlig neu sind (International Journal of Primatology vom Dezember 2000). Zu den bereits bekannten Arten Microcebus murinus, Microcebus myoxinus und Microcebus ravelobensis gesellt sich die erst kürzlich wiederentdeckte Art Microcebus griseorufus sowie die drei Neulinge, die nun auf die Namen Microcebus berthae, Microcebus sambiranensis und Microcebus tavaratra hören.

"Es ist unglaublich selten, dass neue Primatenarten entdeckt werden, gar nicht zu sprechen von drei neuen Arten", berichtet Goodman. Die Wissenschaftler müssen sich mit ihren Entdeckungen beeilen, da die Lemuren durch die Abholzung der madegassischen Wälder stark bedroht sind. "Vor unser Arbeit dachten wir, dass Microcebus murinus die einzige Mauslemurenart in ganz Westmadagaskar ist", erzählt der madegassische Forscher Rodin Rasoloarison. "Wir glaubten, die Art sei durch die Zerstörung eines Waldgebietes nicht bedroht, da sie auch woanders vorkommt. Jetzt wissen wir, dass es sich um sehr viele Arten handelt. Das hat entscheidende Bedeutung für den Schutz unserer isolierten Wälder." Es geht dem Wissenschaftler jedoch nicht nur um Natur- und Artenschutz: "Das Verständnis der Biologie und Evolution der Lemuren öffnet uns ein Fenster für die Geschichte der fortgeschrittenen Primaten – einschließlich uns selbst."

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